Hundegesetze

Kleine Demo gegen große Ungerechtigkeit

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Nis-Edwin List-Petersen
Nis-Edwin List-Petersen berichtete den Hundefreunden vom Fall Saxo. Foto: Cornelius von Tiedemann

In Apenrade haben Hundefreunde aus Dänemark und Deutschland gegen die dänischen Hundegesetze demonstriert. Sie wollten auch auf das ihrer Meinung nach willkürliche und viel zu rabiate Vorgehen der Behörden gegen die Tiere aufmerksam machen. Unterdessen hatte einer der Initiatoren gute Nachrichten zu verkünden.

Bei denkbar unangenehmen Wetter wartete die Initiatorin Helen Lauritzen in ihrer Warnweste am Sonnabendnachmittag in der Apenrader City ungeduldig auf Gleichgesinnte. Lange sah es danach aus, als wäre nur eine Handvoll Leute bei diesem Wetter ihrem Aufruf gefolgt, gegen die ihrer Ansicht nach ungerechten Hundegesetze in Dänemark zu protestieren. Am Ende, als auch Autos aus Esbjerg und Deutschland angekommen waren, zogen sie dann immerhin im Ausmaß einer größeren Schulklasse durch die Stadt. „So ist das mit Facebook. Da sind sie alle dabei“, sagt Lauritzen, ein wenig verärgert – aber dann doch froh, dass vor allem aus Deutschland noch einige gekommen sind.

Helen Lauritzen und Petra Fahrenbruch.
Helen Lauritzen und Petra Fahrenbruch. Foto: Cornelius von Tiedemann

„Es sind doch schließlich nur Tiere“

Eine davon war schon rechtzeitig da, um die Sache zu unterstützen. Petra Fahrenbruch aus Quickborn hat die Dänin Helen Lauritzen über den gemeinsamen Einsatz für Hunde kennengelernt – und inzwischen sind die beiden befreundet. Weshalb sie ganz aus dem Hamburger Speckgürtel nach Nordschleswig fährt, um gegen ein dänisches Gesetz zu demonstrieren? Weil sie hier gerne wieder Urlaub machen würde. „Ich bin seit 18 Jahren immer mit meinem Mann und den Hunden in den Urlaub nach Dänemark gefahren“, erzählt sie, „aber jetzt fahren wir lieber in den Urlaub nach Schweden, weil wir uns da sicherer fühlen. Da ist es auch schön“.

Angst hat sie nicht um sich oder ihren Mann – sondern um die beiden Labradore und darum, dass diese ihnen im Urlaub weggenommen, vielleicht sogar getötet werden könnten. Zur Demo hat Fahrenbruch ihre Hunde nicht mitgebracht und auch sonst ist sie, die häufiger in Dänemark Freunde besucht, vorsichtig geworden. Wenn die Hunde überhaupt mitkommen, dann wird acht gegeben und die Leine bleibt immer dran. Ihre Hunde hätten bisher noch keiner Fliege etwas zuleide getan, aber „auch sie würden doch aus Reflex schnappen, wenn ein kleinerer Hund sie angeht“, sagt sie, „es sind doch schließlich nur Tiere“.

Damit schildert sie eine Situation, die ein zentrales Anliegen der Demonstranten ist, neben dem Protest dagegen, dass bestimmte Rassen in Dänemark verboten wurden, obwohl sie nur für einen Bruchteil der Beißattacken verantwortlich sind: Die Praxis der Behörden in Dänemark, Hunde nach Auseinandersetzungen untereinander den Haltern wegzunehmen und sehr schnell über die Tötung der Tiere zu entscheiden.

Foto: Cornelius von Tiedemann

Der Fall Saxo sorgte bundesweit für Aufsehen

Einer, der davon ein Lied singen kann, ist Nis-Edwin List-Petersen. Sein Airdale-Terrier Saxo, ein „ausgesprochen freundlicher und friedlicher Familienhund“, wie der langjährige Büchereidirektor betont, hatte eine Auseinandersetzung mit einem kleineren Nachbarshund. Der wurde dabei verletzt. Ohne das Wissen List-Petersens haben die Nachbarn ihn angezeigt, woraufhin die Behörden anordneten, dass Saxo seinen Besitzern weggenommen werden soll. Dann sollte über das weitere Vorgehen entschieden werden. Dazu kam es, wie berichtet, nicht, weil die Familie ihren Hund schnell ins sichere Ausland brachte – aus Angst, ihn sonst für immer zu verlieren.

Besonders beunruhigt hat List-Petersen, dass die Polizei die Entscheidung, Saxo einzukassieren, ohne Parteienanhörung gefällt hat – also ohne auch die Aussage List-Petersens zu dem Vorfall aufzunehmen. Dagegen hat dieser bei der dänischen Reichspolizei Einspruch erhoben. „Die Reichspolizei hat auch bedauert, dass es keine Parteienanhörung rechtzeitig gegeben hat und das auch der Polizei hier eingeschärft, aber sie hat den Bescheid bestätigt“, berichtet List-Petersen.

Er verlangte daraufhin ein unabhängiges Gutachten – und musste insgesamt drei Monate lang auf endgültige Antwort warten. Die ganze Zeit über musste Saxo unterdessen im Exil ausharren, „was weder für ihn noch für uns schön war“, sagt List-Petersen.

Nis-Edwin List-Petersen
Nis-Edwin List-Petersen Foto: Cornelius von Tiedemann

Sachverständige fällte erlösende Entscheidung

Auf seinen Druck hin wurde schließlich die vom zuständigen Ministerium bestellte Sachverständige befragt – die eine erleichternde Nachricht für die Familie hatte: Es bestehe keine Grundlage, den Hund einzuschläfern. Die Auseinandersetzung zwischen beiden Tieren, darauf deuteten die Verletzungen des kleineren Hundes hin, sei nicht von übermäßig heftigem Ausmaß gewesen, die Kriterien für „skambid“, also das wilde Herfallen über einen anderen Hund, nicht erfüllt.

Aller Erleichterung zum Trotz, dass Saxo wieder zu Hause ist, ist List-Petersen mit dem Verlauf des Falles alles andere als glücklich – „schleppend und falsch“, sei die Verfahrensweise gewesen. Er sah deshalb am Sonnabend viele Gründe, zu demonstrieren und bei der Demo auch einige Worte an die anderen Hundefreunde zu richten. Die Polizei, sagte er, habe sich nicht an die Regeln gehalten, die durch die Nivellierung des Hundegesetzes etabliert wurden. „Man nimmt nach wie vor die ultimative Lösung, das heißt, man bringt den Hund in eine Pension und macht eine sehr schnelle Entscheidung über eine Einschläferung“, sagt er.

„Rufschädigendes“ Hundegesetz für Dänemark

Das Hundegesetz in seiner jetzigen Form sei für Dänemark „absolut rufschädigend“, sagt List-Petersen. Viele Urlauber, die vor allem in der Nebensaison kommen, wo Hunde in Dänemark vielerorts frei am Strand laufen können, würden es sich inzwischen überlegen, nach Dänemark zu kommen. Dies würde die Politik inzwischen auch sehen, sagt List-Petersen – das Problem sei aber noch immer nicht gelöst.

Das derzeitige Hundegesetz sagt er, sei „völlig falsch angelegt“. Auch der Verband der Tierärzte sehe das so. „Das ist ein populistisches Gesetz, das im Wesentlichen dafür sorgt, das alle großen Hunderassen, wenn sie in eine Klammerei mit kleinen Hunderassen kommen, von vorneherein zum Tode verurteilt sind“, sagt er. „Wir sind davon überzeugt, dass es unseren Hund Saxo heute nicht mehr gäbe, wenn wir nicht dafür gesorgt hätten, dass er ins Ausland gebracht wird.“

Für ihn ist die Sache also noch längst nicht beendet – und auch Helen Lauritzen und die anderen Hundefreunde wollen weiter kämpfen. Die nächste Demo ist schon in Planung.

Nis-Edwin List-Petersen über den Fall Saxo und den Hintergrund der Demo in Apenrade im Video:

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