Leitartikel

„Freie Bahn für ideenreiche Dörfer nötig“

Freie Bahn für ideenreiche Dörfer nötig

Freie Bahn für ideenreiche Dörfer nötig

Apenrade/Aabenraa
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Der Verband des ländlichen Raums in Dänemark, „Landdistrikternes Fællesråd“, jubelt ebenso wie das Innenministerium über das große Interesse an der Versuchsordnung „freie Dörfer und freie Inseln“. Nordschleswiger-Redakteur Volker Heesch begrüßt das Vorhaben, wünscht sich aber weitere Initiativen, um die Schwächung des flachen Landes zu stoppen.

Der Interessenverband des ländlichen Raums in Dänemark, „Landdistrikterenes Fællesråd“ reagiert mit großer Freude auf das große Interesse an dem im November 2021 im Folketing vereinbarten Konzept, versuchsweise Projekte zuzulassen, die Dörfern und kleinen Inseln in Dänemark Vorhaben vor allem zur Förderung des Zuzugs von Menschen ermöglichen.

Zum Beispiel könnten Dorfleute in Eigenregie Energie gewinnen oder auf örtlicher Basis die Pflege älterer oder kranker Mitbürgerinnen und Mitbürger an ihren Wohnsitzen organisieren. Auch das Dorf Seth-Uberg (Sæd-Ubjerg) in der Kommune Tondern (Tønder) hat ein Projekt eingereicht, um als Freidorf am Standort einer Brandruine nicht noch ein weiteres unbebautes Grundstück zu bekommen, sondern dort Platz für neue Wohnformen zu schaffen und ein Gemeinschaftshaus zu errichten.

Wie in anderen Bereichen des „Dorflebens“, das einst von Landwirtschaft und Handwerk geprägt war, verhindern heutige Planungs- und Bauvorschriften gerade in kleinen Siedlungen Umnutzungen von Bausubstanz oder Neubauten, die den Trend bremsen könnten, dass immer mehr Menschen fortziehen und Häuser leer zurückbleiben und verfallen. Potenzielle Neubürger und Neubürgerinnen werden meist abgeschreckt, wenn das Dorf nur noch Bruchbuden umfasst. Während im Einzugsbereich von Metropolen und Autobahnen großzügig der Flächenverbrauch und eine Zersiedelung akzeptiert werden, um Einkaufszentren und Gewerbe anzusiedeln, sind im ländlichen Raum die einst gutgemeinten Vorschriften gegen Wildwuchs oft der Todesstoß für neue dörflichen Aktivitäten.

Sollten vor Jahrzehnten unpassende Neubauten und die Zerstörung ländlicher Idylle verhindert werden, so sind viele Vorschriften heute eher ein Beitrag zum Dörfersterben. Als Beispiele, wie die Freidörfer-Projekte kleine Dörfer und Inseln retten könnten, wird die Gewinnung von Energie durch Windkraftanlagen oder Solarparks genannt. Auch wird aufgeführt, dass die bis heute oft starke Gemeinschaft der Dorfbewohnerinnen und -bewohner eingesetzt werden kann, um Heimpflege und Krankenversorgung alternativ zum heutigen kommunalen System unter Einbeziehung von ehrenamtlichen Personen auf den ländlichen Raum zuzuschneiden. Auch örtlich organisierte Hilfs- und Servicedienste, Mitfahrgemeinschaften und „Flexbusse" werden als Möglichkeiten genannt, den Fortzug aus Dörfern zu bremsen und Zuzug von Menschen anzukurbeln, die statt in städtischem Beton lieber näher an der Natur leben möchten.

In Seth-Uberg, wo bereits seit Jahren tolle Vorhaben zur Stärkung des Ortes verwirklicht werden, wird in Verbindung mit dem Wunsch nach alternativen Wohnformen auf Beobachtungen hingewiesen, dass viele Ältere ihr Heimatdorf verlassen, weil sie dort keine kleine Wohnung bekommen können, wenn beispielsweise nach dem Tod des Partners das angestammte Haus viel zu groß ist.

In den kommenden Wochen wird entschieden, ob die 40 Bewerbungen für Freidörfer oder Freiinseln von den Behörden und dem Verband des ländlichen Raums akzeptiert werden. 2023 werden schließlich zehn Projekte ausgewählt, die zu Projekten mit neuer Dorffreiheit umgesetzt werden. Das jetzige Konzept ist erfreulich, aber es sind sicher weitere Impulse nötig, um gerade auch in Gebieten wie Nordschleswig, die zur Freude vieler Einwohnerinnen und Einwohner fernab von Metropolen liegen, den kleinen Orten unter die Arme greifen zu können.

Gerade in Zeiten mit vielleicht andauernder Energieverteuerung müsste der öffentliche Nahverkehr, vielleicht mit örtlich erzeugtem Strom „betankt“, verbessert werden. Ebenso werden Radwege entlang gefährlicher Straßen noch wichtiger, denn mit Elektrofahrrädern gibt es attraktive, preisgünstige Alternativen zum Auto. In Zeiten mit elektrischem Bahnverkehr auch auf Nebenbahnen müssten Bahnhöfe und Bahnstrecken wiedereröffnet werden, um Pendlern „neue“ Dörfer zu erschließen. Erforderlich sind auch sichere Parkplätze für Fahrräder an den Schnittstellen zum öffentlichen Nahverkehr.

Zu erinnern sei daran, dass es schon vor rund 30 Jahren Vorhaben zur Entbürokratisierung gegeben hat, als auch in Nordschleswig „Freikommunenversuche“ gestartet wurden. Es darf aber auch damals wie heute nicht bei Versuchen bleiben. Es müssen alltagstaugliche Regelungen her, die sich nicht an der in Dänemark allmächtigen Verwaltung orientieren, die erst vor wenigen Monaten in Apenrade (Aabenraa) eine Anlaufstelle für Neuzuzügler aus dem Ausland verschwinden oder Bürgerinnen und Bürger mit immer neuen Segnungen der Digitalisierung ratlos sitzen ließ.Wichtig ist, dass die Bürgerinnen und Bürger im Mittelpunkt stehen.

Zu hoffen bleibt, dass es mehr Spielraum für die Dörfer der Zukunft gibt, die oft zu kurz kommen, während Riesenprojekte wie Hotelneubauten an Urlauberküsten oder „Ferienzentren“ rasch abgesegnet werden, wenn nur genügend Geld auf den Tisch gelegt wird. Es muss sich zeigen, ob die gerade vereinbarten Veränderungen am Planungsgesetz auch den Dörfern helfen.

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