Standpunkt

„Versachlichung: Traum oder Albtraum“

Versachlichung: Traum oder Albtraum

Versachlichung: Traum oder Albtraum

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Ein Standpunkt von Siegfried Matlok zum Artikel „Hinrich Jürgensen will Sachlichkeit in Ortsschild-Debatte bringen“.

Der Hauptvorsitzende des Bundes deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, hat am Donnerstag in unserer Papierzeitung zu einer Versachlichung in der erhitzten Schilderdebatte aufgerufen.

Das kann ich nur begrüßen und will gern meinen Beitrag dazu leisten – durch Aufklärung.

Wenn „HJ“ darauf hinweist, dass meine Person und der Hauptvorsitzende Hans Heinrich Hansen bereits 2004 die Konvention des Europarates kritisiert und schon damals den Wunsch nach zweisprachigen Ortsschildern geäußert haben, so ist dies richtig und doch völlig falsch zugleich. Die Ausgangsposition war damals natürlich eine ganz andere als heute, und wenn ich jetzt von schlauen Köpfen in der Volksgruppe hören muss, dass wir – damit wären ja wohl Hansen, Peter Iver Johannsen und meine Wenigkeit gemeint – damals „Duckmäusertum“ (!) betrieben hätten, so ist dies üble Geschichtsfälschung. Das Gegenteil war der Fall!

Nur zur Erinnerung folgender Hintergrund: Es gab 2004 berechtigte Existenzängste in der deutschen Volksgruppe vor dem Hintergrund der bevorstehenden Kommunalreform, ja dabei war sogar in höchsten Kreisen von einer möglichen dänischen „Liquidierung“ der Minderheit die Rede!

Als (erster) Leiter des deutschen Sekretariats Kopenhagen habe ich selbst an den sogenannten Länderberichten für Sprachen-Charta und Rahmenkonvention des Europarates (bitte nicht mit EU zu verwechseln!) direkt mitgearbeitet. Das Verhältnis zum Innenministerium und Kontorchefin Pernille Christensen war damals so vertrauensvoll, dass mir sogar die Entwürfe der dänischen Regierung vorab zur Verfügung gestellt wurden, so dass ich durch meine Stellungnahmen auch viele wichtige Änderungen im offiziellen Text in unserem Interesse erreicht habe. Die zweisprachigen Ortsschilder wurden zwar vom Europarat erwähnt, aber das war damals überhaupt nicht unser Anliegen. Unsere Politik beruhte auf kleinen Schritten, auf dem Bohren dicker Bretter. Uns ging es um praktische Verbesserungen der deutschen Sprache im öffentlichen Raum und auch darum, die Sichtbarkeit der Minderheit zu erhöhen – beginnend mit neuen kommunalen Hinweisschildern für deutsche Institutionen in Nordschleswig. Ein konkretes Ergebnis war damals die Einführung von deutschsprachigen Nachrichtensendungen bei Radio Mojn – ein wichtiges Ergebnis nicht nur für den „Nordschleswiger“. Das „Angebot“ des Europarates, vom dänischen Staat einen eigenen Fernsehsender zu fordern, haben wir abgelehnt – auch wegen begrenzter Ressourcen!

Dabei kämpften wir sozusagen an zwei Fronten: In der deutschen Minderheit gab es nur sehr wenige, die die Arbeit und Empfehlungen des Europarates überhaupt von Bedeutung für die deutsche Minderheit einstuften, denn er hatte und hat bis heute keine exekutive Rechtskraft und seine Texte sind meistens juristisch-schwammig und unterschiedlich interpretierbar.

In Erinnerung ist mir geblieben, dass ein dänisch-südschleswigscher Experte in Minderheitenfragen, der für den BDN ein Gutachten über die Wichtig- und Notwendigkeit des Europarates erstellt hatte, von uns nach Sankelmark eingeladen wurde, und dass er dabei keine überzeugenden Angaben über den rechten Sinn der Empfehlungen durch den Europarat geben konnte. Neue Zweifel, die ich allerdings nicht geteilt habe, da ich die Empfehlungen durchaus als ein strategisch-langfristiges politisches Mittel zu Verbesserungen betrachtete. Allerdings mussten wir damals bei den Beratungen mit dem Expertenkomitee des Europarates über so manche Empfehlungen den Kopf schütteln, z. B. wenn uns ein Experte aus Serbien erzählen wollte, wie wir Minderheiten-Politik gegen die „bösen“ Dänen durchsetzen sollten.

Selbst unsere vorsichtig vorgetragenen Wünsche lösten jedoch massive Proteste auf dänischer Seite in Nordschleswig aus. Es ist Heuchelei schlimmster Art, wenn heute dänische Journalisten zweisprachige Ortsschilder unterstützen, während sie damals gegen uns – und vor allem gegen mich persönlich – hetzten und uns bösen nationalen, ja nationalistischen Verdächtigungen aussetzten. Da war davon die Rede, wir würden z. B. fordern, dass die deutsche Sprache die dänischen Rathäuser erobern würde, ja auch in eigenen Reihen wurde sogar „von einem Alleingang Matloks“ Abstand genommen.

Von zweisprachigen Ortsschildern war zwar mit keinem Wort die Rede, dennoch wurde damals eine negative Grundstimmung mit unbegründeten Verdächtigungen durch die dänische Presse erzeugt, die noch bis heute spürbar ist. Unsere Politik bestand darin einerseits der deutschen Minderheit neues Selbstvertrauen zu vermitteln, andererseits unsere maßvollen Wünsche nach Gleichberechtigung „offensiver“ in der dänischen Öffentlichkeit zu vertreten, medial nicht zuletzt auch durch den „Nordschleswiger“.

In allen Stellungnahmen, die ich mandatsmässig im Auftrage des BdN in den Jahren meiner Kopenhagener Tätigkeit an die dänische Regierung und an den Europarat geschickt habe, war also nie ein Wort über zweisprachige Ortsschilder enthalten! Das war damals der breite Konsens in der deutschen Minderheit, um nicht unnötig zu provozieren. Natürlich hatten wir durchaus den Wunsch, ja wohl eher den Traum, dass dies eines Tages vielleicht möglich sein wird, aber als oberste Priorität galt unter den Verantwortlichen in jenen Jahren, diesen Wunsch zwar nicht aus den Augen zu verlieren, wohl aber dieses Ziel nur „offensiv“ dann anzustreben, wenn dafür eine (sehr) breite Bereitschaft in der dänischen Mehrheit zu erwarten sei.

Meine persönliche Meinung hat sich in dieser Frage überhaupt nicht geändert. Ja, ich habe einen Traum, aber ich will keinen Albtraum riskieren, wenn die Zeit für einen solchen historischen Schritt in Nordschleswig offenbar doch noch nicht „reif“ ist. Das war sie nicht vor vier Jahren, wo der Medienstunt in Hadersleben der Sache keinen guten Dienst erwies, und ich glaube, dass die Zeit auch 2020 – leider! – noch nicht reif ist. Wenn heute (wahrscheinlich) mehr Dänen zweisprachige Ortsschilder befürworten als noch vor vier Jahren, dann sind wir auf dem richtigen Wege, aber solange es in der Bevölkerung – ob 51 oder 37 Prozent – noch eine deutliche Ablehnung gibt, kann ein solcher Vorstoß zum falschen Zeitpunkt uns Schaden zufügen.

Der Vorsitzende des national-dänischen „Sprogforening“, der frühere sozialdemokratische Minister Frode Sørensen, hat in seiner Rede im „Folkehjem“ am 10. Februar die Art und Weise, wie die deutsche Minderheit im dänischen Jubeljahr 2020 an diese Frage herangeht, als „taktischen Fehler“ bezeichnet. Man sollte deshalb mit Fingerspitzengefühl auch gegenüber den Dänen auftreten, die ja wie Frode Sørensen nichts gegen die deutsche Minderheit haben. Er hat zusammen mit anderen dänischen Politikern über die letzten Jahrzehnte in Kopenhagen aber auch in Nordschleswig (Erik Jessen, Kresten Philipsen!) dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen dänischer Mehrheit und deutscher Minderheit Schritt für Schritt zu verbessern.

Dafür gilt ihnen mein Dank, denn ohne sie wären Hinrich Jürgensen & Co heute nicht in einer so günstigen Situation, in der günstigsten seit der Geburt der deutschen Minderheit wider Willen vor 100 Jahren. Das ist ein Vertrauenskapital, das wir nicht unnötig aufs Spiel setzen dürfen. Ob die zweisprachigen Ortsschilder 2020, 2021 oder 2027 kommen ist doch nicht so entscheidend wie die Tatsache, dass wir unser Gegeneinander inzwischen durch ein Miteinander, ja sogar Füreinander abgelöst haben – unter Respekt vor der jeweiligen kulturellen Eigenart.

Ja, ich habe einen Traum, und ich weiß, dass ich mit meiner Haltung auch in der deutschen Minderheit nicht alleinstehe, denn die Substanz in der Minderheitenpolitik ist auf jeden Fall wichtiger als eine noch nicht tragfähige Symbolik. Ich hoffe und glaube, dass eines (baldigen) Tages ein breiter Konsens zwischen Mehrheit und Minderheit erzielt werden kann. Der sollte aber eine Lösung für alle vier nordschleswigschen Städte umfassen, am liebsten wäre mir sogar eine grenzüberschreitende Lösung auch als europäisches Signal.

Zur Versachlichung könnte ein deutsch-dänischer Ausschuss beitragen, der aus Vertretern von Regierungen, Kommunen, Behörden, Historikern und Minderheiten einen gemeinsamen Weg bereiten könnte, der neues Vertrauen schafft. Wenn von dänischer Seite vorwurfsvoll erklärt wird, die deutsche Minderheit nehme 2020 als „Geisel“ und andere sogar dazu auffordern, man solle doch warten bis 2045, also bis zum 100. Jahrestag der Befreiung Dänemarks, dann brauchen wir durch unsere Politik weitere vertrauensschaffende Maßnahmen, um neues Misstrauen zu verhindern. Stattdessen sollten wir durch Versachlichung für neues Vertrauen werben, um so die Grundlage für eine beide Seiten befriedigende und befriedende Lösung zu schaffen.

N.B.: Sowohl meine Stellungnahme als Kopenhagener Sekretariatsleiter zum europäischen Sprachenpakt 2003 als auch die gemeinsam mit Hans Heinrich Hansen verfasste Stellungnahme zur Rahmenkonvention 2004 lasse ich gerne veröffentlichen, aber da findet sich kein Wort über zweisprachige Ortsschilder.

Siegfried Matlok,
Bjergholt 23,
Apenrade

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