Alleine vorm Computer

Mit E-Sport gegen die „Verrohung der Gesellschaft“

Dominik Dose
Dominik Dose Online-Redaktion
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Thomas Vilhelm/Ritzau-Scanpix

Jugendliche in Dänemark verbringen immer weniger Freizeit mit ihren Freunden im realen Leben – sondern wenn, dann in der virtuellen Welt. Statt diese Entwicklung zu verteufeln, sollte lieber darüber nachgedacht werden, wie man sie nutzen kann, meint Vereinskonsulent Lasse Tästensen.

Kinder- und Jugendliche in Dänemark verbringen ihre Freizeit immer seltener miteinander – zumindest physisch. Das zeigt nicht nur eine neue Untersuchung des Nationalen Forschungs- und Analysezentrums für Wohlfahrt (Vive), sondern das erlebt auch der Vereinskonsulent des Deutschen Jugendverbandes für Nordschleswig, Lasse Tästensen, in seiner täglichen Arbeit. „Es hat ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, wie es früher war, dass Kinder nach der Schule zusammen auf dem Spiel- oder Fußballplatz gespielt haben“, sagt er.

Die von Vive getätigte Umfrage unter 15-Jährigen zeigt, dass die Zahl der Jugendlichen, die angaben, höchstens einmal pro Woche im realen Leben etwas mit Freunden zu machen, von 17 auf 35 Prozent von 2009 bis 2017 angestiegen ist.

Zu viele andere Dinge

Als Hauptgrund sieht Lasse Tästensen vor allem die technische Entwicklung mit zunehmender Verbreitung von Smartphones, Sozialen Medien oder Computerspielen. Auch Analytikerin Karen Margrethe Dahl, die die Untersuchung durchgeführt hat, ist dieser Meinung.

„Das soziale Miteinander sinkt in allen Altersgruppen. Ob es gut oder schlecht ist, dass Kinder- und Jugendliche sich häufiger im virtuellen Leben treffen als im realen, können wir nicht sagen. Ganz sicher erleben wir aber seit Jahren eine große kulturelle Veränderung“, so Dahl zur Zeitung Information.

Nicht nur negativ

Der Vereinskonsulent des Jugendverbandes meint, zwar, dass ein Headset, mit dem sich die Jugendlichen beim Computerspielen unterhalten, nicht das Gleiche ist, wie reale soziale Interaktion, dennoch sieht er die Entwicklung nicht rein negativ. „Digitalisierung ist nun mal die Zukunft. Es ist wichtig und richtig, dass die Kinder- und Jugendlichen mit den technischen Neuheiten aufwachsen – aber natürlich müssen sie auch gleichzeitig lernen, richtig damit umzugehen“, sagt Tästensen.

Ein großes Problem, das er sieht, ist, dass ältere Generationen viele Dinge, mit denen sich Kinder- und Jugendliche beschäftigen, nicht richtig verstehen und oftmals direkt kritisch abstempeln. „Ein gutes Beispiel ist das Spiel Counter-Strike, viele sagen, es ist schlicht und einfach ein 'Killerspiel', das schlecht für Jugendliche ist. Sie sehen nicht den strategischen Aspekt des Spieles, der eigentlich im Mittelpunkt steht. Ich habe das auch erst verstanden, nachdem ich mich genauer damit beschäftigt habe“, so der Vereinskonsulent.

Aus seiner Sicht sei es nicht der richtige Weg, nur zu kritisieren, dass die Kinder- und Jugendlichen weniger Freizeit im realen Leben miteinander verbringen, sondern zu Versuchen, die heutigen Vorlieben der Jugend mit dem sozialen Aspekt zu verbinden.

Eine ideale Möglichkeit sei dafür E-Sport, sagt er. „Einfach nur alles zu kritisieren bringt nichts. Wir müssen Lösungen finden, und eine davon könnte E-Sport sein. Computerspiele sind heute so viel mehr als reines 'daddeln', wie Kritiker immer sagen. Es bringt Jugendliche zusammen und fordert von ihnen strategisches und schnelles Denken“, sagt Tästensen. Er sieht eine gute Möglichkeit, E-Sport auch ins Vereinswesen zu integrieren, um so Jugendliche auch im realen Leben in ihrer Freizeit wieder zusammenzubringen.

Denn gelingt dies nicht, sieht auch er ernste Konsequenzen: „Verbringen die Kinder- und Jugendlichen ihre Freizeit dauerhaft allein, hat dies natürlich große gesellschaftliche Folgen. Sie lernen nicht, wie man mit anderen Menschen umgeht, ein wichtiger Aspekt des Heranwachsens. Sie müssen lernen, mit Siegen und Niederlagen umzugehen, und das geht nur im direkten Kontakt. Sonst droht eine Verrohung der Gesellschaft, in der es nur noch Egoisten gibt“, sagt der Vereinskonsulent.

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Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
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