Folkemøde auf Bornholm

Ist Deutschland zu langweilig für dänische Medien?

Ist Deutschland zu langweilig für dänische Medien?

Ist Deutschland zu langweilig für dänische Medien?

Allinge
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Niels Kvale von „DR“ bedankt sich nach der Debatte bei Stefan Seidler vom SSW. Links ist „Berlingske“-Chef Tom Jensen zu sehen. Foto: Walter Turnowsky

Der große Nachbar im Süden wird von den dänischen Medien stiefmütterlich behandelt, lautete die Kritik beim Volkstreffen auf Bornholm. Durch die Entwicklung der vergangenen Monate wird sich das ganz automatisch ändern, lautet die Antwort von zwei Chefs.

„Die deutsche Politik ist langweilig und zu kompliziert“, entschuldigte der Bundestagsabgeordnete des Südschleswigschen Wählerverbands (SSW), Stefan Seidler, den aus seiner Sicht stiefmütterlichen Umgang dänischer Medien mit dem Thema Deutschland.

Die Worte fielen während einer Debatte im Südschleswig-Zelt des dänischen Grenzverbands „Grænseforeningen“ beim Volkstreffen (Folkemøde) auf Bornholm. Die Vertreter der dänischen Medien, der Chefredakteur von „Berlingske“ Tom Jensen und der „DR“-Auslandschef Niels Kvale gaben ihm mit etwas höflicheren Worten recht.

„Deutschland war viele Jahre lang extrem stabil, daher gab es einfach weniger zu berichten“, so Jensen.

„DR“-Vertstärkung vor der Bundestagswahl

Der Chefredakteur von „Flensborg Avis“, Jørgen Møllekær, hatte laut Programm die Rolle des Moderators, schlüpfte doch wiederholt und gerne in die Rolle des Kritikers. „Warum haben die dänischen Medien nicht mehr Fokus auf Deutschland?“ war der Titel der Debatte und die Frage leitete Møllekær gleich zu Beginn an seine beiden Kollegen weiter.

Was Deutschland tut, ist auch für Dänemark entscheidend.

Tom Jensen, Chefredakteur von „Berlingske“

Lob gab es jedoch von ihm und Seidler für die Berichterstattung von der Bundestagswahl bei „DR“. Der Sender hatte ein Jahr lang neben dem festen Deutschland-Korrespondenten Michael Reiter die Journalistin Rikke Gjøl Mansø nach Berlin geschickt.

„Mit dem Abgang von Angela Merkel war uns klar, dass Deutschland nachrichtlich gesehen für einen Zeitraum das absolut wichtigste Land in unserer Nähe sein wird“, erläuterte Kvale.

Größten Handelspartner vernachlässigt

„DR“ sei immer dort verstärkt anwesend, wo es für ein dänisches Publikum am wichtigsten ist. Schließlich sei man verpflichtet, die ganze Welt abzudecken.

„Berlingske“ hat mit Uffe Taudal ebenfalls einen festen Korrespondenten in Berlin, und daran soll sich auch nichts ändern, versicherte Jensen.

„Deutschland ist eines der Länder, in denen wir zukünftig mehr tun müssen“, meinte er, denn die Zeiten großer politischer Stabilität seien vorbei. Für ihn seien drei Faktoren entscheidend dafür, wie interessant ein Land für seine Leserschaft sei: Politik, Wirtschaft und Kultur.

„Ich denke, wir haben Dänemarks größtem Handelspartner nicht genug Priorität gegeben“, räumte der „Berlingske“-Boss ein.

Markantere Rolle Deutschlands

Nach seiner Einschätzung bedeutet der Krieg in der Ukraine, aber auch der Brexit, dass Deutschland für die dänische Öffentlichkeit bedeutsamer geworden ist.

„Was Deutschland tut, ist auch für Dänemark entscheidend. Wir sahen das deutlich als Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Zeitenwende-Rede die Aufstockung des Verteidigungsetats auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ankündigte.“

Jensen meint daher, Deutschland werde auch in der Berichterstattung über die Ukraine, die EU und die Wirtschaft eine größere Rolle spielen.

„DR“-Auslandschef Kvale teilt diese Einschätzung. Die Bundesrepublik habe aus historischen Gründen auf der internationalen Bühne eine zurückhaltende Rolle gespielt. Dies habe sich nun geändert.

„Die deutsche Regierung ist gezwungen worden, international entschiedener aufzutreten. Es ist einfach schwerer geworden, Deutschland zu übersehen“, meint er.

„Es geschehen derzeit historische Erneuerungen, die Dinge sind in Bewegung“, ergänzte Jensen.

Deutsches Interesse für Dänemark

Seidler und Møllekær wiesen darauf hin, dass das Interesse in Deutschland für Dänemark und dänische Lösungen derzeit groß sei. So habe der „NDR“ direkt von der Kopenhagener Müllverbrennungsanlage „Amager Bakke“ (auf deren Dach sich eine künstliche Skipiste befindet) gesendet.

„Dieses Interesse an einer engeren Zusammenarbeit, bietet meines Erachtens auch für die Berichterstattung ein Fenster der Möglichkeiten“, sagte Seidler, der anbot, dänischen Medienvertreterinnen und -vertretern in Berlin den Weg zu ebnen.

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