Rotkreuz-Aktion

Stricken für den guten Zweck

Stricken für den guten Zweck

Stricken für den guten Zweck

Rothenkrug/Rødekro
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„Man sollte es kaum glauben, auch dieser kleine Pullover ist aus Garnresten gestrickt worden", sagt Mette Petersen. Foto: Anke Haagensen

Bis zu 39 Frauen treffen sich einmal im Monat im Rothenkruger Bürgerhaus zum gemeinsamen Handarbeiten mit Klönschnack. Sie machen gemeinsam die Welt ein kleines bisschen besser.

„Komm‘ doch mal vorbei“, lautete die Aufforderung von Maja Nielsen. Die Rothenkrugerin gehört zu dem Kreis von aktuell 39 Frauen, die für das dänische Rote Kreuz primär Babyunterwäsche, Baby- und Kinderpullover, sowie warme Wolldecken stricken. Sie treffen sich einmal monatlich – jeweils am ersten Montag eines Monats (abgesehen von den Monaten Juli und August) – von 14 bis 16 Uhr im Rothenkruger Bürgerhaus, um dort ihre „Produktion“ der vergangenen vier Wochen abzuliefern und sich mit neuem Garn zu versorgen.

Der Tisch im hinteren Ende des langen Raumes ist schnell unter den Bergen von Strickwaren verborgen. „Die Frauen waren in den letzten Wochen wieder sehr fleißig“, stellen Mette Petersen und Bodil Nissen erstaunt fest. Die beiden Damen aus Öbening/Øbening haben die Leitung des „Nørkleklubben“ vor sechs Jahren von Margit Petersen aus Osterlügum/Øster Løgum übernommen. Sie hatte die Leitung des Handarbeitsklubs des Roten Kreuzes acht Jahre inne. Gegründet wurde der Klub allerdings von Elly Tønder aus Jordkirch/Hjordkær.

Die 90-jährige Elly Tønder (l.) war die erste Leiterin des „Nørkleklubben" für Rothenkrug/Apenrade. Sie ist noch heute aktive Handarbeiterin und versorgt sich mit frischem Garn. Bodil Nissen, die heute gemeinsam mit Mette Petersen den Handarbeitsklub des Roten Kreuzes in Rothenkrug leitet, hilft ihr dabei. Foto: Anke Haagensen

Jubiläum in drei Jahren

„Ich war zu dem Zeitpunkt gerade in Rente gegangen. Ich bin viele Jahre Leiterin der Werkskantine von Sønderjyllands Maskinfabrik gewesen und war Mitglied des Roten Kreuzes. Eine Kontaktperson sprach mich an, ob ich mir vorstellen könnte, einen Handarbeitsklub zu leiten. Ich war eigentlich froh, dass man mir eine solche Aufgabe zutraute und habe zugesagt“, erzählt die inzwischen 90-Jährige, die heute noch aktives Mitglied des „Nørkleklubs“ ist, den sie aus der Taufe hob.

Am 13. Januar 1998 fand das erste Handarbeitstreffen in der guten Stube von Elly Tønder in Jordkirch statt. Als sie das Datum ausspricht, horchen sofort mehrere Teilnehmerinnen auf. „Dann haben wir doch glatt ein Jubiläumsfest verpasst“, lautet der prompte Kommentar. Mette Petersen und Bodil Nissen versprechen, schon mal das Jahr 2023 rot im Kalender zu markieren, damit das 25-jährige Bestehen gebührend gefeiert werden kann.

13 Damen hatten vor 22 Jahren durch Mundpropaganda den Weg dorthin gefunden. Zu diesen Frauen gehörte auch Maja Nielsen.

Babywäsche und Wolldecken

„Ich habe ein paar Jahre krankheitsbedingt ausgesetzt, bin ansonsten aber von Anfang an dabei“, erzählt die Rothenkrugerin. Sie strickt zurzeit am liebsten Baby-Unterwäsche, weil das handlich ist, und man die kleinen Teile auch gut zu Versammlungen oder auf Reisen mitnehmen kann. Zu Hause strickt sie aber auch an einer schweren Wolldecke mit einem besonderen Muster. „Für beides herrscht großer Bedarf“, erzählt Bodil Nissen. Regelmäßig erhalten sie und ihre Kollegin Mette Nachrichten von der Zentrale des Roten Kreuzes, in denen ihnen mitgeteilt wird, was derzeit in den Krisengebieten der Welt gebraucht wird.

Die Damen dürfen nämlich nicht stricken, was sie wollen. Das wird von der oberen Rotkreuz-Leitung vorgegeben. Mette Petersen und Bodil Nissen haben einen dicken Aktenordner mit „autorisierten" Strickmustern.

Nicht alle 39 Damen sind bei jedem Monatstreffen dabei. Foto: Anke Haagensen

Keine Knöpfe, keine Kordeln

„Wichtig ist, dass die Blusen und Hemden weder Kordeln noch Knöpfe haben, weil die Kinder daran ersticken könnten oder sich strangulieren“, erläutert Mette Petersen den Hintergrund für die Vorgaben.

Die monatlichen Treffen werden auch zum Fachsimpeln genutzt. Erst kürzlich wurde den Damen das Knopf- und Kordelverbot mitgeteilt. Stattdessen sollen die Hemdchen mit einem sogenannten Amerikanischen Ausschnitt versehen werden. Das ist allerdings gar nicht so leicht, wenn man das noch nie gemacht hat. Bei der März-Sitzung in Rothenkrug wurden deshalb erste Erfahrungen ausgetauscht.

Bei den monatlichen Sitzungen können sich die Handarbeiterinnen mit kostenlosem Garn versorgen. „Wir bekommen viel Garn geschenkt. Das ist toll. Auch aus kleinen Resten lassen sich tolle Sachen stricken“, betont Bodil Nissen und zeigt eine bunte Wolldecke, die tatsächlich aus den verschiedensten Garnresten gestrickt wurde und wunderschön geworden ist.

Häkeldecken verboten

Die Größe von Wolldecken ist auch fest vorgegeben. Gehäkelte Decken sind übrigens gar nicht erlaubt. „Wegen der Löcher“, sagt Bodil Nissen. „Da würde der Wind durchpfeifen. Die Decken werden ja primär an Notleidende in Krisengebiete verschickt, wo es auch sehr kalt sein kann“, erläutert sie den Hintergrund.

Einige der gestrickten Sachen landen auch in den Rote-Kreuz-Läden in Kopenhagen, wo sie für gutes Geld verkauft werden. „Die Socken, Pullover und Mützen können wir hier in Nordschleswig in unseren Läden nicht verkaufen. Hier wollen die Kunden nicht den Preis bezahlen. Sie stricken wohl lieber selbst“, sagt Mette Petersen mit einem Lächeln. Die Kopenhagener indes lassen sich gerne ein Paar selbstgestrickte Socken aus guter Wolle etwas kosten. Das so eingenommene Geld wird dann von der Zentrale an die angeschlossenen Handarbeitsklubs ausgezahlt, die davon dann neues Garn kaufen können.

Pudelmützen für Smoothieflaschen

Eine weitere Einnahmequelle ist das Stricken von kleinen Pudelmützchen. Ein großer Getränkehersteller spendet pro Mütze, die auf eine Smoothieflasche passen, zwei Kronen an das Rote Kreuz. Das läppert sich.

Nach Haushaltsauflösungen, bei Umzügen oder größeren Aufräumaktionen werden dem Handarbeitsklub Tüten- und Säckeweise Garnknäuels oder angefangene Strickprojekte geschenkt. Viele dieser unfertigen Stricksachen werden dann von den Damen aufgeribbelt und in Knäuels aufgewickelt. Diese Arbeit wird häufig bei den monatlichen Treffen erledigt, denn beim Aufribbeln ist es immer gut, zu zweit zu sein, damit sich das Garn nicht vertüdert.

„Wenn wir in unseren Secondhandläden Strickwaren hereinbekommen, die sich nicht verkaufen lässt, dann bringe ich diese auch den Handarbeitsdamen mit, die das dann aufribbeln“, erzählt Mette Petersen.

Angefangene Strickprojekte oder unverkäufliche Secondhandware wird bei den monatlichen Treffen aufgeribbelt. Das geht zu zweit besser. Foto: Anke Haagensen

Ab nach Klipleff

Nach den monatlichen Treffen packt sie die fertigen Produkte sortiert, gebündelt und in Kartons verpackt nach Klipleff/Kliplev, wo das Rote Kreuz ein Sammellager hat. Von hier werden die Sachen dann an Notleidende in alle Welt gebracht.

„Wir stricken aber auch Teddys, Puppen und Bälle für Kinder von Inhaftierten in dänischen Gefängnissen“, unterstreicht Mette Petersen. Auch für Obdachlose in Dänemark werden wärmende Pulswärmer oder Mützen gestrickt.

Garn und Strickerinnen (m/w/d)

Wer zu Hause noch Garnreste hat, kann sich gerne unter der Rufnummer 40419055 an Bodil Nissen wenden. Sie ist auch unter der Mailadresse hnissen@bbsyd.dk erreichbar. „Ich hole das Garn auch gerne ab“, betont sie.

Wer für das Rote Kreuz stricken möchte, kann sich auch an Bodil Nissen wenden, oder einfach zum nächsten Treffen am 6. April von 14 bis 16 Uhr in das Rothenkruger Bürgerhaus an der Østergade 40C kommen. Das Bürgerhaus ist im gleichen Gebäude wie die Rødekrohalle untergebracht. Beides ist ausgeschildert und deshalb kaum zu verfehlen.

Lohn bekommen die Strickerinnen natürlich nicht. „Im Gegenteil“, stellt Bodil Nissen lachend fest. „Sie müssen sogar ihren Kaffee oder Tee selbst mitbringen.“ Und manche Dame kauft auch das eine oder andere Garnknäuel, wenn gerade etwas fehlt. Allerdings lädt das Dänische Rote Kreuz alle Ehrenamtler – Handarbeiterinnen, Besuchs- und Krankenhausfreunde sowie die Mitarbeiter des Secondhandladens – einmal im Jahr zu einem großen Fest ein. „Gemeinsam mit den Besuchsfreunden veranstalten wir alljährlich zudem eine nette Weihnachtszusammenkunft“, sagt Bodil Nissen.

Dieser Häkelteddybär ist für Kinder von Gefängnisinsassen in Dänemark. Foto: Anke Haagensen

Aus der ganzen Kommune

Die Strickerinnen kommen übrigens nicht nur aus Rothenkrug und Umgebung. Einige der Damen nehmen durchaus längere Autofahrten auf sich, um an der Rotkreuz-Aktion teilnehmen zu können. Sie wohnen verstreut in der gesamten Kommune. Die weiteste Anfahrt haben die Teilnehmerinnen aus dem Raum Kollund, Krusau/Kruså, Pattburg/Padborg; die Strickerinnen aus Bülderup-Bau/Bylderup-Bov und Rapstedt/Ravsted haben einen nur unwesentlich kürzeren Anfahrtsweg. „Sie kommen dann vielleicht auch nicht jedes Mal, sondern nur jedes zweite, aber das ist auch völlig in Ordnung“, betont Bodil Nissen.

Es ist übrigens kein exklusiver Frauenverein. Männer haben sich bislang nur noch nicht in den „Nørkleklub“ verirrt. „Sie sitzen vor der Tür“, lautet der humorige Kommentar vom Handarbeitstisch. Tatsächlich treffen sich gleichzeitig mit den Strickdamen im Foyer des Bürgerhauses Kartenspieler – und das sind tatsächlich primär Männer.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Mutiges Museum“