Geschichte auf dem Berg

Neue Einblicke in die Minderheitengeschichte ab 1945

Neue Einblicke in die Minderheitengeschichte ab 1945

Neue Einblicke in die Minderheitengeschichte ab 1945

Knivsberg/Knivsbjerg  
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Jon Thulstrup, am Rednerpult, nimmt gerne Hinweise zur Geschichte der Minderheit aus der Nachkriegszeit entgegen. Rechts Prof. Hans Schultz Hansen, der am Vormittag die Veranstaltung „Geschichte auf dem Berg“ leitete. Foto: Volker Heesch

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Der Historiker Jon Thulstrup analysiert die Verbundenheit deutscher Nordschleswiger mit der sich ab 1945 nach Kollaboration mit Nazi-Besatzern und anschließenden juristischen Konsequenzen neuformierenden deutschen Minderheit in Nordschleswig: Viele ehemalige Frontfreiwillige haben der deutschen Volksgruppe den Rücken gekehrt.

Während der Konferenz „Geschichte auf dem Berg“ am Sonnabend, 9. Oktober, in der Bildungsstätte Knivsberg hat der Historiker Jon Thulstrup, der als Doktorant an der Süddänischen Universität (SDU) in Odense unbekannte Aspekte der Geschichte der deutschen Nordschleswiger vor allem in den 1940er und 1950 Jahren untersucht, Einblicke in Teilergebnisse seiner Arbeit gegeben. Jon Tulstrup, der in Tingleff (Tinglev) aufgewachsen ist, hat die Tagung auf dem Knivsberg maßgeblich organisiert, bei der vormittags Prof. Hans Schultz Hansen, Forschungsleiter Statens Arkiver in Apenrade (Aabenraa), und nachmittags Museumsleiter Hauke Grella, Sonderburg (Sønderborg), die Referenten vorstellten und nach deren Vorträgen die Diskussionen leiteten.

Vermittlungsauftrag neben Forschungsarbeit

„Diese Veranstaltung ist Teil meines Vermittlungsauftrages, den ich im Rahmen meines Forschungsstipendiums übernommen habe“, berichtete Jon Thulstrup den über 60 Teilnehmenden der Geschichtskonferenz. Derzeit ist er vor allem in der Apenrader Filiale des dänischen Staatsarchivs mit der Auswertung dort lagernder Dokumente mit Bezug zur deutschen Minderheit beschäftigt.

Jon Thulstrup freut sich über das große Interesse an der Geschichte der deutschen Nordschleswiger, das bei der Geschichtskonferenz auf dem Knivsberg zu spüren war. Foto: Karin Riggelsen.

„Es gibt Interesse an der Geschichte“, stellte Thulstrup angesichts der vielen besetzten Plätze im Saal der Bildungsstätte fest und fügte hinzu, dass es nach der positiven Resonanz der ersten Veranstaltung „Geschichte auf dem Berg“ eine Veranstaltungsreihe mit diesem Titel geben könnte. Der nordschleswigsche Historiker erläuterte, dass er sich bei seinen Untersuchungen momentan auf den Raum Tingleff konzentriere. „Ich habe in den Unterlagen über die Gründung des Bundes Deutscher Nordschleswiger 1945 nachlesen können, dass es damals Sorge gab, im Bereich Tingleff könne sich eine autonome Organisation bilden“, berichtete er.

Martha Werther bei BDN-Gründung dabei

Er fügte hinzu, dass es dem Mitorganisator für einen demokratischen Neuanfang mit Loyalitätserklärung gegenüber Dänemark und Abkehr von der Grenzrevisionsforderung, Ernst Siegfried Hansen, gelungen war, die Leiterin der Heimvolkshochschule Tingleff, Martha Werther, für eine Mitarbeit im BDN zu gewinnen. „Ich habe versucht zu ermitteln, wie viele Menschen sich in der Nachkriegszeit von der deutschen Minderheit abgewendet haben“, berichtete Jon Thultrup und stellte Angaben des Leiters der deutschen Büchereien, Peter Callesen, vor, der festgestellt hatte, dass es vor allem in den Städten Nordschleswigs nach Wiederaufnahme der kulturellen Arbeit der Minderheit wie mit den örtlichen Büchereien drastisch weniger Bücherausleihen gegeben hatte als vor dem Krieg.

Mit Diagrammen illustrierte Jon Thulstrup Erhebungen zum „Schwund" in den Reihen der deutschen Minderheit im Raum Tingleff nach 1945. Foto: Volker Heesch

„Ich habe auch Akten des Polizeikreises Tondern ausgewertet, zu dem damals der Raum Tingleff zählte“, so der Historiker. Er berichtete, er habe unter anderem die Zahlen der Personen aus einigen Orten, die als Frontfreiwillige und Zeitfreiwillige in Diensten der deutschen Besatzungsmacht nach 1945 von der dänischen Justiz verurteilt worden sind, mit Angaben zur dortigen Anzahl von Unterstützern des neuen BDN um 1949/1950 verglichen.

Viele tauchten nicht beim neuen BDN auf

„Es wurde sichtbar, dass nur rund 50 Prozent der Verurteilten wieder beim BDN auftauchte“, berichtete der Doktorand und warf die Frage auf, ob viele der Freiwilligen einen Schlussstrich gezogen hatten oder sich bewusst von der Minderheit abgekehrt hatten. „Es sind noch weitere Untersuchungen nötig“, so Thulstrup und berichtete, dass er versuche, Kontakt zu Familien aufzunehmen, die Angaben zu Personen liefern können, die nach den Erfahrungen im und nach dem Krieg aus den Reihen der Minderheit verschwunden sind. In der Diskussion meinte der BDN-Hauptvorsitzende, dass er gespannt sei, was Jon Thulstrup noch an Licht in diese Periode bringen kann. „Ich könnte mir vorstellen, dass in betroffenen Familien einige nichts wissen oder nichts wissen wollen“, so Jürgensen. Steffen Lorenzen äußerte die Vermutung, dass vor allem Mitglieder der Arbeiterklasse damals ausgestiegen seien.

Landwirte waren spendenbereit

Thulstrup hatte darauf hingewiesen, dass vor allem die lokal stark verwurzelten Landwirte in der Anfangszeit des BDN durch reichliche Spenden den Neuanfang gefördert hätten. Hauke Wattenberg fragte, ob auch die Verstrickung einiger deutschen Pastoren in das Treiben der nazifizierten Minderheit bibeltreue Christen zum Austritt aus der Minderheit geführt hätten. „Du bist bestimmt für Hinweise dankbar“, meinte Hans Schultz Hansen zum Abschluss der Diskussion.

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