Drehorgerspieler

Spielen für den guten Zweck

Lina Dingler
Apenrade/Aabenraa
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Poul Sange mit Drehorgel. Foto: Karin Riggelsen

Seit 23 Jahren „dreht“Poul Sange durch die Apenrader Altstadt. Der Leierkasten brachte ihm Lebensmut in schweren Jahren.

Seit 23 Jahren „dreht“Poul Sange durch die Apenrader Altstadt. Der Leierkasten brachte ihm Lebensmut in schweren Jahren.

Poul Sange erinnert sich noch ganz genau an den Tag, der sein Leben grundlegend veränderte, ihn aber auch zu seiner großen Leidenschaft – dem Leierkastenspiel – führte. Es war der 7. März 1990. Eine Hirnblutung machte es dem damals 46-Jährigen unmöglich, den Beruf als Teletechniker weiter auszuüben. „Nach einiger Zeit wollte ich jedoch aktiv ins Leben zurückkehren. Ich bin sehr offen und habe gerne Kontakt zu anderen Menschen“, beginnt Poul mit seinen Erzählungen. Die Faszination für das Drehorgelspiel hat er bereits als kleiner Junge gehegt. „Beim Ringreiten in Sonderburg fand ich den Leierkastenmann immer schon toll“, erzählt er. So kam es, dass er nur vier Jahre nach dem Schicksalsschlag seinen ersten Auftritt mit der Drehorgel hatte. Seither ist er der stadtbekannte Leierkastenmann und bei gutem Wetter sonnabends stets in der Fußgängerzone Apenrades zu finden.

Alle Einnahmenwerden gespendet

Und – Poul Sange dreht aus Leidenschaft an der Orgel, ausschließlich für einen guten Zweck. „Über 500.000 Kronen konnte ich in den vergangenen 23 Jahren erspielen“, erzählt der Apenrader stolz. Abwechselnd spendet er an ,Aabenraa krisecenter“, „Sindslidende Børn“, Tschernobyl-Opfer und Pflegeheime, am liebsten aber an lokale und gemeinnützige Vereine.

Bei der Frage nach der Herkunft seiner – mittlerweile – zwei Orgeln, gerät der 74-Jährige ins Plaudern. „Bei Radio Syd habe ich damals einen Aufruf gestartet, dass ich auf der Suche nach einer Drehorgel sei“, erinnert er sich. Ein Mann aus Ribe bot dann tatsächlich eine Drehorgel aus dem Jahr 1865 an, die Poul für gutes Geld erwarb. Mittlerweile spielt er jedoch hauptsächlich auf seiner Bacicalupo, – dem Rolls-Royce unter den Drehorgeln – denn seine erste Orgel ist nur für die Weihnachtssaison einsetzbar. „Die Leute sagten zur mir: Poul, spiel’ doch auch mal ein paar Weihnachtslieder!“. Diesem Wunsch kam Poul gerne nach. Der Apenrader machte sich umgehend auf den Weg nach Rüdesheim zu einem Orgelspezialisten. „Mit im Gepäck hatte ich die Noten von den bekanntesten dänischen Weihnachtsliedern“, erinnert er sich. Diese wurden dann auf einer neuen Walze versehen.

Von den neuartigen, elektronisch betriebenen Leierkästen hält Poul nur sehr wenig. „Ich bin Fan von der alten Spielweise mit der Walze.“ An der Drehorgel schätze er, dass man nicht musikalisch sein müsse, um sie zu bedienen, und dennoch anderen Menschen mit den Klängen eine Freude bereite, so Poul.

Jedes Jahr ein Muss: Drehorgelfest in Berlin

Einmal jährlich zur Sommerzeit findet das internationale Drehorgelfest in Berlin statt. Dieser Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Leierkasten der traditionellen Bauart als „Kulturgut“ zu erhalten. Für den Apenrader ist das Zusammenkommen der Drehorgelspieler seit seiner aktiven Spielzeit im Jahr 1994 ein Pflichttermin. So auch am vergangenen Wochenende, als Poul sich mit seinem großräumigen Transporter auf den Weg in die deutsche Hauptstadt machte. Wetterbedingt stand der traditionelle Umzug der mehr als 170 Orgelfreunden zunächst unter keinem guten Stern. Bei einem Schnack mit dem Berliner Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann verriet der 74-Jährige dann aber, weshalb der Himmel für den Umzug auf dem Kurfürstendamm aufklarte: „Ich als pensionierter Telefontechniker habe eben einen guten Draht nach oben, da blieb es für die zwei Stunden trocken“.

Eifrige Unterstützung erhielt er bis in die letzten Jahre immer von seiner treuen Frau Hanne, die jedoch im vergangenen August verstorben ist. In dieser schweren Zeit standen ihm vor allem die internationalen Drehorgelfreunde zur Seite. „Allerhand Karten und Zusprüche erreichten mich. Mittlerweile haben sich die Drehorgelfreunde zu meinen engsten Freunden entwickelt.“ Und diese kommen aus aller Welt. Bei ihrem, Umzug, der an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche endete, traf Poul unter anderem auf Drehorgelspieler aus Chile, Mexiko und Japan.

Poul Sange, in Apenrade stadtbekannt, ist an seinem langen Frack, dem hohen Zylinder und den zahlreichen Medaillen an seinem Revers erkennbar. Sollte man ihn an einem der kommenden sonnigen Tage in der Fußgängerzone entdecken, so lohnt es sich immer, ein paar Kronen in die „Madam blå“-Kanne zu werfen.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Eine Chance für DR“