Abschiebung

Einsam in Hanoi

Bettina P. Oesten
Apenrade/Hanoi
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Formulare ausfüllen, Anträge einreichen – für Jørgen und Ha ist das mittlerweile Alltag. Mithilfe eines Anwaltes versuchen sie jetzt, ihre kleine Familie wieder zu vereinen. Foto: Karin Riggelsen

Eine Apenrader Familie bekommt seit Monaten die volle Härte der dänischen Einwanderungs- und Integrationsgesetze zu spüren.

Im vietnamesischen Hanoi wünscht sich ein 15-jähriges Mädchen nichts sehnlicher, als mit ihrer Familie in Apenrade wieder vereint zu werden. Doch eine Entscheidung der dänischen Ausländerbehörde, deren genauer Wortlaut dem „Nordschleswiger“ bekannt ist, hat vorläufig dazu geführt, dass ein gut funktionierendes Familienleben aus den Angeln gehoben worden ist und Tra, so der Name des Mädchens, mit ihrer 78-jährigen Großmutter ein beengtes Zimmer mitten in der 7,5 Mio. Einwohner zählenden Metropole teilen muss. Ihr Antrag auf Familienzusammenführung wurde abgelehnt und sie in einem Schreiben der Ausländerbehörde unmissverständlich dazu aufgefordert, Dänemark binnen einer Woche zu verlassen. Das war im September 2018.

Antrag abgelehnt

Doch der Reihe nach: Jørgen Bonefeld, Spross einer bekannten Apenrader Familie, lernt 2014 Tras Mutter Ha Thi Thanh Tran auf einem Flug von der vietnamesischen Hauptstadt Ho-Chi-Minh-Stadt (früher Saigon) nach Shanghai kennen. Sie, die gelernte Pharmazeutin, ist auf dem Weg zu einer Konferenz, er will sich dort mit einem Geschäftspartner treffen. Sie sitzen in einer Reihe, kommen schnell ins Gespräch, empfinden Sympathie füreinander und verabreden sich zum gemeinsamen Essen.

Tra mit ihrer Großmutter, mit der sie sich ein Zimmer teilt. Foto: Privat

Aus dem ersten Kennenlernen wird mehr. Jørgen ist zu dem Zeitpunkt hauptsächlich in Asien geschäftlich unterwegs, seine Urlaube verbringt er mit Ha und ihren Kindern Tra und Hung in Hanoi. Aus ihrer geschiedenen Ehe stammt auch ein älterer Sohn, der heute mit seinem Vater zusammenlebt. Es vergehen drei Jahre, bis aus der dänisch-vietnamesischen Fernbeziehung eine Nahbeziehung wird und sich Jørgen und Ha im Januar 2017 das Jawort geben – in Apenrade.

Lernt schnell Dänisch

Inzwischen hat Jørgen sein Kerngeschäft nach Nordeuropa verlagert, hat sein schmuckes Elternhaus am Jørgensgård übernommen und viel Geld in die Renovierung gesteckt. Hier möchte er mit seiner Familie leben – und die Familie mit ihm. Im September 2017 ist es so weit: Jørgen fliegt nach Hanoi, um Ha, Tra und Hung abzuholen, zusammen reisen sie nach Dänemark ein. Neues Umfeld, neue Schule, neue Sprache – Tra und Hung sind versierte Lerner, eignen sich schnell Dänisch an. So schnell, dass nach weniger als einem Jahr mit „papfar“ (Stiefvater) Jørgen nur noch in dieser Sprache kommuniziert wird. Ein Lehrer wird über Tra sagen, er habe noch nie eine Schülerin erlebt, die sich eine fremde Sprache so schnell beigebracht hätte wie sie.

Im November 2017 reicht ihre Mutter Ha bei der dänischen Ausländerbehörde einen Antrag auf Familienzusammenführung bzw. Aufenthaltserlaubnis für sich und ihre beiden Kinder ein. Ein knappes Jahr später dann die Entscheidung: Mutter und Sohn wird der Aufenthalt gestattet, Tra hingegen bekommt eine abschlägige Antwort. Und nicht nur das: Sie muss das Land verlassen. Eine Frist von gerade mal einer Woche wird ihr eingeräumt, um ihre Koffer zu packen und sich von ihrer Familie und von Mitschülern und Lehrern an der Hohe Kolstrup Schule zu verabschieden. In trockener Amtssprache heißt es da: „Es bestehen aus unserer Sicht keine besonderen Gründe, die dagegen sprechen, dass du und deine Mutter weiterhin euer Familienleben in Vietnam ausüben könnt, da ihr beide Staatsbürger dieses Landes seid.“
Und weiter: „Der Umstand, dass deiner Mutter aufgrund ihrer Eheschließung mit dem hier ansässigen dänischen Staatsangehörigen Jørgen Bonefeld eine Aufenthaltsgenehmigung in Dänemark erteilt wurde, ist nicht dazu angetan, die Angelegenheit anders zu bewerten.“
Und schließlich: „ … uns gegenüber wurden keine unüberwindbaren Hindernisse dafür angeführt, dass deine Mutter und ihr Ehegatte in Familieneinheit mit dir ein Familienleben in Vietnam praktizieren könnten.“

„Nicht integrierbar“

Auf eine kurze, verständliche Formel gebracht bedeutet dies für die Ausländerbehörde nichts anderes als: nicht integrierbar.
Erschwerend hat sich in Tras Fall ausgewirkt, dass sie schon im Teenagealter ist, und ein Elternteil, ihr leiblicher Vater, noch in ihrem Heimatland Vietnam lebt.

Sie wären gern eine Familie, doch eine fehlt: Jørgen Bonefeld mit seiner Frau Ha und Sohn Hung. Tochter Tra ist in Hanoi. Foto: Karin Riggelsen

Wie geht es Tra überhaupt? Wie kommt sie mit der Situation klar? Wie geht sie mit der ganzen Ungewissheit um? Jørgen und Ha haben gegen den Entschluss der Ausländerbehörde Berufung eingelegt, kämpfen mit anwaltlicher Hilfe dafür, dass Tra wieder nach Dänemark zurückkehren darf. Bis eine endgültige Entscheidung gefallen ist, können aber noch Monate vergehen. So lange muss Tra in Hanoi bei ihrer Großmutter bleiben.

Weihnachten in Hanoi

„Sie macht das Beste draus“, erklärt ihre Mutter mit leiser Stimme. Wir sitzen gemeinsam am großen Esstisch. Um uns herum herrscht vorweihnachtliche Stimmung. Draußen taucht die Nachmittagssonne die Stadt gerade in ein funkelndes warmes Licht. Äußerlich merkt man Jørgen und Ha nicht an, dass ihr Familienleben durch Behördenauflagen gerade ein bisschen aus den Fugen geraten ist. Innerlich sieht es bei ihnen sicherlich etwas anders aus. Aber das Leben muss weitergehen. Schließlich ist da ja auch der neunjährige Hung, der gerade das Haus mit Schulranzen und einem lauten „Moin“ betritt und damit am Tisch für spontanes Gelächter sorgt. Weil ihm der Gruß so selbstverständlich über die Lippen kommt. Als hätte es für ihn noch nie einen anderen gegeben.

Das Beste draus machen – wie sieht das konkret aus? Tra besucht eine Sprachschule, erzählen Ha und Jørgen. Besonders im Fach Deutsch muss Tra sich ranhalten. Sonst wird das Pensum kaum zu schaffen sein, wenn sie in ihre Klasse in Hohe Kolstrup zurückkehren darf. Wenn, nicht falls – bei den Bonefelds herrscht das Prinzip Zuversicht. Mit ihren Lehrern und Mitschülern steht sie u. a. über Skype in Verbindung, ihre Lehrer senden ihr außerdem Tests und Übungen zu, damit sie immer auf dem neuesten Stand ist und nicht allzu viel nachholen muss, wenn sie wieder da ist. Für Tra ist es ganz wichtig, dass sie die Abschlussprüfung der neunten Klasse schafft. Sonst könnte sie am Ende zwei Schuljahre verlieren. Auf all das nimmt der Gesetzgeber keine Rücksicht, wirft Jørgen ein. Mit den Folgen behördlicher Anweisungen müssen die betroffenen Familien allein zurechtkommen. Die verlorene Zeit gibt einem keiner zurück.

Alternative Wohnorte

Haben sie sich überlegt, was sie machen werden, falls die Klage gegen die Ablehnungsentscheidung abgewiesen wird? Wären sie z. B. bereit, nach Flensburg zu ziehen und eine Familienzusammenführung nach EU-Recht zu beantragen, so wie es viele Familien bereits tun?
„Ein Traumszenario wäre das für uns mit Sicherheit nicht. So ein Umzug wäre mit enormen Kosten und sehr viel Aufwand verbunden. Auch Vietnam ist für uns keine Option, so wie es die Ausländerbehörde uns in ihrer Ablehnungsbegründung nahelegt. Wie sollte das denn überhaupt funktionieren? Ich bin in der Windenergiebranche tätig. In Vietnam ist dieser Markt überhaupt noch nicht erschlossen. So oder so, wir würden auf den Kosten sitzen bleiben. Außerdem kann ich von Apenrade aus schnell bei meinen Hauptkunden in Esbjerg, Hamburg, Aarhus und Berlin sein. Nach vielen Jahren im Ausland habe ich zu meinen Wurzeln zurückgefunden und möchte hier mit meiner Familie einfach nur ein ganz normales Leben führen. Dass einem von Behördenseite so viele Steine in den Weg gelegt werden, ist mir völlig unbegreiflich“, so Jørgen.
In ein paar Tagen wird sich seine Frau auf den Weg nach Hanoi machen. Zwei Wochen wird sie dort bleiben, um ihre Tochter aufzubauen und ihr Mut zu machen. Zu ihrem leiblichen Vater hat Tra so gut wie keinen Kontakt, auch zum älteren Bruder nicht. Ihre wichtigsten Bezugspersonen leben im 8.500 Kilometer entfernten Apenrade, nicht in Vietnam. Besonders mit ihrem kleinen Bruder verbindet sie ein inniges Geschwisterverhältnis.

Hung darf in Apenrade bei den Eltern bleiben, seine 15-jährige Schwester nicht. Über Skype halten sie Kontakt. Für den Achtjährigen keine einfache Situation. Foto: Karin Riggelsen

„In Vietnam hat Weihnachten nicht den gleichen Stellenwert wie hier. Für junge Menschen ist es wie eine große Party, mehr nicht. Tra ist aber gerade dabei, eine Liste über die Dinge anzufertigen, die ich ihr mitbringen soll.“ Und was sind das für Dinge?

Sønderjysk Spegepølse im Gepäck

Jørgen lacht. „Auf jeden Fall eine Sønderjysk Spegepølse vom Schlachter. Die liebt sie über alles.“ „Ja, und verschiedene Backzutaten“, ergänzt Ha. „Backen und Kochen sind ihre große Leidenschaft. In unserer Familie sind Tra und Jørgen das beste Küchenteam. Während des Kochens haben sie immer viel Spaß miteinander.“

Winterliche Dunkelheit hat sich zwischen die funkelnden Lichter Apenrades gelegt. Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Hung hat sich in sein Zimmer am Ende des Flurs zurückgezogen.

„Moin“, rufe ich ihm zu. „Moin“, schallt es mit klarer, fester Jungenstimme durchs Haus. Er spielt Fußball in einem Verein. Er liebt seine Schule und findet Schulferien blöd. Er hat viele neue Freunde gewonnen und spricht Dänisch wie ein kleiner Weltmeister. Hung ist längst in seiner neuen Heimat angekommen. Zu seinem kompletten Glück – und dem seiner Eltern – fehlt jetzt nur noch die Rückkehr seiner „nicht integrierbaren“ Schwester.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Rauchen verboten“