eSport

As big as it gets - eSport in Dänemark

Florian Papenfuhs
Apenrade/Aabenraa
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Das dänische Team Astralis nach dem Sieg bei den Finals der Faceit ECS Saison 6 in Arlington (USA). Foto: Cooper Neill/Getty Images/AFP/Ritzau Scanpix

Dänemark gehört zu den herausragenden eSport-Nationen weltweit. Woran liegt das – und worum geht es dabei eigentlich? Florian Papenfuhs hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Als ich mich für ein Praktikum in Dänemark entschied, verabschiedete ich mich von dem Gedanken, über Spitzensport berichten zu können. Nicht dass wir uns falsch verstehen, die Dänen sind sportbegeisterte Menschen, die in ihrer Historie bereits viele Erfolge zu feiern hatten, gerade im Bezug zur Größe ihres Landes.

Auch hat Dänemark in den populären Sportarten tolle Athleten, wie beispielsweise im Handball, Eishockey oder Fußball. Doch die Håndboldligaen ist nicht die DKB Handballbundesliga, die Metal Ligaen nicht die NHL und die Superliga hinkt den Wettbewerben in Spanien oder England um Meilen hinterher.

Nun, da mein Praktikum sich auf der Zielgeraden befindet, denke ich anders darüber. Ich habe mich in den letzten Monaten einer Sportart angenähert, in der Dänemark zweifelsohne der Vorreiter Europas ist. Teilweise bildet die 5,7-Millionen-Einwohner-Nation sogar die Weltspitze.

Und keine Angst, ich rede nicht von einer nahezu unbekannten Nischensportart, in der insgesamt sowieso nur sieben Länder teilnehmen. Ich rede von ausverkauften Stadien mit zehntausenden von Plätzen. Von über 300 Millionen Zuschauern weltweit allein im letzten Jahr. Ich rede vom eSport.

Niels Christian Sillassen
Der dänische Profi Niels Christian „Natosaphix“ Sillassen spielt für das deutsche Sprout-Team. Foto: Sprout

eSport ist Gaming - Gaming ist nicht eSport

Doch was ist eSport? Mehrere Menschen spielen kompetetiv Videospiele gegeneinander, das ist der Kern. Dazu kommt, dass eSport erst einmal nur eine Ansammlung von Disziplinen ist. Es gibt nicht den eSport.

Das Prinzip lässt sich mit der Leichtathletik vergleichen, die für verschiedene Athleten verschiedene Sportarten bereithält. Während es jedoch bei der Leichtathletik, beispielsweise im olympischen Kontext, klar umrissen ist, welche Disziplinen dazugehören, ist die Trennlinie im eSport deutlich weicher. Man kann erst einmal in jedem Titel ein eSport-Turnier veranstalten, jedoch ist nicht jedes Videospiel ein eSport-Titel.

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Wie Boxer vor dem Kampf: Das Team Astralis.

Angenommen, mehrere Menschen liefern sich Rennen mit dem Bürostuhl, oder versuchen möglichst schnell viele Kerzen nacheinander anzuzünden, dann kann man daraus einen Wettbewerb machen – nur wird das sowohl dem olympischen Komitee, als auch dem Sportjournalisten aus der Lokalzeitung herzlich egal sein.

Eine große einordnende Instanz fehlt im eSport, im Moment übernimmt den Job, zu beurteilen was jetzt eine legitime eSport-Disziplin ist, und was nicht, die Community, also die Gesamtheit derer, die den eSport betreiben und verfolgen. Drei Veranstaltungen in einer Woche

In der ersten September-Woche ist die deutsch-dänische Grenzregion fest in der Hand des digitalen Sports. In Husum findet der eSport Summit statt. Eine Networking-Veranstaltung, mit verschiedenen Vorträgen. Darüber hinaus beteiligen sich hunderte Gamer an der Northern Gaming Convention. Die Veranstaltung ist eine der größten LAN-Partys Deutschlands.

Die Speaker, die die Vorträge halten, kommen aus allen erdenklichen Bereichen. Während Tourismus-Verbände ein eSport-Turnier beleuchten, das auf dem Wacken-Festival stattfand, sichern politische Kräfte mehr Unterstützung zu, was den Aufbau von Strukturen betrifft. Immer wieder wird neidisch auf den Nachbarn im Norden geschaut. Der Titel Counter Strike wird näher vorgestellt und es wird versucht zu erklären, wie man pädagogisch mit dem Feld arbeiten kann.



Balance vs. Popularität

Betrachtet man sich die fünf, sechs wirklich großen Titel, gibt es zwei Gründe, warum sich für einen eSport viele Leute interessieren.

Punkt 1: Das Spiel ist einfach irre gut. Und damit meine ich nicht, es ist ein gutes Videospiel, sondern ein guter eSport-Titel. Gute Videospiele sind die Super Mario Teile schließlich auch. Einen guten eSport-Titel macht aber aus, den Spieler mit den besten Fähigkeiten gewinnen lassen zu wollen.

Als solche Spiele gelten Counter-Strike, Smash. Bros Melee, oder die beiden Star Craft-Ableger. In eine zweite Kategorie fallen Titel, die von so vielen Leuten selber gespielt werden, dass die Community wissen möchte, wer der Beste ist. Das Paradebeispiel hierfür wäre FIFA. Auch „DOTA II“, „PUBG“ oder, der wohl populärste eSport-Tiel, „League of Legends“ wären diesem Bereich zuzuordnen.

In vielen dieser Kategorien spielen dänische Sportler um den Sieg. Das Team OG gewann unter der Leitung ihres dänischen Kapitäns Johan Sundskin das DOTA II-Turnier „The Invitational“, und somit rund 10 Millionen Euro Preisgeld.

Rasmus Filipsen, Kapitän bei Evil Geniuses, spielte sich an der Seite von Landsmann Andreas Nielsen auf den dritten Platz, und bei der diesjährigen League of Legends-WM traten insgesamt fünf Dänen für die besten Teams aus Europa und Nordamerika an.

Lasse Tästensen
Lasse Tästensen Foto: Karin Riggelsen

Dänemark – die Nummer 1 in CS:GO

Wenige Kilometer von Husum entfernt, in Sonderburg, ist an zwei Wochenenden das „CrossBorder“ eSport-Event zuhause.

In zwei Hallen spielen Profis die bekanntesten eSport-Titel, und „Amateure“ in einer Halle nebenan was auch immer sie spielen möchten.

Lasse Tästensen, Vorstandsmitglied des CBE und Vereinskonsulent des Deutschen Jugendverbandes für Nordschleswig, reizt genau das: „Ich mag diese zwei Seiten mit den Profis und der Lan-Party. Doch die Leute müssen verstehen, dass das, was in der Lan-Halle passiert, kein eSport ist. Da muss stärker differenziert werden.“

Wie der Name schon verrät, haben die Veranstalter vor allem das Grenzland im Blick. Viele deutsche und dänische CS:GO-Teams sind vor Ort, mit „ATN“ sogar ein Klan, in dem deutsche und dänische Athleten gemeinsam spielen. „Sprout“ noch ein weiteres Team mit Spielern aus beiden Nationen, musste kurzfristig absagen.

Mit Sprout hätte man nicht nur ein weiteres deutsch-dänisches Team vor Ort gehabt, sondern auch den aktuellen deutschen ESL-Meister. Auf der Gamescom in Köln krönten sich die Jungs von Trainer Tobias Herberhold nach einem packenden Fight gegen Vorjahressieger Euronics Gaming zum neuen Titelträger.



Real Madrid, Golden State Warriors, Astralis

Nun macht ein deutscher Meistertitel noch keine europäische Spitzenposition eines ganzen Landes aus. Dennoch zeigt es, wie breit Dänemark aufgestellt ist. Gerade im Spiel Counter Strike ist die dänische Dominanz nahezu grotesk. So wie im Basketball weltweit jedes Team versucht, ein oder zwei US-Amerikaner zu verpflichten, geht es dänischen Spielern bei CS:GO.

Das Halbfinale, in dem ATN gegen Sprout spielte, hätte genauso gut das Finale sein können, womit überwiegend dänische Spieler um den Titel des besten in Deutschlands gespielt hätten.

Doch es wird noch viel besser. In der Königsklasse, den Major-Turnieren, ist die dänische Flagge omnipräsent. Denn Dänemark beheimatet quasi das Real Madrid, oder um in der Basketball-Analogie zu bleiben, die Golden State Warriors, des Counter-Strike Sports; Astralis.

Das Team besteht ausschließlich aus Dänen. Beim E-League Major Atlanta im Juli bekam Astralis für den Sieg glatte 500.000 Euro. Insgesamt hat das Team laut „esportearnings.com" bis hierhin 3,5 Millionen Euro an Preisgeld verdient.

Auch beim Face IT Major, der inoffizielle CS:GO-WM im Wembley Stadion Londons, spielte sich die Kopenhagener Organisation ungefährdet zum Titel. Seit unzähligen Wochen ist der Klan Führender in der Weltrangliste.

Der größte Rivale der dänischen Vorzeige-Gamer, ist der FaZe-Clan aus den USA. Angeführt wird die Multikulti-Truppe von Finn „karrigan“ Andersen. Einem Dänen.

Überraschenderweise war es ein anderes Team, welches Astralis in diesem Jahr die wohl schmerzlichste Niederlage versetzte. Im Rahmen der Dreamhack in Schweden musste sich der Weltranglistenerste dem Klan „NORTH“ geschlagen geben, in dem ebenfalls nur Dänen unterwegs sind.

Tobias „tow b“ Herberhold
Tobias „tow b“ Herberhold Foto: Sprout

Ein Vergleich zwischen Deutschland und Dänemark

NORTH ist die eSport-Abteilung des dänischen Fußballbranchenführers FC Kopenhagen. Ihre Trainingsräume haben sie im Stadion des Klubs, man kann während des Trainings auf den Rasen schauen. Die Art und Weise wie der FC Kopenhagen seine eSport-Vertretung inszeniert ist stellvertretend für die Unterschiede zwischen Deutschland und Dänemark.

In Deutschland haben rund die Hälfte der Bundesligisten FIFA-Spieler, einzig der FC Schalke 04 ist in einer anderen Disziplin aktiv. Die „Königsblauen“ betreiben seit längerer Zeit ein, zuletzt sehr erfolgreiches, League of Legends-Team.

Woher kommt das Engagement in Dänemark? Sprout-Coach Tobias Herberhold sieht einen Vorteil Dänemarks in seinen infrastrukturellen Gegebenheiten. Bereits früh gab es im Land eine gute Internetanbindung. Darüber hinaus tut die recht geringe Bevölkerungsdichte ihr übriges.

„Wenn man mal schaut, wo die richtig guten Spieler herkommen, sind viele auf dem Land groß geworden. Da sind Videospiele eine gute Möglichkeit, Leute kennenzulernen.“ Mit allen Optionen der Freizeitgestaltung, die junge Menschen in Großstädten haben, ist eine Karriere als eSport-Profi deutlich unwahrscheinlicher. Dazu passt auch, dass die anderen skandinavischen Länder ebenfalls kein schlechtes Bild abgeben in Sachen Gaming.

Nicolai „dev1ce“ Reedtz
Nicolai „dev1ce“ Reedtz von Astralis. Foto: Astralis

„So akzeptiert wie Fussball oder Tennis“

Auch Nicolai „dev1ce“ Reedtz, seit Jahren wichtiger Bestandteil von Astralis, sieht in Dänemark günstige Bedingungen: „Ich glaube es liegt daran, dass man als Jugendlicher in Dänemark so viel Freizeit hat und es einfacher ist, an einen Computer zu kommen.“

Über den gesellschaftlichen Umgang mit seiner Disziplin sagt er: „Counter-Strike hat einen ganz anderen Ruf, als vor einiger Zeit. Wir haben mit Astralis eine große Organisation hinter uns und RFRSH (eine Medienproduktionsfirma die mit Astralis zusammenarbeitet, Anm. d. Red.) hat wirklich sehr viel für uns Spieler aber auch für den Esport getan. Counter-Strike ist nicht mehr länger ein verbotenes Wort oder etwas das im Keller gespielt wird. Ganz im Gegenteil, wird es jetzt akzeptiert - auf gleichem Niveau wie Handball, Fußball, Tennis, Golf etc.“

Dennis „sycrone“ Nielsen, einer der Dänen, die mit Sprout deutscher Meister wurden, sieht ebenfalls einen großen Vorteil in der gesellschaftlichen Akzeptanz. „Die Menschen gehen hier, denke ich, viel lockerer mit dem Thema um, als in Deutschland. Da ist alles etwas konservativer. In Dänemark gibt es eSport sogar als Seminar an den Schulen. Was da genau passiert, weiß ich aber auch nicht. Vielleicht gibt es ja Kurse in denen die Schüler lernen, wie man in Counter Strike Granaten wirft“, schmunzelt der 22-Jährige.

Lasse Tästensen ergänzt; „Es gab beispielsweise nie diese ganz große Diskussion um Counter Strike in Dänemark. Gerade die Präsenz in den Schulen hilft allen Parteien, sich dem Thema anzunähern. In Deutschland wäre so etwas unvorstellbar.“

Wer sich von dem hier Geschriebenen persönlich überzeugen möchte, hat unter anderem am 07. - 09.12. in Odense die Gelegenheit dazu. 16 der besten CS:GO-Teams der Welt spielen um eine Millionen Dollar Preisgeld. Erst kürzlich machte die Blast Pro Series Halt in Kopenhagen. Anfang November konnte man dort Astralis beobachten. Im Team war die Vorfreude auf das Heimspiel riesig. „Ich freue mich schon riesig vor 12.000 Fans in der Royal Arena zu spielen, wo wir hoffentlich die Trophäe mitnehmen können.”, so dev1ce. Am Ende reichte es zum dritten Platz – gewonnen hat das Team NaVi aus der Ukraine.

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