Leitartikel

„Es hat auch sein Gutes, dass das Jahr 2020 noch andauert“

Es hat auch sein Gutes, dass das Jahr 2020 noch andauert

Es hat auch sein Gutes, dass das Jahr 2020 noch andauert

Apenrade/Aabenraa
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Menschen lernen vor allem dann aus der Geschichte, wenn sie sie selbst erleben, meint Cornelius von Tiedemann. Deshalb findet er es erfreulich, dass sich das Deutsch-Dänische kulturelle Freundschaftsjahr 2020 noch etwas hinzieht. Schließlich lernt man ja nie aus.

Als wir am Silvesterabend 2020 im engsten Kreise oder gar alleine die Glocken des Kopenhagener Rathauses aus dem Fernseher läuten hörten, haben wir auf ein so merkwürdiges Jahr zurückgeblickt, wie wir es uns wohl kaum hätten träumen lassen – und wie viele von uns nie wieder eines haben wollen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Doch es gab bei allem Elend auch manches Gutes. Neben der Erkenntnis, dass zwar manche, aber längst nicht alle, ja, nicht mal ein bemerkenswert großer Teil der Bevölkerung durchgedreht ist, zum Beispiel die, dass das Deutsch-Dänische Kulturelle Freundschaftsjahr nicht komplett ins Wasser gefallen ist und sich inzwischen weit über das Jahr 2020 hinaus erstreckt.

Wir können darauf hoffen, dass Königin und Bundespräsident sich doch noch treffen, und das vielleicht sogar bei uns in Nordschleswig. Und wir können konstatieren, dass es die Geschichte unseres Grenzlandes aller aktuellen dringlichen Nachrichten zum Trotze in das Bewusstsein der Menschen geschafft hat.

So sagte Kulturministerin Joy Mogensen bei der Eröffnungsrede der „Nordschleswigschen Botschaft“ in Kopenhagen am Montag, dass vor den Veranstaltungen zu 100 Jahren Grenzziehung nur zehn Prozent der Bevölkerung die Grenzziehung als wichtiges historisches Ereignis genannt hätten – „nun sind es 25 Prozent, aber es sollen noch mehr werden“.

Das ist doch schön. Nicht deshalb, weil in Dänemark das Gewicht weiterhin auf „Wiedervereinigung“ gelegt wird – so ist das eben – sondern, weil sich überhaupt mit der eigenen Geschichte und mit der Geschichte des Grenzlandes auseinandergesetzt wird. Und das auf eine durchaus offene Art und Weise.

In den Berichten der Mehrheitsmedien sind wir Minderheiten im Grenzland immer wieder zu Wort gekommen und haben die Sicht der Dinge aus einem anderen Blickwinkel, als dem der Hauptstädte präsentieren können. Die Kulturministerin selbst hat ihren Schwerpunkt darauf gelegt, die Grenzverlegung als demokratisches Musterbeispiel zu feiern, das zeigt, was Bürgerinnen und Bürger bewegen können.

Wenn es aber noch mehr als die 25 Prozent werden sollen, die die Grenzziehung historisch wichtig finden, dann ist es doch gut, dass 2020 in gewisser Weise noch immer andauert und dass viele Veranstaltungen nachgezogen werden.

Denn über Geschichte und aus der Geschichte lernen wir Menschen, so sind wir nun einmal, vor allem dann, wenn wir sie selbst erleben. Deshalb ist die Nordschleswigsche Botschaft in Kopenhagen eine tolle Sache – wenngleich die Nichtberücksichtigung der Minderheiten verwundert – weil die Kopenhagenerinnen und Kopenhagener dort etwas erleben, was sie ansonsten gerne ignorieren.

In diesem Sinne können wir nur hoffen, dass der Besuch der Königin und das leider eingeschränkte Rahmenprogramm und alles, was auch die deutsche Minderheit dieses Jahr den Neugierigen noch bietet, möglichst viel Aufmerksamkeit findet.

Damit noch mehr als nur 25 Prozent bald sagen, dass die friedliche Grenzziehung nicht nur wichtig war – sondern, dass das friedliche und offene Grenzland noch immer ein historischer Schatz ist, den es zu hüten gilt.

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