Lokalhistorie

Als der Opa 1920 dem dänischen König begegnete

Als der Opa 1920 dem dänischen König begegnete

Als der Opa 1920 dem dänischen König begegnete

Baistrup/Bajstrup
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Christian Wortmann war ein begeisterter Ringreiter. Als Vorsitzender des Baistruper Ringreitervereins begegnete er 1920 in Verbindung mit der Wiederangliederung Nordschleswigs („Genforening") dem dänischen König. Foto: Privat

Die aus Baistrup stammende Hilde Bruns befasst sich gern mit Familiengeschichte. Zurzeit beschäftigt sie sich mit dem Leben ihres Großvaters. Der hatte bei der Wiederangliederung Nordschleswigs („genforening“) eine Begegnung mit dem dänischen König.

Seit nunmehr rund 50 Jahren lebt Hilde Bruns in Hamburg.

Als geborene Hartung haben der Kontakt zu und das Interesse an ihrer Heimat rund um Baistrup allerdings nie abgenommen.

Die 81-Jährige befasste sich schon immer gern mit der Biografie von Familienangehörigen.

1986/87 ließ sie ihre Mutter Mathilde, Jahrgang 1910, ihr Leben erzählen und hielt es schriftlich fest. Es entstand ein 125-seitiges autobiografisches Werk in DIN-A-4-Format.

Hilde Bruns interessiert sich sehr für Familien- und Ortsgeschichte. Foto: Privat
Auf Initiative von Hilde Bruns hat ihre Mutter, Mathilde Hartung, Ende der 80er Jahre über sich und ihre Familie erzählt. Die Erinnerungen wurden in einem Ringbuch festgehalten. Foto: DN
Mathilde Hartung und Tochter Hilde Bruns bei einem Treffen in Hamburg Ende der 80er Anfang der 90er Jahre Foto: Privat

In jüngster Zeit befasst sich Hilde Bruns mit ihrem Opa Christian Wortmann, der ihren Angaben zufolge 1890 geboren und 84 Jahre alt wurde.

Auf Interesse und Neugier stößt bei ihr vor allem ein Erlebnis ihres Großvaters in Verbindung mit der dänischen Wiederangliederung Nordschleswigs 1920.

Kleines Empfangskomitee

Der Opa hatte davon erzählt, dass er als Vorsitzender des Baistruper Ringreitervereins mit zwei weiteren Vereinsmitgliedern derzeit ein kleines Empfangskomitee bildete, als der dänische König Christian X. damals durch ganz Nordschleswig reiste und an vielen Orten seine „neuen“ Landsleute willkommen hieß.

Dabei war er auch durch die Gegend von Rothenbek (Rødebæk), Baistrup und Tingleff (Tinglev) gekommen.

Am 12. Juli hatte das Zusammentreffen stattgefunden.

Genaue Details dazu hat Hilde Bruns allerdings nicht, was ihr Forscherinstinkt weckte und sie sich auch an den „Nordschleswiger“ wenden ließ, denn von dem Zusammentreffen weiß sie in erster Linie nur vom Hörensagen aus der eigenen Familie.

In der Neuen Tondernschen Zeitung wird der königliche Besuch im Großraum Tingleff im Juli 1920 erwähnt. Foto: DN

Wo genau traf der Opa als eingefleischter Ringreiter damals auf den König, wie kam es überhaupt dazu, und was spielte sich dabei ab?

Christian Wortmann soll damals ein paar Worte mit dem König gewechselt haben.

Daran erinnert sich auch Petra Jacobsen aus Tingleff, die Schwester von Hilde. „Der König hatte sich wohl etwas abfällig über das Zeug von Opa geäußert“, so Petra Jacobsen.

So hat es auch Hilde in Erinnerung. Der König habe den Opa auf dessen neues und hochwertiges Zaumzeug angesprochen und Andeutungen gemacht, dass man gute Beziehungen haben müsse, um rechtmäßig an solch edles Material zu kommen.

Wortgefecht

Das brachte den Opa dann ganz schön auf die Palme, wie er im Familien- und Bekanntenkreis erzählt hatte.

„Er sagte dann ,Nej, Deres Majestæt, det har jeg selv købt af mine egne penge’”, so Hilde Bruns aus dem fernen Hamburg.

Christian Wortmann Foto: Privat

Ob es tatsächlich so war, wie der Opa es erzählt hat, ist für sie schwer herauszubekommen.

Sie hat Archive durchgeguckt und recherchiert, hat aber nicht viele Informationen über ein Zusammentreffen zwischen der Ringreiterdelegation aus Baistrup und dem König herausbekommen.

Verwunderlich ist für sie, dass der Opa als bekennender Deutscher damals überhaupt an einer Begrüßung des Königs in Verbindung mit der Wiederangliederung Nordschleswigs teilnahm.

„Er war ganz klar deutsch gesinnt“, erwähnt Hilde Bruns.

Unklar ist auch, wo genau der Opa den dänischen König traf.

War es in Kraulund?

Es könnte vielleicht Kraulund (Kravlund) gewesen sein, wie aus Material des lokalhistorischen Archivs Tingleff hervorgeht, das Bent Pawlowski als treibende Archivkraft für den „Nordschleswiger“ herausgesucht hat.

Pawlowski stieß auf eine Anzeige in „Flensborg Avis“, wonach der König am 12. Juli um 14 Uhr am Kraulunder Krug zu Besuch sein sollte. In Verbindung mit diesem Besuch wird am Abend ab 19 Uhr zu einem Fest eingeladen, so der Wortlaut der Annonce.

Annonce in „Flensborg Avis“ zum Königsbesuch am 12. Juli in Kraulund Foto: Privat

Auch einige Daten zu Christian Wortmann hat Pawlowski in Archiven finden können.

Im Deutschen Museum Sonderburg ist laut dessen Leiter Hauke Grella nichts im Ressort Ringreitervereine vorhanden, das der Sache dient.

Einen kleinen Anhaltspunkt gibt es in einer kleinen Notiz in der „Neuen Tonderschen Zeitung“.

Darin wird eine Rundfahrt des dänischen Königs durch eine Reihe nordschleswigscher Ortschaften genannt, darunter unter anderem Fröslee (Frøslev), Kraulund und Buhrkall (Burkal) auf dem Weg nach Tondern (Tønder) und Hoyer (Højer).

In Kraulund befindet sich ein Gedenkstein, der unter anderem auf den Königsbesuch hinweist.

Ob der Opa tatsächlich dort oder in der Gegend von Rothenbek (Rødebæk) kurz auf den König traf, habe sie nicht klären können, so Bruns.

Keine Protokolle verfügbar

Sie erhoffte sich Hinweise von alten Protokollen des Baistruper Ringreitervereins.

Diese Quelle steht aber leider nicht zur Verfügung, wie Hinrich Jürgensen, langjähriges Vorstandsmitglied des Ringreitervereins und seines Zeichens auch Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger, erwähnt.

„Wir haben sämtliche Protokolle neu sortiert und archiviert. Leider sind nur Protokolle ab den 30er Jahren vorhanden“, so Jürgensen.

Das findet auch er schade, denn mit Hilde Bruns und dessen Opa Christian Wortmann ist Hinrich Jürgensen über ein paar Ecken verwandt.

Zu gern würde auch er daher den genauen Ablauf des damaligen Zusammentreffens kennen.

Christian Wortmann galt in den 70er Jahren als ältester Ringreiter Dänemarks. Foto: Privat

Examensarbeit als Quelle

Einige Hinweise lassen sich von einer Examensarbeit ableiten, die Hilde Bruns’ Tochter Inken Mitte der 90er Jahre in Verbindung mit ihrem Ethnologiestudium ausarbeitete.

„Es dreht sich um die deutsche Minderheit eines dänischen Dorfes von 1920-1990. Das Dorf musste sie anonym halten. Es ist Baistrup“, berichtet Hilde Bruns.

„In der Arbeit wird auch ,Krissen’ Wortmann erwähnt, und es wird darin ebenfalls aufgegriffen, dass er mit dem Ringreiterverein 1920 dem König begegnete“, ergänzt die Hamburgerin, die seit vielen Jahrzehnten als Künstlerin tätig ist und vier Kinder großzog.

In der Examensarbeit von Inken Bruns findet der Königsbesuch ebenfalls Erwähnung. Foto: DN

Laut der Examensarbeit von Inken Bruns war es damals wohl ein Zeichen der Höflichkeit und des Respekts des Königs, explizit deutschstämmige Bürger zu empfangen bzw. ihnen zu begegnen.

Diese Geste, quasi ein Privileg, hatten Christian Wortmann und viele andere bekennende Deutsch-Nordschleswiger damals offensichtlich veranlasst, dem König begrüßend entgegenzutreten.

Wie wärs mit einem neuen Treffen?

Es ist so einiges über den Opa von Hilde Bruns bekannt. Er galt Anfang der 70er Jahre als Dänemarks ältester Ringreiter und war in Zeitungen abgebildet. Auch Laienspieler war er, wie aus der Biografie von Hildes Mutter hervorgeht.

Nur genaue Details und Hintergründe zu jenem Königstreffen sind noch nicht aufzutreiben gewesen.

Hilde Bruns hat da noch eine ganz besondere Idee, ist doch geplant, dass sich die dänische Königin in Erinnerung an 100 Jahre Wiederangliederung auf ähnliche Weise durch Nordschleswig begibt.

„Wie stehen diesmal die Chancen für den Baistruper Ringreiterverein auf eine königliche Begrüßung? Können sie sich nicht, auch wenn die erste Begegnung nicht archiviert ist, einfach frech mit Ross und Reiter hinstellen? Das wäre doch nur ein freundlicher Gruß! Und auf so eine schöne, typisch sønderjyske Idee ist doch sicher kein anderer gekommen, oder? Ich mag ein bisschen Spaß", so Hilde Bruns per E-Mail.

Ihr schwebt bereits das nächste Familienprojekt vor.

Hilde Bruns möchte sich mit ihrer Schwester Petra zusammensetzen und noch einmal alle Erinnerungen aufgreifen und festhalten, die ihr und ihrer Schwester einfallen.

„Das wird in Tingleff sein“, so die ehemalige Baistruperin.

Hilde Bruns Foto: Privat
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