Leitartikel

„Heute 50 Jahre – Goldene Hochzeit “

Heute 50 Jahre – Goldene Hochzeit

Heute 50 Jahre – Goldene Hochzeit

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Dänemark feiert am heutigen Sonntag „Goldene Hochzeit“ mit der EU. Diese ist nach Meinung des früheren Nordschleswiger-Chefredakteurs Siegfried Matlok für Dänemark inzwischen noch wichtiger als vor 50 Jahren. Doch auch Europa und Deutschland haben laut dem Senior-Korrespondenten noch nie so von Dänemark profitiert wie heute.

Wer mal an einer Feier anlässlich einer Goldenen Hochzeit teilgenommen hat, der hat selbst erlebt, dass dabei meistens im Rückblick von Glück und Dankbarkeit die Rede ist. Dänemark feiert heute „Goldene Hochzeit“ mit der EU, der – damals hieß die Braut noch EWG – am 2. Oktober 1972 „ewige Treue“ versprochen wurde. Grosse Jubelfeiern – etwa auch mit einer offiziellen EU-Beflaggung – sind nicht in Sicht, obwohl die Höhepunkte, Fortschritte in den letzten fünf Jahrzehnten so manche Krise überwogen haben; man denke dabei nur an den Tiefpunkt nach dem Nein zum Maastrichter Vertrag, als es 1992 auf Nørrebro zu blutigen, für dänische Verhältnisse erschütternden Zusammenstößen zwischen demonstrierenden EU-Gegnern und der Polizei kam. Die EU ist heute für Dänemark noch wichtiger als vor 50 Jahren, erst eindrucksvoll dokumentiert im Frühjahr, als die Dänen mit der bisher größten Mehrheit in einer Volksabstimmung den langjährigen Vorbehalt gegen eine europäische Verteidigungsdimension aufhoben: mit 66,9 Prozent gegenüber 63 Prozent im Jahre 1972.

Vergleichen wir mal die Situation von damals mit dem heutigen Zustand, in dem Dänemark ja noch immer Mitglied mit „Opt outs“/Ausnahmen/ „Handicaps“ ist, z. B. ohne den gemeinsamen Euro.

  1. 1972 galt als Junktim, als absolute Voraussetzung, den dänischen Beitritt nur im Gleichschritt mit dem damals wichtigsten Handelspartner Großbritannien durchzuführen. Einen dänischen Alleingang hatte Kopenhagen nicht gewünscht, auch innenpolitisch nicht gewagt, und 2022 gehört Großbritannien, dieser europäische Eckpfeiler für viele Dänen, nicht mehr zur EU. Und als wichtigster Handelspartner sind die Briten bereits vor Jahren von Deutschland abgelöst worden. Eine für Dänemark entscheidende Änderung im europäischen Koordinatensystem.
  2. In Dänemark gab es 1972 bis zuletzt eine Frage, ob die eigene Volksabstimmung die norwegische abwarten sollte. Als die Norweger dann – nicht unerwartet – Nein sagten, fürchteten viele dänische Befürworter, dass dies auch negative Folgen für Dänemark haben würde, doch am 2. Oktober 1972 entschied sich die große Mehrheit der Dänen für die Allianz mit Europa statt naiven, schwärmerischen nordischen Alternativen nachzujagen.
  3. Heute gibt es leider Krieg in Europa nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, aber zur Erinnerung: 1972 herrschte bei der dänischen Abstimmung auch noch Kalter Krieg. Vor 50 Jahren, am17. Mai 1972, stimmte der Bundestag dem Moskauer Vertrag mit der Sowjetunion und dem Warschauer Vertrag mit Polen zu. Es ging um die neue Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt, es tobte ein erbittert ausgetragener Streit. Und dennoch war Brandt vier Tage vor dem Votum gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Staatsminister Jens Otto Krag in Apenrade – auch bei der deutschen Minderheit, die Krag übrigens in seinem Tagebuch als „nette Leute“ bezeichnete. Dänemark unterstützte Brandts Annäherungspolitik, ohne die 1990 nicht die deutsche Wiedervereinigung und damit auch nicht die Überwindung der europäischen Spaltung gelungen wäre. Und aus meiner Sicht bestehen kaum Zweifel: wenn Brandt (der damals auch mit der Partei Venstre für ein dänisches Ja warb) 1972 nicht Bundeskanzler gewesen wäre, wenn der Kanzler z. B. Franz-Josef Strauß geheißen hätte, dann hätte es in Dänemark keine, auf jeden Fall nicht diese klare Mehrheit gegeben. Mit Friedenskanzler Brandt zog man sozusagen das anti-deutsche Gift aus einer Debatte, die in einer Nostalgie des früheren Widerstandskampfes die Bundesrepublik Deutschland zum Hauptfeind Nummer eins gemacht hatte – mit schlimmsten Vergleichen. Zum Beispiel mit dem Schreckgespenst „Gau Nordmark“, Dänemark als deutscher Vasallen-Staat und einer damit verbundenen Ausnahmeregelung, die noch nach 50 Jahre Bestand hat – nämlich mit der Sonderklausel Sommerhäuser und dem damals eindeutig zielgerichteten anti-deutschen Verbot zur Sicherung einer Ja-Mehrheit.
  4. Die Gegner der damaligen EWG-Mitgliedschaft hatten sich jahrzehntelang für eine gemeinsame nordische Zusammenarbeit eingesetzt. Als Alternative zur EWG wurde ernsthaft die Wirtschaftskooperation unter dem Namen „NORDEK“ erwogen, die jedoch am finnischen Nein scheiterte, wobei auch die Sowjetunion damals in Helsinki ihre Finger mit im Spiel hatte. Die tragische Situation in der Ukraine hat – Glück im Unglück – 50 Jahre später zu einer neuen historischen Konstellation geführt, die den Norden erstmalig seit Jahrhunderten wieder vereinigt – wirtschaftlich durch die Mitgliedschaft in der EU und sicherheitspolitisch in der Nato, wo Schweden und Finnland noch auf die formelle Zustimmung der Türkei warten. Und gerade die jüngsten Ereignisse um Bornholm haben leider bewiesen, dass die Ostsee kein Meer des Friedens ist, sondern den Norden in seiner gesamten Sicherheit bedroht. Einst klopfte der Krieg in Düppel und Krusau an die dänische Tür, 2022 befindet sich nicht nur die dänische Kriegsfront im Baltikum. Und die EU spielt längst eine andere Rolle als jene, die ihr hier im Lande 1972 zugedacht war, nur als moderner Ochsenweg für den Bacon-Export, ohne außen-und sicherheitspolitische Ambitionen. In diesem Zusammenhang möchte ich zitieren, was mir der damalige politische Wortführer der Konservativen, Poul Schlüter, 1972 in Christiansborg auf mein Tonband sprach. „Ich habe immer die Auffassung vertreten, dass die EWG nicht nur eine Wirtschafts-Union, sondern auch eine politische Union ist. Es wäre weltfremd, sich nicht vorzustellen, dass Europa in fünf oder zehn Jahren auf eigenen Beinen stehen muss, weil ja alles darauf hindeutet, dass die Amerikaner ihr europäisches Engagement abbauen wollen. Wir müssen uns in Zukunft selbständig behaupten“, so Schlüter in meinem – heute fast prophetisch klingenden – Interview, das am 18. März 1972 im „Nordschleswiger“ erschien, nachdem Brandt übrigens damals die (noch heute) für so viele Dänen ketzerische Idee eines Europa-Heeres in die Diskussion eingebracht hatte: vor 50 Jahren!

Nordschleswigs Ja

Für die deutsche Minderheit in Nordschleswig war Europa nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weniger als für die Deutschen südlich der Grenze die überlebenswichtige „Ersatzmutter“. Schon 1947 sprach sich die deutsche Minderheit bei ihrer erstmaligen Teilnahme an einer Folketingswahl für die europäische Zusammenarbeit aus, Grenzen nicht verschieben, sondern überwinden war die neue Richtschnur der Volksgruppe, die mit dieser „Friedenspolitik“ auch neues Vertrauenskapital bei dem lange Zeit noch skeptischen Nachbarn in der dänischen Bevölkerung erwarb. Dennoch wurden Deutschland und die deutsche Minderheit 1972 zur gegnerischen Angriffsfläche, die die Emotionen mancher Dänen vor der Abstimmung schüren sollte. Da gab es schlimme Entgleisungen, und wenn einige von denen noch heute leben, dann sollten sie sich schämen über die damals ausgesprochenen Verdächtigungen – bei allem Verständnis für die hart geprüfte dänische Seele nach der Besatzungszeit. Es ist oft darüber diskutiert worden, welcher Schlüssel die Verständigung dafür geliefert hat, Pandoras Büchse auf dem Müllplatz der deutsch-dänischen Geschichte zu entleeren. Da gibt es sicherlich viele historische Momente, auch mehrere Personen südlich und nördlich der Grenze, die für diese grundsätzlichen Änderungen im Verhältnis gesorgt haben – sowohl in den Mehrheiten und Minderheiten trotz oft großer Widerstände, manchmal sogar in den eigenen Reihen.

Aus meiner Sicht gibt es ein Datum, das entscheidend die Wende herbeigeführt hat: der 2. Oktober 1972. Die Volksabstimmung 1920 mit ihren Folgen war ja auch demokratisch umstritten und brachte in den Jahren danach großes Leid, aber der erste gemeinsame Schulterschluss 1972 von Deutschen und Dänen für Europa war es, der in einer von beiden Seiten demokratisch legitimierten und anerkannten Entscheidung die Grundlage dafür legte, dass aus dem Gegeneinander und Nebeneinander nun ein Miteinander, ja inzwischen sogar ein Füreinander erreicht werden konnte. Man vergesse bitte nicht folgende Zahlen: in Gesamt-Dänemark votierten 63 Prozent der abgegebenen Stimmen für ein Ja – in Nordschleswig waren es hingegen 75 Prozent, und eine spätere Untersuchung ergab sogar, dass in der Minderheit astronomische 99 Prozent für die EWG-Mitgliedschaft gestimmt haben. Diese europäische Verankerung hat sich auch in Zeiten neuer Herausforderungen bewährt – gerade auch in beiden Minderheiten, wo das europäische Grundelement den national-nationalistischen Tendenzen, die in den letzten Jahren in anderen Ländern und Grenzregionen zu beobachten sind, eine strikte Ablehnung erteilt hat. Obwohl – ehrlich eingeräumt – so manche europäischen Träume bis heute nicht verwirklicht worden sind. Als Hinweis mögen dabei die Irritationen über die Grenzkontrollen – nicht nur wegen Corona – genannt werden, die die grenzüberschreitende Integration behindern und dem europäischen Geist widersprechen.

Aber Ende gut, alles gut, als historischer Fakt bleibt: die Teilung des schleswigschen Grenzlandes, die 1920 so schmerzhaft vollzogen wurde mit daraus auch negativen Folgen für beide Seiten, wurde erst durch eine „Wiedervereinigung“ 1972 aufgehoben. „Genforening“ in neuem Kleide, als die Wirtschaftsräume südlich und nördlich der Grenze wieder ein Zusammenwachsen, eine schleswigsche Region ermöglichten!

Wer Goldene Hochzeit feiert, weiß, dass bei aller Freude über das glückliche Zusammenleben seit 50 Jahren die Zukunftserwartungen doch begrenzt sind. Vorhersagen sind da nach den Worten des dänischen Humoristen Storm P. schwierig - vor allem was die Zukunft anbetrifft, und die EU steht heute in der größten strategischen Herausforderung seit ihrer Gründung 1956, nicht nur militärisch. Wie wird die EU diese existenziellen Bewährungsproben meistern, wie werden sich die 27 Mitgliedsländer institutionell darauf einstellen, bleiben die Nationalstaaten „Herren der Verträge“ oder kommt es etwa zu einem föderalistischen europäischen Bundesstaat nach einem Berliner Modell? Die Dänen haben nach 50 Jahren realpolitisch die Notwendigkeit des gemeinsamen europäischen Handelns über den Kommerz hinaus erkannt, das einstige Hass-Liebe-Verhältnis ist heute von einer pragmatischen Zuneigung geprägt, und doch tauchen wieder zögerliche Bedenken auf. Just am 50. Jahrestag bringen die sozialdemokratische Regierung von Mette Frederiksen und auch Uffe Ellemanns-Europapartei Venstre neue „Fussnoten“ ins Spiel, versuchen ihre Wähler aus innenpolitischen Motiven heraus zu versprechen, künftig keinen neuen europäischen Vertragsänderungen zuzustimmen.

Am 2. Oktober 2022 sollte man sich jedoch eher ein Beispiel nehmen am Vater des dänischen EWG-Beitritts, dem Sozialdemokraten Jens Otto Krag, der die Vision eines dänischen Europa und eines europäischen Dänemarks mit der erfolgreichen Volkabstimmung 1972 in die Wege geleitet hat. Nie zuvor war Europa so wichtig für Dänemark wie heute – und nie zuvor kann Europa und auch Deutschland so von einem Dänemark profitieren, dass sich seiner Rolle bewusst ist und nach 50 Jahren seinen gewachsenen Einfluss in wahrer Größe gewinnbringend für uns alle geltend macht.

Glückauf für Dänemark und Europa!

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