Leitartikel

„Ruhe an der Grenze“

Ruhe an der Grenze

Ruhe an der Grenze

Nordschleswig/Sønderjylland
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Die krisengebeutelte dänische Volkspartei geht wieder auf traditionellen Stimmenfang mit der Forderung nach Mauer-Vorbereitungen an der Grenze. Was das Grenzland aber braucht, ist Ruhe und Normalität, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Eine vier Meter hohe mit Stacheldraht verstärkte Mauer entlang der deutsch-dänischen Landesgrenze. Das steht auf der Wunschliste der Dänischen Volkspartei. Die rechtspopulistische Partei will nun von der Regierung wissen, ob bereits genügend Materialien vorliegen und wie schnell eine solche Mauer errichtet werden kann – falls es zu einer Flüchtlingskrise kommt. Allen Ernstes?

Die Dänische Volkspartei kümmert sich mit dem Vorschlag vor allem um ihre eigenen Stimmenzahlen und nicht darum, wie das deutsch-dänische Grenzland im Alltag reibungslos funktionieren kann.

Die Grenzregion erholt sich gerade von dem Schock der mehrmonatigen Grenzschließung und den erweiterten Kontrollen während der Corona-Krise. Was das Grenzland derzeit braucht, ist keine Mauer-Diskussion, sondern eine weitere Normalisierung an der Grenze mit noch weniger Kontrollen und Behinderungen – ein Abbau von Grenzen – sowohl physisch als auch in den Köpfen der Grenzland-Bewohner.

Am Sonnabend gab es am Grenzübergang Krusau wieder einmal über eine Stunde Stau bei der Einreise nach Dänemark, und es werden täglich immer noch Deutsche und Dänen aus dem Grenzgebiet kontrolliert. Das Leben in der Grenzregion ist daher alles andere als normal.

Die Landesgrenze und nicht zuletzt die Sicherung der Grenze ist und bleibt aber anscheinend ein Wahlkampfthema, auch in Zeiten ohne Wahl. Die krisengebeutelte Dänische Volkspartei positioniert sich wieder einmal über die Grenzfrage: Mauern, Kontrollen bei der Ein- und Ausreise, ein hermetisch geschlossenes Dänemark, scheint der Traum der Partei zu sein.

Überraschend ist das nicht. Eher schon, dass Venstre immer noch mitspielt, doch die Partei scheint in der Grenzfrage gespalten. Zwar will Venstre zum jetzigen Zeitpunkt keine Mauer, aber schon einen Plan dafür. Und schließlich war es auch die Venstre-Regierung, die 2019 das Material für 33 Kilometer Zaun bestellt hatte. Der wird bei der Luftwaffe in Skrydstrup gelagert, reicht DF aber nicht aus – es fehlen 35 Kilometer.

Statt Dänemark einzuzäunen und uns unseren deutschen Nachbarn gegenüber abzuschotten, wäre es eine Überlegung wert, Mitgliedern (und Wählern) der Dänischen Volkspartei ein Stückchen Stacheldrahtzaun anzubieten, damit jeder sein eigenes Haus umzäunen kann – und nicht gleich das gesamte Grenzland.

Die deutsch-dänische Grenze soll uns in der Grenzregion verbinden – und nicht trennen.

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