Deutsche Minderheit

Neuer Lesestoff zur Geschichte Nordschleswigs

Neuer Lesestoff zur Geschichte Nordschleswigs

Neuer Lesestoff zur Geschichte Nordschleswigs

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Das Augustenburger Schloss ist ein prachtvolles Bauwerk, das an das Wirken der Herzöge erinnert, die in der Geschichte des deutsch-dänischen Grenzlandes viele Spuren hinterlassen haben. Foto: Volker Heesch

Diesen Artikel vorlesen lassen.

In der neuen Schrift der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig gibt Jon Thulstrup Einblick in seine Forschung zum Umgang der deutschen Minderheit mit der NS-Zeit. Olaf Becker stellt den Prinzen von Homburg als Gegner Hans Schacks im Kampf um Kopenhagen 1658 vor, Lorenz P. Wree berichtet über den Arzt Esmarch und die Augustenburg.

In den vergangenen Tagen ist den Mitgliedern der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) die neueste Ausgabe der Schriften der HAG zugestellt worden. Das Heft 96, das der Verein herausgegeben hat, enthält drei längere geschichtliche Beiträge.

Beiträge zur NS-Zeit, dem 17. und 19. Jahrhundert

Der nordschleswigsche Historiker Jon Thulstrup liefert Einblicke in seine aktuelle Forschung zum Umgang der deutschen Nordschleswiger mit der Phase der NS-dominierten Minderheit. Das aus Apenrade (Aabenraa) stammende HAG-Mitglied Olaf Becker stellt den hessischen Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Homburg vor, dessen Wirken er auch an seinem Wohnort Friedrichsdorf in Hessen nachgeforscht hat.

Friedrich II. von Hessen Homburg war als Offizier in schwedischen Diensten an der Schlacht um Kopenhagen im Jahre 1858 beteiligt. Foto: Archiv der Stadt Friedrichsdorf

Dabei ist er auf Verbindungen des Adligen in den Norden gestoßen, der während seiner militärischen Laufbahn zum Oberst in der schwedischen Armee aufstieg und 1658 an der Belagerung Kopenhagens beteiligt war. Diese Kampfhandlungen, bei denen Dänemarks Feldherr Hans Schack die Schweden besiegte, überlebte der „Prinz von Homburg“ schwer verletzt. Hans Schack, der später Schloss Schackenborg in Mögeltondern (Møgeltønder) erbaute, wurde als Retter Dänemarks anschließend in den Grafenstand erhoben.

Glaubensflüchtlinge in Hessen und Dänemark

Olaf Becker liefert einen hochinteressanten geschichtlichen Beitrag, in dem er unter anderem auf Parallelen zwischen Hessen-Homburg, wo französischen Glaubensflüchtlingen Aufnahme gewährt wurde, und dem Zuzug von Hugenotten nach Fredericia im 17. Jahrhundert hinweist. Dort hieß der dänische König die aus ihrer Heimat vertriebenen Calvinisten in der neu gegründeten Stadt am Kleinen Belt als Beförderer des Wirtschaftslebens willkommen. Nicht unerwähnt bleibt, dass der hessische Landgraf den Dichter Heinrich von Kleist im 19. Jahrhundert zu seinem Schauspiel „Prinz Friedrich von Homburg“ inspiriert hat.

Spannende Familiengeschichte

Der langjährige Vorsitzende der HAG, Lorenz P. Wree – er hat auch das Vorwort zum neuen HAG-Heft verfasst –, hat, angeregt durch die Tagesfahrt des Vereins nach Tönning, dem Leben des dort geborenen berühmten Mediziners Friedrich von Esmarch nachgeforscht.

Das Heft 96 der Schriften der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig kann über archiv@bdn.dk bezogen werden. Auf der Titelseite ist das einstige Schloss Primkenau zu sehen. Dort lebte die Familie des Augustenburger Herzogs nach der Vertreibung aus Schleswig. Foto: HAG

Und in dem daraus resultierenden Beitrag, in dem über die Eheschließung des Wissenschaftlers mit Prinzessin Henriette Elisabeth von Augustenburg berichtet wird, ist eine interessante Darstellung der Spätphase des Hauses Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg enthalten, das entscheidenden Anteil an der Geschichte des heutigen deutsch-dänischen Grenzlandes hatte.

Im Artikel von Lorenz P. Wree ist eine Fotografie Friedrich von Esmarchs mit seiner zweiten Ehefrau zu sehen. Foto: Schmidt u. Wegener

Lorenz Wree stellt dabei interessante Aspekte der Familiengeschichte der ursprünglich eng mit dem dänischen Königshaus verbundenen Augustenburger vor, deren Spitzenvertreter es vermochten, nach der Vertreibung aus ihren Besitzungen nach dem Ersten Schleswigschen Krieg (1848-1850) durch Dänemark und nach Verweigerung der Führung eines Herzogtums Schleswig-Holsteins 1864 durch Preußen Kontakte zum europäischen Hochadel zu bewahren. Nach der Hochzeit der Augustenburger Prinzessin Auguste Viktoria mit dem späteren Kaiser Wilhelm II. erlebte die Adelsfamilie eine letzte Blüte, deren Pracht auch der 1882 geadelte Esmarch erlebte.

Neue Einblicke in NS-Vergangenheit

Der dritte längere Beitrag im HAG-Heft, das auch Berichte aus dem Verein, ein Interview mit dem langjährigen Archivleiter Frank Lubowitz und mehrere Buchbesprechungen umfasst, stammt von Jon Thulstrup, der im Rahmen eines Promotionsstipendiums die Aufarbeitung der eigenen NS-Geschichte in der deutschen Minderheit erforscht.

Peter Larsen war Stellvertreter des seit 1935 in Nordschleswig in der deutschen Minderheit dominierenden „Volksgruppenführers" Jens Möller. Foto: HAG

In seinem Beitrag stellt Thulstrup Dokumente und Darlegungen von Personen vor, die teilweise während der Jahre 1933 bis 1945 höhere Funktionen innerhalb der deutschen Minderheit hatten. Jon Thulstrup schreibt beispielsweise über „Erinnerungen“ Peter Larsens (1892-1983), des Stellvertreters des „Volksgruppenführers“ Jens Möller, vor. Sie geben Einblick in die Gedankenwelt eines Nordschleswigers, der der heute als wenig selbstkritisch eingestuften Führungsetage der deutschen Nordschleswiger nach dem Zweiten Weltkrieg vorwarf, sich nicht zur Haltung der Minderheit während der deutschen Besetzung Dänemarks zu bekennen.

Minderheitenleute mit unterschiedlicher „Selbstkritik"

Die Ausführungen Thulstrups liefern Hinweise, dass es auch in der Nachkriegszeit intern in der Minderheit keineswegs nur eine „gleichgeschaltete“ Sicht auf die eigene Vergangenheit gab. Spannend zu lesen sind auch die Informationen über Jep Nissen (1899-1981), der bekannt ist als ein Anführer einer der nach 1933 miteinander um die Vorherrschaft in der Minderheit rivalisierenden NS-Formationen.

Jep Nissen war als Spitzenmann einer der miteinander rivalisierenden NS-Formationen in Nordschleswig Ende der 1930er Jahre politisch kaltgestellt worden. Foto: HAG

Jep Nissen war 1935 unter Einschaltung des schleswig-holsteinischen Gauleiters Heinrich Lohse politisch außer Gefecht gesetzt worden. Nach dem Krieg meldete sich Nissen als Kritiker der neuen Führung der Minderheit zu Wort. Nicht minder lesenswert sind Passagen in Thulstrups Beitrag über Rudolf Usinger (1898-1996) und Informationen aus Erinnerungen Jens Peter Fromm Hansens, geboren 1897, der seinem Sohn im Zweiten Weltkrieg verboten hatte, sich als Nordschleswiger freiwillig für den deutschen Militärdienst zu melden.

Interessierte können das neue HAG-Heft bei der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig, Rønhaveplads 12, DK 6400 Sønderborg bestellen. Bei Beitritt in den Verein wird das Heft ebenfalls zugeschickt. Bestellungen per E-Mail unter archiv@bdn.dk

Mehr lesen