Soziales

„Pflege rund um die Uhr zehrt an den Kräften“

Jon Thulstrup
Jon Thulstrup Online-Redaktion
Nordschleswig/Kopenhagen
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Foto: Sophia Juliane Lydolph/Ritzau Scanpix

Immer mehr Angehörige übernehmen die Pflege ihrer kranken Familienangehörigen. Das kann sie im schlimmsten Falle selbst auch zu Patienten machen, meint ein Verein. Auch der Sozialdienst hat solche Fälle bemerkt.

Patienten in Dänemark sind in zunehmendem Maße abhängig von der Pflege ihren Angehörigen. Und immer mehr Angehörige nehmen diese zusätzliche Arbeit auf sich. Das kann im schlimmsten Fall damit enden, dass diese auch ein Pflegefall werden, berichtet die Tageszeitung Kristeligt Dagblad.

In einer Umfrage des Patientenverbandes Danske Patienter bei seinen Organisationen erklären ein Drittel der Gefragten, dass die Abhängigkeit der Patienten stetig steigt. Mehr Fokus auf die Angehörigen – das ist laut Direktor Morten Freil zwingend notwendig. „Wenn man systematisch die Aufgaben auf die Angehörigen verteilt, dann laufen wir die Gefahr, dass sie physisch und psychisch überbelastet werden“, so Freil. Davon profitieren ihm zufolge weder die Patienten, noch deren Angehörige oder die Gesellschaftsökonomie.

„Deshalb würden wir im Verband gerne sehen, dass im Gesundheitswesen mehr verpflichtende Richtlinien erstellt werden“, so Freil zu Kristeligt Dagblad. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Regierungspartei der Liberalen Allianz, May-Britt Kattrup, gibt den schwarzen Peter weiter an die Kommunen. Es sei ihre Aufgabe, die Wohlfahrt an den Bürger zu bringen. „Wenn sie nicht meinen, dass sie genügend Ressourcen oder finanzielle Mittel haben, dann müssen sie das beanstanden. Oder untersuchen, wo sie in der Administration oder Bürokratie sparen können“, so Kattrup zu Kristeligt Dagblad.

Keine Seltenheit

Fälle, wo die Angehörigen sich aufopferungsvoll für ihre kranken Liebsten einsetzen, sind auch in Nordschleswig keine Seltenheit. „Manchmal würde ich mir auch wünschen, dass die Kommune die Thematik verstärkt aufgreift“, erklärt die Familienberaterin des Sozialdienstes, Karin Müller.

Insbesondere bei chronischen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson, sieht sie des Öfteren, dass die Pflege der Angehörigen an den Kräften zehrt. „Wir sprechen hier von einer Pflege rund um die Uhr. Zudem sind die Angehörigen in einer verletzbaren Situation, wo sie sich viele Sorgen machen“, so Müller. Doch auch in jüngeren Familien, wo die Familienangehörige ein Kind mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen pflegen müssen, gäbe es Fälle, wo die Angehörigen unter einer psychischen und physischen Belastung stehen.

Wie Freil bestätigt auch die Familienberaterin, dass eine Pflege rund um die Uhr im schlimmsten Fall zu Stress oder dem psychischen Zusammenbruch führen können. „Für viele ist es jedoch schwer, die Verantwortung abzulegen. Sie sehen das als eine persönliche Niederlage an, ihren Liebsten in ein Pflegeheim einzuweisen“, so Müller.

Der Sozialdienst versucht in solchen Fällen den Angehörigen dort zu helfen, wo sie können. „Wir wollen sie gerne entlasten. Beispielsweise übernimmt ein Ehrenamtlicher oder wir selber für einen Nachmittag die Pflege oder helfen mit dem Einkauf“, erklärt die Familienberaterin. „Bei dem ersten Gespräch geben wir uns große Mühe herauszufinden, wo wir hilfreich sein können. Die Bedürfnisse sind individuell unterschiedlich“, so Müller.

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