Leitartikel

„Sorglosigkeit und fehlendes Problembewusstsein rächen sich“

Sorglosigkeit und fehlendes Problembewusstsein rächen sich

Sorglosigkeit und fehlendes Problembewusstsein rächen sich

Apenrade/Aabenraa
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Eine neue erschreckende Bilanz des Verbandes der dänischen Regionen zu möglichen Orten mit Gefahrenpotenzial aufgrund von Vergiftungen durch die Chemikaliengruppe PFAS nimmt „Nordschleswiger“-Redakteur Volker Heesch zum Anlass für Forderungen nach einer möglichst raschen Entgiftung der Altlasten und größerer Vorsicht beim Einsatz von Chemikalien.

Seit gut einem Jahr geistern Berichte über Menschen durch die Medien, die sich im Gebiet der Kommune Korsør nach Verzehr von Rindfleisch mit gesundheitlichen Gefahren konfrontiert sehen. Es geht um die Anreicherung von fluorierten organischen chemischen Verbindungen, die in Dänemark und sicher in vielen anderen Ländern als Bestandteile des Inhaltes von Schaumlöschgeräten in sehr großen Mengen an Übungsplätzen von Feuerwehren in die Umwelt gelangt sind.

Der Verband der dänischen Regionen, Danske Regioner, dessen Mitglieder neben der Verwaltung und Ausformung großer Teile des Gesundheitswesens in Dänemark auch für das Aufspüren und die Beseitigung chemischer Altlasten zuständig sind, hat jetzt eine erschreckende Bilanz präsentiert. Es sind seit dem Beginn der „Jagd“ auf PFAS-verdächtige Flächen als Konsequenz aus den Vergiftungsfällen auf Seeland fast 15.000 Lokalitäten registriert worden, die möglicherweise mit den in allen möglichen Produkten verwendeten PFAS-Verbindungen verseucht sind.

Wie viele andere Chemikalien und Stoffe, die in vergangenen Jahrzehnten oft als wahre Wundermittel massenhaft von den Menschen genutzt wurden, zeigt sich ähnlich wie bei Asbest in Baustoffen, Pestiziden, die ins Trinkwasser sickern, oder Mikroplastik in Böden oder Gewässern, bei PFAS, dass die Vorteile der Substanzen bei Brandbekämpfung, Schutz von elektrischen Geräten vor einem Entzünden oder dauerhafter Imprägnierung von Schuhen oder Textilien gegen Nässe eine Kehrseite haben: Die Chemikalien zersetzen sich nicht, können sich auch nach Eintritt in die Umwelt selbst bei niedriger Konzentration im Zuge der Nahrungskette in Organismen anreichern.

Erkrankungen können dadurch ausgelöst werden. Das deutsche Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Eisbären in arktischen Gefilden, wie die Menschen Endglieder der Nahrungskette, eine gegenüber dem Gehalt in der unmittelbaren Umgebung 4.000-fache Konzentration von PFOS aus der Gruppe der PFAS-Verbindungen aufweisen. Die Reihe der Anwendung der Stoffe ist sehr lang. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass ein beträchtlicher Teil der europäischen Bevölkerung über die Lebensmittelkette Konzentrationen der schädlichen Substanzen ausgesetzt sind, die weit über der tolerierbaren Aufnahmedosis liegen.

Es wird deutlich, dass im Bereich Korsør eine besonders hohe Belastung bei Menschen zu beobachten ist. Die Problemchemikalien sind aber auch woanders präsent. Es heißt vonseiten der Wissenschaft, dass das Auffinden der Stoffe nicht automatisch mit einer Gesundheitsgefährdung verbunden ist. Viele der gefährlichen Substanzen sind inzwischen verboten worden, doch es gibt weiter viele andere PFAS-Anwendungen, deren Gefahren noch nicht abschätzbar sind. Die Stoffe sind in elektronischen Bauteilen zu finden oder werden bei industriellen Verfahren verwendet.

Beunruhigend ist, dass in Korsør über belastetes Wasser Rinder und über deren Verzehr Menschen PFAS aufgenommen haben. In der EU-Trinkwasserrichtlinie gibt es jedoch noch keine Grenzwerte für die Chemikaliengruppe, in Dänemark wird nach den Verbindungen seit 2021 auch im Trinkwasser gefahndet, mit Nutzungsverboten bei Grenzwertüberschreitungen. Beim Verband der dänischen Wasserwerke heißt es, es seien kaum PFAS-Trinkwasserbelastungen festgestellt worden.

Erfreulich ist, dass die zuständigen Behörden in Dänemark so rasch die Suche nach PFAS-Altlasten aufgenommen haben. Es ist auch aus Kostengründen wichtig, dass Gefahrenherde rasch entgiftet werden, denn auf die lange Bank schieben lässt sich das Problem nicht. Es kann höchstens noch teurer werden, wenn die Schadstoffe sich beispielsweise von alten Deponien oder Lagerstätten weiter in der Umwelt verteilen. Wichtig ist, dass international wie im Rahmen der EU-Chemikalienrichtlinie Gefahren wie durch PFAS systematisch aufgespürt und beispielsweise aus elektrischen Geräten, Kleidung oder Teppichen verbannt werden.

Wie beim Klimaschutz gibt es keine nationalen Lösungen. Es sollte keine Panik verbreitet werden, doch es zeigt sich, dass Sorglosigkeit und fehlendes Problembewusstsein in der PFAS-Thematik sichtbar werden. Verbraucherschutz und wirksame Umweltüberwachung sind kein Luxus, sondern wohl auch lebenswichtige Aufgaben, denn die Schadstoffe bedrohen neben den Menschen viele andere Lebewesen vom winzigen Wasserfloh über Frösche bis hin zu vielen Vogelarten.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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