Leitartikel

„Nach der Schule: Zugfahrt statt Ratschlag“

Nach der Schule: Zugfahrt statt Ratschlag

Nach der Schule: Zugfahrt statt Ratschlag

Apenrade/Aabenraa
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Wer völlig orientierungslos durchs Leben geht, dem helfen dieser Tage die weisen Fingerzeige in den Leitartikeln und Kommentaren der dänischen Medien. Alle anderen Abiturientinnen und Abiturienten freuen sich einfach, dass sie ab sofort einigermaßen frei entscheiden können. Zum Beispiel, was sie alles anders machen wollen.

Dänemarks Jugend entdeckt das Interrail-Ticket für sich. Das ist eine tolle Nachricht. Nach der Corona-Gefangenschaft (um es mal spätpubertär-rabiat auszudrücken) können nicht nur Familien und Rentnerinnen und Rentner wieder reisen und die europäische Touristikindustrie mit ihrem Ersparten beglücken – auch die finanziell im Durchschnitt deutlich spärlicher bestückten Durchbeschulten können sich wieder auf die Grand Tour durch Europa machen.

Und sie machen es! Sie packen zu Tausenden die Rucksäcke und gehen auf Kavalierstour. Nicht per Flugzeug oder Auto – sondern mit der Bahn.

Die hat zum Glück das Interrail-Ticket wieder attraktiv gemacht. Nicht unbedingt dadurch, dass es zum Spottpreis zu haben ist. Doch billiger als die meisten anderen Reiseformen ist es am Ende allemal.

Sondern vor allem dadurch, dass die Interrail-Landkarte endlich nicht mehr in hirnrissige Zonen aufgeteilt ist und man sich bei Ticketkauf nicht mehr festlegen muss, welche Sektor der europäischen Welt man denn nun bereisen möchte – und wogegen man sich entscheiden muss. Paris, aber nicht Rom. Hamburg, aber nicht Wien, Barcelona, aber nicht Breslau? Für die sogenannte Jugend von heute keine Frage mehr. Es geht endlich wieder alles mit einem Pass.

Auch für (ältere) Erwachsene übrigens – aber die sind hier mal nicht Thema. Die haben es, zumindest in der Elterngeneration der jetzigen Jugend, weitestgehend verpasst, Europa auf eigene Faust zu entdecken.

Thema ist, dass 2019 so viele Interrail-Pässe in Dänemark verkauft wurden, wie seit 1991 nicht – und dass Leute, die sich mit so etwas auskennen, davon ausgehen, dass es dieses Jahr, nach Corona, noch viele mehr werden.

Weil der Flug in den Urlaub nicht mehr hip ist. Weil die klimafreundliche Alternative vielen lieber ist. Weil wir Dinge wieder gemeinsam erleben wollen, anstatt uns auf Urlaubs-Ego-Trips abzuschotten.

Und, wie gesagt, weil die in den Niederlanden ansässige Interrail-Betreiberfirma Eurail gemeinsam mit den nationalen Bahngesellschaften wieder ein leicht zu durchschauendes und attraktives Angebot anbietet.

Apropos nationale Bahngesellschaften: Die sind leider nach wie vor nicht immer so ganz auf der Höhe der Zeit. Einerseits werben sie gerne damit, stets die beste Alternative zu sein. Andererseits lassen sie sich allzu oft davon überraschen, dass die Menschen sie beim Wort nehmen und dann doch mit ihnen reisen.

Für viele derer, die ihren Ausstieg aus dem Schulsystem mit einer Reise durch das umwerfend abwechslungsreiche Europa zelebrieren wollen, könnte das zur Enttäuschung werden. Ausge- und überbuchte Nachtzüge, verpasste Anschlusszüge, rätselhafte und grenzüberschreitend oft nicht zusammenhängende digitale und analoge Fahrpläne und vieles mehr warten auf sie.

Doch die Probleme und die Lösungen, die Konflikte und Gespräche, die das mit sich führt, gehören eben auch zum Leben nach der durchorganisierten Schulzeit dazu.

Wie taten sie einem Leid, die Schülerinnen und Schüler, die in Coronazeiten ihr Abitur machen mussten. Und wie sehr sind sie jetzt zu beneiden, da sie Europa erstmals auf eigene Faust grenzenlos erleben können.

Bis zur Passkontrolle auf der Rückreise am Pattburger Bahnhof.

Doch auch das wird für viele eine Erfahrung, die sie ihrer Elterngeneration voraus haben werden.

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