Wahlanalyse

Ellen gegen Erik – und ein SP-Kandidatenfeld stark wie nie

Ellen gegen Erik – und ein SP-Kandidatenfeld stark wie nie

Ellen gegen Erik – und ein SP-Kandidatenfeld stark wie nie

Sonderburg/Sønderborg
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Stephan Kleinschmidt und Erik Lauritzen – zwei von drei Bürgermeisterkandidaten Foto: Lene Esthave/Ritzau Scanpix

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Wird im Sonderburger Rathaus nach der Kommunalwahl eine Bürgermeisterin sitzen? Mit Ellen Trane Nørby greift eine Folketingspolitikerin nach dem Amt. Doch Stadtvater Erik Lauritzen hat in den vergangenen acht Jahren eine effektive Lokalpolitik gesteuert, und mit Stephan Kleinschmidt geht für die SP ein erfahrener Lokalpolitiker ins Rennen.

In der Kommune Sonderburg wird sich bei dieser Kommunalwahl vieles um die Frage drehen, ob Bürgermeister Erik Lauritzen von den Sozialdemokraten sein Amt gegen Folketingspolitikerin Ellen Trane Nørby von Venstre verteidigen kann. Stephan Kleinschmidt geht ebenfalls als Bürgermeisterkandidat ins Rennen, der öffentliche Fokus dürfte aber auf dem Duell „Ellen gegen Erik“ liegen.

Im Oktober 2020 gab die 41-jährige ehemalige Ministerin bekannt, bei der Kommunalwahl als Bürgermeisterkandidatin anzutreten. Venstres langjähriger Spitzenkandidat Peter Hansen versprach, die Kopenhagener Kandidaten nach Kräften zu unterstützen und teilte mit, selbst nicht mehr als Lokalpolitiker kandidieren zu wollen. Hansen hatte das Rennen um den Bürgermeistertitel 2013 und 2017 verloren und will sich in Zukunft ganz seinem Job als Opa und als Vorsitzender von „Jysk Fynske Medier“ widmen.

Kandidatur mit Kommentaren aus Kopenhagen

Doch zurück zu Trane Nørby. Die mischt sich seit Bekanntgabe ihrer Kandidatur mit Kommentaren und Pressemitteilungen fleißig in die Lokalpolitik ein. Ob zur Strandreinigung von Himmark oder dem Entwicklungsplan für die beiden Sonderburger Stadtteile, die auf der nationalen „Ghetto-Liste“ stehen, Ellen Trane Nørby teilt ihre Meinung und Standpunkte in professionellen Pressemitteilungen mit und bezieht Stellung.

Ellen Trane Nørby bei der Pressekonferenz zu ihrer Kandidatur im Hotel Sønderborg Strand Foto: Sara Wasmund

Lediglich ihr Standpunkt zur Frage, ob sie auch als einfaches Stadtratsmitglied ihre lokalpolitische Arbeit im Sonderburger Rathaus verrichten würde – sollte sie gewählt, aber nicht Bürgermeisterin werden –, ist bislang unbekannt. Bei einer Pressekonferenz anlässlich ihrer Kandidatur beantwortete sie diese mehrfach gestellte Frage gekonnt mit Worten, ohne darauf zu antworten.

Als Frau, Ex-Ministerin und Folketingspolitikerin besitzt Trane Nørby diverse Alleinstellungsmerkmale. Sonderburg könnte mit Trane Nørby Nordschleswigs einzige Bürgermeisterin erhalten, doch so bahnbrechend wäre das in Nordschleswig auch wiederum nicht. Zuletzt standen in Nordschleswig mit Tove Larsen in Apenrade von 2007 bis 2013 und mit Aase Nyegaard in Sonderburg von 2010 bis 2013 Frauen an der Spitze der Kommunalpolitik.

Lauritzen will auf Konsens ausgerichtete Zusammenarbeit

Der 61-jährige Bürgermeister Erik Lauritzen ist bei den Bürgern beliebt und der Zufriedenheitsbonus dürfte groß sein. In Lauritzens Amtszeit von 2014 bis 2021 hat sich die Kommune enorm entwickelt, und im Stadtrat herrschte unter Lauritzen eine lösungsorientierte und auf Konsens ausgerichtete Zusammenarbeit, die der Kommune eine enorme Tatkraft ermöglicht hat.

Erik Lauritzen ist seit 2014 Bürgermeister der Kommune Sonderburg. Foto: Karin Riggelsen

In der Schleswigschen Partei (SP) wird es um die Frage gehen, ob die fünf Mandate verteidigt oder sogar ausgebaut werden können. Außer Dieter Jessen, der sich in den Ruhestand verabschiedet, wollen alle Politiker ihre Arbeit fortsetzen.

Die SP hat ein äußerst kompetentes, attraktives Kandidatenfeld zusammengestellt. Darunter Tom Holden, der als ehemaliger Stadtratspolitiker von Venstre nach vier Jahren Pause erneut um die Stimme der Wähler bittet und für die SP in die Lokalpolitik zurückkehren will.

Sozialpolitik und junge Menschen im Mittelpunkt

Mit Kirsten Bachmann hat die SP eine Sozialpolitikerin im Team, die als Leiterin der kommunalen Heimpflege im Distrikt Nordalsen Themen wie Pflegenotstand und Fachkräftemangen offensiv angeht.

Weitere vielversprechende Spitzenkandidaten sind Marion Hansen, Niels Boysen Pallesen und Poul Harald Holm. Mit dem 19-jährigen Jeremias Thomsen hat die SP einen jungen Kandidaten im Team, der die jungen Wähler mobilisieren kann.

Stephan Kleinschmidt als Vorsitzender des Kulturausschusses bei der Enthüllung der Weihnachtsmarke Foto: Karin Rigggelsen

Stephan Kleinschmidt ist 44 Jahre alt und hat seine Arbeit als Vizebürgermeister und Vorsitzender des Ausschusses für Kultur, Handel, Sport und Tourismus in der laufenden Wahlperiode mit altbekanntem Einsatz und souverän ausgeführt. Wegen der Corona-Restriktionen gab es allerdings weitaus weniger Gelegenheiten, mit den Bürgern persönlich in Kontakt zu kommen.

Während der Corona-Restriktionen hat die Schleswigsche Partei wie keine andere Partei im Stadtrat regelmäßig mit neuen, bürgernahen politischen Vorschlägen von sich hören lassen. Zuletzt mit dem Vorschlag, eine Radbrücke über den Alsensund zu bauen oder dunkle Unterführungen zu bemalen.

Bürgernnahe politische Vorschläge

Ob die Initiative zur Einführung eines Architektur-Rates, Idee für die Nutzung an der Sundgade, eine Abbiegespur an der Förde-Schule, die Forderung, Kindern und Jugendlichen kostenlose psychiatrische Hilfe zu leisten, die bessere Einbindung über 50-Jähriger in den Arbeitsmarkt oder die Einrichtung einer Kunstausstellung in der alten Ziegelei in Iller – die SP hat sich in den vergangenen vier Jahren mit praktischen und bürgernahen Initiativen ins Gespräch gebracht – viele von ihnen fanden ihren Weg in kommunale Beschlussvorlagen.

Und – apropos Bürgermeister-Wahl: Stephan Kleinschmidt könnte nicht zuletzt für viele Wähler, die sich nicht zwischen Ellen und Erik entscheiden können oder wollen, eine attraktive Alternative sein und am Ende eine entscheidende Rolle spielen.

Der BDN Sonderburg hat die bisherigen Kandidaten auf seiner jüngsten Sitzung per Mitgliedervotum gewählt. Foto: Sara Wasmund

Inhaltlich gibt es im Stadtrat wenig politische Uneinigkeiten – jedoch hat der Ton seit der Kandidatur Ellen Trane Nørbys an Schärfe zugenommen, was sich beispielsweise an der Uneinigkeit zu den Ghetto-Plänen zeigte. Im Februar war eine gemeinsam erarbeitete Lösung in letzter Minute zerbrochen, weil Venstre und die Dänische Volkspartei einem Detail nicht länger zustimmen wollten und einen eigenen Weg einschlugen.

Kein Interesse an politischen Grundsatzdebatten

Bei den laufenden Haushaltsverhandlungen zeichnet sich derzeit ein erneuter, breiter Vergleich über alle Parteien hinweg ab. Sobald der Haushalt für 2022 steht, wird der Wahlkampf eingeläutet.

Den Wählerinnen und Wählernhaben kein Interesse an taktischen Spielchen oder an politischen Grundsatzdebatten haben. Viele wünschen sich, dass das gute Klima der Zusammenarbeit und des Konsens im Stadtrat unter der Leitung von Erik Lauritzen und Stephan Kleinschmidt fortgeführt wird. Vielleicht geht es bei der Wahl am Ende nämlich doch weniger um die Personen und vielmehr um die Inhalte.

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Gudrun Struve
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