Life-Boats

Über alle Grenzen hinweg: Das (Innen-)Leben der Frauen

Gesche Picolin
Gesche Picolin Journalistin
Apenrade/Aabenraa
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Im Inneren einer Schwangeren: Kinder aus Kollund besuchten die Boote, bevor es zum Galionsfigur-Workshop ging. Foto: Karin Riggelsen

Die Künstlerin Marit Benthe Norheim hat, nachdem sie die Lebensgeschichte mehrerer Frauen erzählt bekam, drei Lebensboote geschaffen.

Drei riesengroße Galionsfiguren von Marit Benthe Norheim, die „Life-Boats“, gastieren in diesen Tagen in Apenrade. Fährt man am Kystvejen vorbei, sieht man sie zunächst nicht, die drei Boote. Die Straße liegt erhöht, die leichten Boote haben allein 120 cm Tiefgang. Doch man kann näher rangehen. Man kann die zwölf Meter langen und vier Meter hohen Leichtbetonboote betreten. Die Besucher treten über eine kleine Gangway, mit einer Leiter geht es rückwärts ins Innere der Frauen.

Im „Lebensboot“ etwa befindet man sich im Bauch einer Schwangeren. Sitzt man ganz allein, und spürt die leichten Wogen, den Seegang, ja, da kann man auf die Idee kommen, so oder so ähnlich muss sich ein Ungeborenes fühlen. Skulpteurin Norheim ist von der norwegischen Kunstakademie und der Royal Academy of Arts in London ausgebildet. Dort blieb sie zwölf Jahre lang wohnen. Bei einem nordischen Steinsymposium in Grönland traf sie ihren späteren Mann, Claus Ørntoft. Seine Kunst sieht man etwa vor dem alten Rathaus in Apenrade. Das Paar lebt heute in der Nähe von Hirtshals.

Zusammenarbeit mit Aarhus

Wie aber kam es zur Zusammenarbeit mit der Kulturhauptstadt Aarhus? „Sie hatten meine Arbeit in Stavanger gesehen“. Als die norwegische Stadt 2008 Kulturhauptstadt war, machte Norheim aus runden Campingwagen aus den 60er Jahren „Camping-Frauen“.„Ich finde es wichtig, dass Frauen als Installation im öffentlichen Raum vertreten sind. Es ist wichtig, dass unsere Stimme zu hören ist.“ Und sie fährt fort: „Alle Menschen waren einmal in einem Frauenkörper. Das ist unser aller Ursprung.“

„Als Künstlerin habe ich die Möglichkeit, meine Stimme zu erheben, und ich meine, wir müssen Frauen mehr in den Fokus nehmen. Und zwar über alle Grenzen hinweg.“ Das eine der drei Boote heißt „Mit Erinnerungen beladenes Schiff“. 19 Frauen, alle älter als 70 Jahre, haben der Künstlerin ihre Geschichte mitgeteilt. „Die Frauen kommen aus 27 Kulturen“, sagt Norheim, und es fällt auf, in ihrem Sprachgebrauch, dass sie nicht „Länder“ sagt oder „Nationen“, sondern: Kulturen. Wie aber können 19 Frauen aus 27 Kulturen kommen? Genau, durch das Überschreiten von Grenzen. Freiwillig und unfreiwillig. Zu Wort kommen während des Zweiten Weltkriegs Vertriebene, doch auch Flüchtlinge der jüngeren Zeit. Übrigens: Die Geschichten hinter dem Schiff namens „Mein Schiff ist voller Erinnerungen“ stehen in einem Buch des Aalborg Universitets Forlag, das noch bis Sonntag am Hafen zum Kauf ausliegt.

Norheim hat am Donnerstag am Hafen auch Workshops gegeben zum Thema Galionsfigur. Mit Knetmasse bauten Kleine und Große ihre eigene Figur.
„Seit Menschen das Meer befahren haben, hatten sie am Bug eine Figur, um sie gegen die Gewalt der Meere zu schützen. Da gab es Tiere, es gab das Auge als schützendes Symbol. Doch die Galionsfigur, die allen geläufig ist, ist eine weibliche.“

Eine Frau am Bug: Schutz gegen die Gewalt der Meere

Die Krieger, die Seefahrer, stiegen an Bord und überließen ihr Schicksal dem Schutz einer weiblichen Galionsfigur. Norheims Werk geht unter die Haut. Lassen auch Sie sich berühren. Noch bis Sonntag am Jachthafen.

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