Leitartikel

„Das Grenzland bleibt Vorbild – weil hier an die anderen gedacht wird“

Das Grenzland bleibt Vorbild – weil hier an die anderen gedacht wird

Grenzland bleibt Vorbild – weil an die anderen gedacht wird

Apenrade/Aabenraa
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Um Minderheiten zu finden, die sich nicht gleichberechtigt behandelt fühlen, müssen wir nicht in die Ferne blicken. Das ist eine der Lehren aus der Konferenz zur Zukunft Europas, die am Montag im Grenzland haltgemacht hat. Dennoch meint Cornelius von Tiedemann, dass das Grenzland mit seiner Vorbildfunktion weiter hausieren gehen sollte.

Dass vor der eigenen Haustür, ja im eigenen Hause nicht alles Gold ist, was unter der Bezeichnung des vorbildlichen Grenzlandes immer so glänzt, wurde am Montag im Flensborghus deutlich, als der Direktor des Nordfriisk Instituut, Christoph Schmidt, Untätigkeit der staatlichen Stellen anprangerte.

Wenn es darum gehe, eine Minderheit wie die der Friesinnen und Friesen zu unterstützen, die keine ausländische Regierung im Rücken hat, dann seien bei allem guten Willen viele Dinge plötzlich nicht mehr selbstverständlich.

Die Kultur und die Sprache der „netten Friesen“ würde allzu gerne als folkloristische Freizeitbeschäftigung abgetan. Auch weil die Menschen in Nordfriesland ja vergleichsweise wohlhabend sind.

Im Gegensatz zur dänischen und zur deutschen Minderheit gibt es, eigentlich völlig ohne irgendwelche Gründe, die nicht politischer Natur sind, vieles nicht, was für uns in Nordschleswig essenziell zur Minderheit gehört.

Es gibt kein friesisches Schulsystem, es steht die Geschichte Frieslands nicht auf dem Lehrplan in den Mehrheitsschulen, es gibt kein Medienhaus, das auch nur annähernd den medialen Bedarf der Friesinnen und Friesen in ihrer eigenen Sprache deckt, und so weiter.

Vielen Minderheiten ohne Mutterland in anderen Regionen Europas geht es genauso – und bei ihnen stehen anstelle freundlicher Leidenschaftslosigkeit häufig offene Ablehnung, Unverständnis oder gar Feindseligkeit durch die Mehrheitsbevölkerung und/oder den Staat.

Christoph Schmidt
Christoph Schmidt nutzte das Forum in Flensburg, um zu verdeutlichen, wie wichtig eine den Nationalstaaten übergeordnete europäische Aufsicht über die Minderheitenrechte für Volksgruppen ohne Mutterland ist. Foto: Martin Ziemer/FUEN

Dennoch war es wichtig, dass auf der Tagung im Rahmen der Europäischen Zukunftskonferenz in Flensburg auch und wieder auf die Vorbildfunktion der Minderheitenpolitik im Grenzland hingewiesen wurde.

Es war wichtig, dass Hinrich Jürgensen (Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger) und Jørgen Kühl (Vorstandsvorsitzender des Minderheiten-Forschungsinstituts ECMI) in kurzen Zügen ganz pointiert schilderten, wie und weshalb das sogenannte Schleswiger Modell funktioniert.

Wie Karl-Heinz Lambertz, Parlamentspräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, unterstrich, gibt es keine Patentlösung für alle Minderheitenkonstellationen in Europa. Aber es gibt die Lehren aus dem Schleswigschen Modell, die allen zeigen, dass es sich für alle, auch für die Mehrheitsbevölkerung, lohnt, Minderheiten nicht nur zu schützen, sondern auch zu stärken.

Und, wie es Johannes Callsen, Minderheitenbeauftragter des Ministerpräsidenten, unterstrich: Das Grenzland ist auch deshalb Vorbild, weil die Minderheiten in der Region, auch die Friesinnen und Friesen, nie aufgehört haben, sich für die eigenen Belange – aber auch die ihrer Nachbarn – starkzumachen. „Das Signal der Konferenz aus Flensburg ist klar: Die Minderheiten müssen aktiv in die Gestaltung der Zukunft Europas eingebunden werden“, so Callsen.

Dass trotz all dieser Erkenntnisse die Bürgerinitiative zum Schutz von Minderheitenrechten auf EU-Ebene (MSPI) letztlich abgewiesen wurde, ist ein Armutszeugnis nicht für die EU, sondern für die nationalen Regierungen. Denn sie sind es, die über die EU-Kommission blockieren und nicht im Interesse der Menschen, sondern aus eigensinnigen Machtinteressen heraus den zivilisatorischen Fortschritt Europas verhindern.

Sollten es die acht Vorschläge der FUEN in die Schlussfolgerungen aus der Konferenz für die Zukunft Europas schaffen – ein ebenso gut gemeintes wie verwirrend umgesetztes Konzept –, um es Bürgerinnen und Bürgern zu ermöglichen, sich an EU-Politik zu beteiligen, wäre allerdings noch immer nicht sicher, dass sie auch umgesetzt werden.

Das Ziel, Minderheitenrechte auf EU-Ebene zu verankern, liegt also aller Erfolge und Mühen zum Trotz noch immer hinter einem Schleier des Ungewissen.

Doch gewiss ist, dass sich in den vergangenen Jahren und gerade jetzt mehr und mehr Menschen, Bürgerinnen und Bürger und Politikerinnen und Politiker mit dem Thema der Minderheitenpolitik befassen. Viele zum ersten Mal.

Die FUEN hat es, mit viel Hilfe aus dem Grenzland, geschafft, den nationalen Minderheiten eine Stimme zu geben. Der Druck nimmt zu. Politisch, aber auch durch die juristische Arbeit des Minderheiten-Dachverbandes.

Die Minderheiten versammeln Mehrheiten hinter sich. Auf europäischer Ebene. Und vielleicht bald dann ja auch hier bei uns im Grenzland im Sinne der friesischen Minderheit. Damit auch Sprache und Kultur der Friesinnen und Friesen eine Chance auf eine Zukunft in Europa haben.

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