Bahrain – Katar – Saudi-Arabien

16 Jahre im Mittleren Osten: Unterdrückte Lebensfreude, strenge Hierarchien und viele tolle Menschen

Dominik Dose
Dominik Dose Online-Redaktion
Esbjerg/Doha/Jeddah/Manama
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Ein erschreckendes Souvenir: Nur ein Monat nach den Anschlägen in New York verkauften Straßenhändler in Bahrain ein Feuerzeug mit den Twin Towers und einer Bin-Laden-Büste. Foto: dodo

Silke Pedersen hat in Bahrain, Katar und Saudi-Arabien gelebt – in einigen der frauenfeindlichsten Ländern der Welt. Sie erlebte hautnah, wie sich die islamische Welt nach den Anschlägen von New York veränderte, musste fliehen, als der Irakkrieg ausbrach und sah Panzer an ihrem Fenster vorbeirollen, als der Arabische Frühling begann.

Sommer in Nordschleswig. Wenn Silke Pedersen morgens aufsteht, steht sie vor einem prall gefüllten Kleiderschrank. Was soll sie heute anziehen? Ein rotes T-Shirt mit einer kurzen Hose – oder doch vielleicht lieber den gelben Rock dazu? Sie könnte sich aber auch für das blaue Kleid, die Bluse oder das Top entscheiden. Silke hat die Qual der Wahl. Sie kann anziehen, was sie möchte – denn sie lebt heute in Dänemark.

Lange Zeit dominiert in ihrem Kleiderschrank hingegen nur eine Farbe – Schwarz. Gewänder hängen darin, die ihren gesamten Ober- und Unterkörper verhüllen. Nicht, weil sie es so will – sondern weil das Gesetz es vorschreibt. Strafen drohen, wenn sie sich nicht daran hält. Silke hat 16 Jahre ihres Lebens in Teilen der Erde verbracht, in dem Frauen nur wenige Rechte haben. In Bahrain, Katar und Saudi-Arabien. 16 Jahre, die Silke prägen.

Das Abenteuer ins damals Ungewisse beginnt für die aus der Nähe von Bremerhaven stammende Silke, ihren dänischen Mann Niels Henrik und die beiden vier und fünf Jahre alten Kinder Helene und Jonas Anfang 2001.

Ihr Mann, der für eine Baufirma aus Kopenhagen tätig ist, bekommt von seiner Firma das Angebot, in Bahrain tätig zu sein. „Wir mussten erst einmal einen Atlas aufschlagen und gucken, wo das überhaupt liegt“, sagt Silke.

Erste Station: Bahrain

Gemeinsam entschließen sie sich zu dem Schritt in den Mittleren Osten. Ihr Mann reist im Januar 2001 vor, Silke und die Kinder folgen im Februar. Für die Familie ist es eine komplett neue Welt – nicht nur kulturell und gesellschaftlich. Vor allem auch die klimatischen Veränderungen sind riesig. „Es gibt nur zwei Jahreszeiten dort: heiß und Inferno. An diese Hitze gewöhnt man sich nie. Ich habe dort erst gelernt, was Dehydrierung wirklich bedeutet“, sagt Silke. Für sie ist es eine vollkommen verkehrte Welt. „Hier stellen wir die Gartenmöbel zu Ostern raus und holen sie im Oktober wieder rein. Dort ist es genau umgekehrt, weil es im Frühling und Sommer nicht möglich ist, draußen zu sitzen.“
Die Familie lebt in der Hauptstadt Manama. Ihr Mann ist unter anderem damit beschäftigt, die Formel-1-Rennstrecke zu bauen. Silke will nicht nur die Kinder hüten, sie überlegt, was sie machen kann.

Alte Stadtruinen in Manama: Hier war Silke als Guide unterwegs, um Touristen die historischen Orte zu zeigen. Foto: Privat

„Meine Ausbildung als Versicherungskauffrau hat mir nichts gebracht“, berichtet sie. Sie fängt an, als Guide zu arbeiten, zeigt Touristen die alten Hügelgräber, Moscheen und Basare auf der Insel. In Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft baut sie ein Patenschaftsprojekt für deutsche Auswanderer in Bahrain auf. „Als wir ankamen, hätten wir uns jemanden gewünscht, der uns etwas an die Hand nimmt und uns Land und Leute etwas zeigt. Ich fand, dass zukünftige Deutsche, die nach Bahrain kommen, so etwas haben sollten.“

9/11 ändert alles

Im September passiert dann das, was die arabische Welt von Grund auf verändern wird. In New York fliegen zwei Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Centers. Bisher hat Silke Bahrain als offenes und tolerantes Land kennengelernt, das gilt vor allem auch ihr als Frau gegenüber. „Es war eigentlich kein großer Unterschied zu merken, Frauen waren gekleidet wie in Südeuropa, auch viele muslimische“, berichtet die 50-Jährige. Doch nach den Anschlägen in Amerika ändern sich die Bedingungen schlagartig. „Wir konnten deutlich spüren, wie die plötzliche anti-islamische Rhetorik im Westen den konservativen Strömungen großen Aufschwung gegeben hat.“

Ein besonders prägendes Erlebnis dazu aus dem Oktober 2001 hat Silke bis heute vor Augen. Auf einer Guiding-Tour mit Touristen begegnet sie einem Straßenhändler. Als dieser Silke sieht, packt er seine Ware zusammen und läuft weg. Einige Tage später sieht sie den Mann wieder, der abermals vor ihr wegläuft. „Ich bin ihm ein Stück hinterhergelaufen und habe ihm zugerufen, dass ich Deutsche und keine Amerikanerin bin, daraufhin ist er stehen geblieben.“

Als Silke näher kommt, schreckt sie schockiert auf. Der Mann verkauft Feuerzeuge – aber keine gewöhnlichen. Auf einem Holzsockel steckt eine kleine Büste von Osama Bin Laden. Neben ihm eine Abbildung der beiden Türme des World Trade Centers aus Metall. In einem steckt ein kleines Flugzeug, das sich herausziehen und wieder hereinstecken lässt. Durch Drücken eines Knopfes an der Seite schlagen Flammen aus Bin Ladens Turban. „Es war wirklich erschreckend – und das nur einen Monat nach den Anschlägen.“ Für sechs Dinar, umgerechnet zwölf Euro, kauft sie eine der Figuren.

Durch Drücken des Hebels an der Seite kommt Feuer aus dem Turban der Bin-Laden-Büste. Das Flugzeug, das in der Seite des Turmes steckt, lässt sich herausziehen. Foto: dodo

Anti-amerikanische Stimmung ist nun überall in Bahrain spürbar. „Einmal fuhr ein Auto mit einem selbst gemachten Nummernschild und der Aufschrift 'Twin Towers: Big Apple – Big Shot' vor mir. Das war gruselig.“
Silke wohnt mit ihrer Familie in einem sogenannten „Compound“, einem abgesperrten Wohnbezirk, der von Sicherheitskräften des US-Militärs rund um die Uhr bewacht wird. Die Kinder Jonas und Helene gehen in eine amerikanische Schule des US-Verteidigungsministeriums.

Angst vor Sadams Raketen

2003 dann die nächste große Eruption in der arabischen Welt. Amerikanische Truppen marschieren im März in den Irak ein. Für ihren Krieg nutzen die US-Streitkräfte den Flughafen von Bahrain als Militärflugplatz. Damit wird Bahrain zu einem potenziellen Ziel von irakischen Raketen. Es kommt die Ankündigung, dass der Flugplatz von Manama bald für den zivilen Flugverkehr komplett gesperrt wird. Die unsichere Lage beunruhigt Silkes Mann. Niels Henrik beschließt, dass Silke und die Kinder zur Sicherheit das Land verlassen sollen. Er selbst bleibt in Bahrain. „Wir haben noch einen der letzten Flüge bekommen“, so Silke. Sie und die Kinder werden von der Firma ihres Mannes in Kolding untergebracht. Die große Ungewissheit beginnt. „Wir wussten ja nicht, wie sich die ganze Lage entwickelt. Wann wir zurückkönnen? Ob wir überhaupt zurückkönnen? Alles war ungewiss“, erzählt Silke.

Auf den Schulunterricht der Kinder hat die „Flucht“ hingegen keine großen Auswirkungen. „Die haben Online-Unterricht bekommen, von denselben Lehrern, die sie auch in Bahrain hatten. Das wurde alles vom US-Verteidigungsministerium organisiert. Für die war so eine Situation etwas ganz Normales, die kannten das schon.“

Golf und Bier

Während Silke und die Kinder in Dänemark in Sicherheit sind, muss ihr Mann in Bahrain zusehen, wie er sich die Zeit vertreibt, da seine Firma aufgrund der Kriegshandlungen irgendwann jegliche Arbeitstätigkeiten vorläufig einstellt. Wie er, hatten auch viele andere Kollegen ihre Familien in Flugzeuge gesetzt und außer Landes geschafft.

Viele Männer, viel freie Zeit und die Familien Tausende Kilometer weit weg – was tun? „Die haben den ganzen Tag Bier getrunken und Golf gespielt“, berichtet Silke mit einem Schmunzeln.

Letztendlich wird nicht eine Rakete vom Irak auf Bahrain abgefeuert. Nach knapp zwei Monaten ist Saddam Hussein gestürzt und der Krieg vorbei. Silke und die Kinder können zurückkehren.

Diese Schilder mit dem vorgeschriebenen Dresscode hängen in Katar überall aus. Foto: privat

Weniger Rechte in Katar

Einige Monate später bekommt ihr Mann das Angebot, in Katar zu arbeiten und dort am Bau der Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 mitzuwirken. Die Familie entschließt sich, dort hinzuziehen.

Obwohl Silke bereits die vergangenen vier Jahre im Mittleren Osten gelebt hat, ist es für sie ein Kulturschock. „In Bahrain habe ich volle Narrenfreiheit gehabt, ich konnte mich frei bewegen, wie ich es wollte. Das war in Katar komplett anders. Es gab für unterschiedliche Nationalitäten unterschiedliche Rechte. So haben einheimische Katari bei Unfällen Anspruch auf höheren Schadenersatz als Ausländer“, erzählt Silke.

Vor allem für sie als Frau ändert sich das Leben drastisch. Während sie sich in Bahrain kleiden konnte, wie sie wollte, herrscht in Katar ein strikter Dresscode. „Knie und Schultern mussten immer bedeckt sein, sonst war es zum Beispiel nicht möglich, ins Einkaufszentrum zu kommen“, so Silke.

Das Leben wird komplizierter für sie. „Einfach mal kurz zum Bäcker laufen – das ging dort nicht. Als Frau musste ich immer darauf achten, was ich für Kleidung trug und wie ich nach außen wirkte. Das war etwas, was man als Frau schnell lernen musste.“

Das Fernweh kommt schnell

Zwei Jahre, bis Dezember 2006, bleibt die Familie in der katarischen Hauptstadt Doha, dann zieht es ihren Mann beruflich nach Polen, Silke und die Kinder wohnen in Dresden. Doch das Fernweh kommt schnell – trotz aller Einschränkungen, die vor allem Silke zuletzt in Katar erleben musste. „Dresden war überhaupt nichts für uns. Vor allem die Kinder vermissten das Leben im Mittleren Osten sehr – das Leben, mit dem sie aufgewachsen waren. Und auch mein Mann und ich wollten zurück“, sagt Silke.
2008 zieht die Familie wieder zurück nach Katar.

Silke und ihr Mann Niels Henrik bei der Handball-Wm 2015 in Katar. Foto: Privat

In Saudi-Arabien ist alles anders

Nach einem Jahr bekommt Niels Henrik eine Stelle für zwei Jahre in Saudi-Arabien angeboten. „Wir hatten schon sechs Jahre im Mittleren Osten gelebt, und ich wusste auch, dass Saudi-Arabien noch einmal etwas ganz anderes wird“, erzählt Silke. Doch auf das, was sie dort erwartet, ist auch sie nicht vorbereitet. In Katar hatte Silke als Frau bereits mit diversen Restriktionen zu kämpfen gehabt, was sie nun erlebt, soll diese Erfahrungen aber noch deutlich übersteigen. „Das frauenfeindliche Klima in der Gesellschaft war unerträglich, das glaubt man gar nicht, wenn man es nicht erlebt hat“, sagt Silke.

In Katar musste Silke Schultern und Knie bedecken, durfte dies aber mit Kleidungsstücken ihrer Wahl tun. In Saudi-Arabien herrscht nun eine strikte vorgeschriebene Kleiderordnung für sie. Frauen, egal ob muslimisch oder nicht, müssen in der Öffentlichkeit ein langes schwarzes Gewand, eine sogenannte Abaya tragen. „Dieses Ding ist der Horror – nicht nur wegen der Hitze. Ich habe mich darunter vollkommen eingeschnürt gefühlt – wie ein Schmetterling, dem die Flügel abgeschnitten wurden.“

Als Frau darf sie außerhalb des abgesicherten Wohngebiets in Jeddah, in dem die Familie lebt, nicht alleine herumlaufen, sie darf kein Auto fahren und nicht mit fremden Männern sprechen. Ihr Alltag ändert sich komplett. Alles muss genau geplant werden. Will sie die Safe-Area ohne ihren Mann verlassen, um zum Beispiel einzukaufen, braucht sie einen Fahrer. „Wir hatten sechs davon bei uns in der Safe-Area, die waren aber für alle Frauen da, die dort wohnten – und das waren mehrere Hundert. Deshalb war es schwer, überhaupt einen zu bekommen“, berichtet Silke. Auch auf den Gebetskalender muss sie achten, dieser bestimmt, ob die Geschäfte überhaupt offen sind. „Es war alles unglaublich schwierig. Ich musste quasi eine Woche vorher alles genau planen, selbst wenn ich nur Waschpulver kaufen wollte.“

Strand mit Betonmauer

Zum Glück muss sie ihre abgesicherte Wohnsiedlung so gut wie nie verlassen. Innerhalb des Areals gibt es alles, was zum Leben benötigt wird, eine Schule, Parks und sogar einen kleinen Supermarkt. Arbeiten, wie in Bahrain, zum Beispiel als Touristenführerin, ist für Silke in Saudi-Arabien undenkbar. Sie hat nur die Möglichkeit, stundenweise als Bibliothekarin in der Bücherei am britischen Konsulat zu arbeiten. Ansonsten kümmert sie sich um die Kinder und macht viel Sport. Innerhalb ihrer Safe-Area ist alles möglich, auch kleiden darf sie sich dort, wie sie möchte, denn die Mauern sind so hoch, dass niemand hereingucken kann. „Wir hatten sogar einen eigenen Strandabschnitt, die Betonmauern gingen bis weit ins Meer hinein, damit uns auch ja niemand von außerhalb beim Baden sehen konnte“, erzählt Silke.

In der Wüste von Katar war fast alles erlaubt: außer Kamele, Quads, Waffen und Müll. Foto: Privat

Saudi-Arabien ist in allen Belangen eine andere Welt – eine für Silke oft erschreckende und abstoßende Welt, in der bestimmte Menschen und Menschenrechte nichts wert sind. So erlebt sie in Jeddah, dass unzählige Kinder auf der Straße leben und wie Tiere behandelt werden. „Durch den Pilgerstrom kommen viele Illegale ins Land, vor allem Frauen bleibt meist nur der Weg in die Prostitution. Die Kinder von diesen Frauen erhalten keine saudische Staatsangehörigkeit, sie sind staatenlos, sie haben keine Existenz und besitzen keinerlei Rechte. Sie leben auf der Straße, sind den saudischen Männern schutzlos ausgeliefert, werden von ihnen begrabscht und einfach in ihre Autos gezerrt, ohne dass es jemanden interessiert. Das war einfach nur schrecklich mit anzusehen“, berichtet Silke. „Da bin ich mir erst bewusst geworden, wie privilegiert ich bin, einen Pass zu besitzen.“

Mitten im Arabischen Frühling

Nach zwei Jahren ist das Kapitel Saudi-Arabien beendet. Ihr Mann bekommt wieder eine Stelle in Bahrain. Im Februar 2011 zieht die Familie wieder nach Manama. Dorthin, wo Silke als Frau tragen kann, was sie möchte, wo sie Auto fahren und sich frei bewegen darf.

Nach Ausbruch des Arabischen Frühlings sind brennende Barrikaden in Bahrain an der Tagesordnung. Foto: Privat

Eine Woche sind Silke, ihr Mann und die Kinder wieder dort – dann ändert sich ihr Leben wieder schlagartig. Die Proteste des Arabischen Frühlings erreichen Bahrain. Es kommt zu massiven Protesten der schiitischen Bevölkerungsteile gegen die sunnitische Obrigkeit. Kurze Zeit später wird der Ausnahmezustand ausgerufen. „Wir wussten nicht, was passiert. Das war ein ganz komisches Gefühl. Wir wurden dazu aufgefordert, uns mit Lebensmitteln für eine Woche zu versorgen und die Badewanne mit Wasser zu füllen“, erzählt Silke. Aufgrund der Ungewissheit packt die Familie die ersten zwei Wochen ihre Koffer nicht aus – jederzeit bereit, ins Flugzeug zu steigen.

Doch in ihrer abgeschotteten Wohnsiedlung bleibt es ruhig. Anders dagegen in den Straßen. Dort gehören Proteste und Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften fortan zum Alltag. „Es gab eigentlich so gut wie jeden Abend Protestmärsche durch die Stadt. Panzer fuhren an unserem Fenster vorbei, Helikopter waren in der Luft, und es wurde häufig auch geschossen“, erzählt Silke. Da die Familie allerdings selbst nie Aggressionen zu spüren bekommt, gibt es keine Pläne, das Land zu verlassen.

Drei Jahre verstreichen. Der Arabische Frühling verändert das Land nachhaltig. „Es war nichts mehr so wie früher. Das Klima in der Gesellschaft war sehr angespannt, die Unbekümmertheit, so wie ich Bahrain kennengelernt hatte, war nie mehr die gleiche“, sagt Silke.

Foto: Privat

Bombe auf der Kreuzung

2014 ist das zweite Bahrain-Abenteuer für die Familie fast beendet. Ihr Mann ist bereits aus beruflichen Gründen abgereist, ihr Sohn zum Studieren in Dänemark. Da erlebt Silke einen Schreck, den sie nie vergessen wird. Sie ist mit ihrer Tochter im Auto zum Einkaufen in der Stadt unterwegs. Auf dem Rückweg fährt sie auf eine leere Kreuzung zu. In der Mitte liegt etwas auf der Straße – eine Bombe. Nichts ist abgesperrt. Keine Polizei ist zu sehen.

Silke drückt aufs Gaspedal und fährt orientierungslos durch die Straßen – Hauptsache weg. „Ich habe einfach Gas gegeben, doch dort sehen alle Straßen und Häuser gleich aus“, erzählt Silke. Plötzlich der große Schreck, nach ihrer Irrfahrt steht sie auf einmal wieder vor derselben Kreuzung. Die Bombe liegt immer noch da. Wieder gibt sie Gas. Diesmal kann sie sich orientieren. Mit diesem Schreckmoment verlassen auch Silke und ihre Tochter Helene Bahrain kurze Zeit später.

Helene beginnt ebenfalls ihr Studium in Dänemark. Silkes Mann bekommt wieder einen Job in Katar. Auch Katar hat sich in den Jahren einer enormen Entwicklung und einem großen Wandel unterzogen. Immer noch herrschen strenge Kleidervorschriften, aber es gibt nun auch viele Bars und Restaurants. Die Modernisierung des Landes ist an vielen Stellen spürbar. Drei Jahre verbringen Silke und Niels Henrik noch ein drittes Mal dort, ehe sie 2017 letztendlich nach Dänemark, in die Heimat ihres Mannes, ziehen, wo sie sich nun in Esbjerg ein Haus gekauft haben.

Silkes Freundin Marsha mit Abay, dem schwarzen Gewand, das in Saudi-Arabien alle Frauen tragen müssen. Foto: Privat

Nach 16 Jahren in Dänemark

Nach 16 Jahren in Ländern mit unterdrückter Lebensfreude, strengen Hierarchien und patriarchalischen Strukturen genießt sie die Freiheiten, die sie nun wieder hat. „Es ist einfach so toll, diese ganzen starken, selbstständigen und unabhängigen Frauen zu erleben. Mir geht das Herz auf, wenn ich kleine Mädchen sehe, die freche Antworten geben und Rückgrat haben. Nach so vielen Jahren in zum Teil so frauenfeindlichen Gesellschaften, lernt man solche Dinge erst richtig zu schätzen“, so Silke.

Viele positive Erinnerungen

Sie zieht aber auch viel Positives aus ihrer Zeit im Mittleren Osten. „Wir sind tollen Menschen aus allen Ecken der Welt begegnet. Das war sehr spannend, das alles zu erleben. Unsere Kinder haben eine hervorragende Ausbildung erhalten, an Schulen mit mehr als 50 Nationalitäten. Durch die unterschiedlichen Menschen und Lebensweisen habe ich gelernt, dass es oft viele Wege gibt, Dinge zu tun. Andere Wege, die aber nicht besser oder schlechter sind. Ich nehme Dinge nicht mehr so ernst und bin toleranter. Vor allem beim Zeitverständnis. Ich weiß nun, dass Pünktlichkeit eine deutsche Tugend ist, die anderswo nicht unbedingt zu erwarten ist“, sagt Silke mit einem Lachen.

Daher vermisst sie auch das Leben, das sie so lange geführt hat. „Es ist schon etwas ungewohnt. Ich vermisse vor allem das Internationale. Das Essen aus unterschiedlichen Kulturen und die Menschen aus verschiedenen Ländern der Erde um mich herum. Die Amerikaner, Inder, Chinesen oder Saudis, die alle ihre Eigenarten haben. Hier in Dänemark ist alles sehr homogen“, sagt Silke.

Vor allem nach der Zeit in Saudi-Arabien freut sich Silke nun aber erst einmal darüber, dass die Flügel wieder wachsen, sie morgens ihren Kleiderschrank aufmacht und einfach das anziehen kann, worauf sie Lust hat.

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