Willkommenskultur

Rollender Botschafter der deutschen Minderheit

Rollender Botschafter der deutschen Minderheit

Rollender Botschafter der deutschen Minderheit

Kollund
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Bücherbusfahrer Matthias Zwirner (r.) kommt mit allen schnell ins Gespräch. – Seine Gesprächspartnerin auf dem Foto, Karin Müller, lebt heute in Tondern und ist fleißige Nutzerin der dortigen Bücherei. Sie erinnert sich jedoch gern an ihre Kindheit in Bülderup-Bau zurück, als sie stets voller Erwartung war, wenn der Bücherbus vor das Wohnhaus der Müllers rollte. Bücherbusfahrer war damals Theodor Petersen. Als ehemalige Familienberaterin des Sozialdienstes weiß Karin Müller, dass die Bücherbusfahrerin und der Bücherbusfahrer des Verbandes Deutscher Büchereien in Nordschleswig weit mehr sind als „nur“ Buchlieferanten. Foto: Anke Haagensen

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Matthias Zwirner machte erstmals am „Haus Quickborn“ Station. Feriengäste und Nachbarn deckten sich fleißig mit Lesestoff ein. Das macht Appetit auf mehr.

Bücherbusfahrer Matthias Zwirner hatte kaum Zeit für seine Tasse Kaffee, als er in dieser Woche das „Haus Quickborn“ in Kollund als „neutrale Haltestelle“ ansteuerte. Die vielen großen und kleinen Feriengäste des Schulungsheimes des Sozialdienstes Nordschleswig nutzten nämlich fleißig die Gelegenheit, sich in der rollenden Bibliothek mit Lesestoff einzudecken.

Die meisten Kinder (und Erwachsenen) kennen zwar die fünf Standortbüchereien des Verbandes Deutscher Büchereien in Nordschleswig in Tondern (Tønder), Tingleff (Tinglev), Hadersleben (Haderslev), Sonderburg (Sønderborg) und Apenrade (Aabenraa), waren aber noch nie in einem Bücherbus. Entsprechend neugierig wurde das Fahrzeug erklommen. Im Bus selbst fanden sie sich schnell zurecht. Die Kinder durchsuchten schon bald die Kisten mit den Bilderbüchern, während sich die Eltern vornehmlich mit Romanen und Krimis versorgten.

Da der Sozialdienst die Aktion unterstützte, konnte Matthias Zwirner diesmal seine Gäste zu Kaffee und Kuchen einladen. Diese Annehmlichkeit bieten die Bücherbusse im Alltag natürlich nicht. Foto: Anke Haagensen

Begrüßt hat Matthias Zwirner auch ein Ehepaar, das erst kürzlich aus Deutschland nach Kollund gezogen ist, aber bereits fleißig das Angebot der Zentralbücherei in Apenrade nutzt. Bei einem Besuch in der dortigen Bücherei erfuhren die Eheleute jedoch kürzlich von dem geplanten Halt des Bücherbusses in dieser Woche in ihrem Wohnort und schauten deshalb am „Haus Quickborn“ vorbei. Praktischerweise hatte Zwirner ein von den Eheleuten vorbestelltes Buch dabei. Allerdings lockte das vielfältige Angebot zu weiteren Entleihungen.

Abgestimmtes Medienangebot

3.500 Medien haben in den rollenden Bibliotheken des Büchereiverbandes Platz. Die Bücherbusfahrerin und der Bücherbusfahrer machen sich vor jeder Tour Gedanken darüber, was den Leserinnen und Lesern an der jeweiligen Route gefallen könnte. „Wenn ich weiß, dass sich ein Leser für Modelleisenbahnen interessiert, packe ich entsprechende Zeitschriften und Literatur ein“, erläutert Zwirner das Prinzip.

Der Verband Deutscher Büchereien in Nordschleswig verfügt über zwei Bücherbusse, die in der Regel Leserinnen und Leser im etwa sechswöchigen Turnus direkt anfahren, die außerhalb des Einzugsgebietes der fünf Standortbüchereien leben.

Der Bücherbus wurde schnell von Groß und Klein belagert. Manchmal kam es direkt zu „Staubildung“ am Eingang. Foto: Anke Haagensen

Neutrale Haltestellen

Die etwas mauere Sommerperiode nutzt die Bücherei in diesem Jahr, um ein neues Konzept auszuprobieren. Wie erwähnt, steuern Matthias Zwirner und seine Kollegin Ursula Krämer normalerweise nur die Haushalte an, die sie direkt anfordern. In diesem Sommer wird ausgetestet, ob „neutrale Haltestellen“ an einigen Orten eine Option sein könnten. „Ich habe mich auch schon mal mit dem Bus vor einen Supermarkt gestellt. Das war aber nicht unbedingt ein Erfolg“, gesteht Matthias Zwirner. Es fehlte eine konkrete Anbindung.

Die war jedoch vollumfänglich am „Haus Quickborn“ gegeben, zumal der Sozialdienst Nordschleswig den „Testballon“ dieser Woche mit Kaffee und Kuchen unterstützt.

Die Aktion am „Haus Quickborn“ hatten sich Bücherbusfahrer Matthias Zwirner und Vorstandsmitglied Melanie Christiansen vom BDN-Ortsverein Bau gemeinsam überlegt. – Den blühenden Tischschmuck hatte sie übrigens aus dem eigenen Garten mitgebracht. Sie wohnt nur einen Katzensprung vom Schulungszentrum des Sozialdienstes Nordschleswig entfernt. Foto: Anke Haagensen

Willkommen in Nordschleswig

Die Bücherbus-Aktion in Kollund ist zudem in enger Zusammenarbeit mit dem Ortsverein Bau des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) entstanden. „Wir erarbeiten gerade ein neues Konzept, um mit potenziellen Mitgliedern ganz zwanglos in Kontakt zu kommen. Unser Arbeitstitel dabei lautet ,Mitkommen.Mitmachen.Miteinander’. Unser Zielt ist es, die soziale Nachhaltigkeit des Ortsvereins zu fördern, indem wir sowohl alle aktuellen als auch potenziellen Mitglieder über regelmäßige Angebote, Veranstaltungstipps und ein Netzwerk eine ganz natürliche Kontaktbasis bieten“, sagt Melanie Christiansen vom Ortsverein.

Im gesamten nordschleswigschen Raum – und nicht zuletzt im grenznahen Raum – haben sich in den vergangenen Jahren viele Einzelpersonen, Paare und Familien aus Deutschland angesiedelt, die an dem vielfältigen Angebot der Minderheit interessiert sein könnten.

Ich fühle mich ja schon im Vorweg als ,Kitt der Minderheit’.

Matthias Zwirner, Bücherbusfahrer

Rollender Botschafter

Der Ortsverein möchte dabei nicht nur neu Zugezogene, sondern alle potenziellen Mitglieder ansprechen. Wie so etwas stattfinden kann, das möchte der Ortsverein unter anderem durch monatliche Angebote austesten. Geplant ist eine ausgewogene Veranstaltungspalette mit dem Ziel, die Umgebung und einander kennenzulernen. Der Ortsverein Bau versteht sich dabei nicht nur als kultureller Brückenbauer, sondern auch als Brückenbauer in der Gemeinschaft, um ein Wir-Gefühl zu vermitteln, wie es Melanie Christiansen formuliert.

„Ich bin überzeugt, dass die rollenden Bibliotheken des Büchereiverbandes in diesem Zusammenhang eine zentrale Botschafterrolle ausmachen. Es bietet sich sogar an, sie weiter auszubauen und zu fördern. Der Bücherbus ist nicht nur für viele der erste Einstieg zur deutschen Minderheit, sondern für nicht wenige auch der regelmäßige und vielleicht sogar der einzige Kontakt zur deutschen Minderheit“, sagt Melanie Christiansen und freut sich, dass Matthias Zwirner den von ihr gespielten Ball sofort aufgegriffen hat und sich gerne als „rollender Botschafter der deutschen Minderheit“ vor den Karren spannen ließ.

„Ich fühle mich ja schon im Vorweg als ,Kitt der Minderheit’, wobei ich nicht nur Häuser von deutschsprachigen Haushalten ansteuere, sondern auch zu dänischsprachigen Familien komme, die unser Angebot als totale Bereicherung ansehen“, betont Matthias Zwirner.

Die Erfahrungen vom „Haus Quickborn“ in dieser Woche machten Lust auf mehr.

Zweiter Versuch

Noch an Ort und Stelle wurde ein zweiter Versuch vereinbart. Am Dienstag, 13. September, wird der Bücherbus wieder auf den Parkplatz am Fjordvejen 40 rollen und seine Türen von 14 bis 17 Uhr für Interessierte öffnen.

Melanie Christiansen ist überzeugt, dass der Ortsverein nach diesem Probeballon auch sein Konzept vervollständigt hat und die Vermarktung aufgreifen kann, damit noch mehr potenzielle Mitglieder auf das Angebot aufmerksam werden.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Ein Leck in unserer Gesellschaft“