Leitartikel

„Hauptvorsitzender muss weiterhin anpacken und Überzeugungsarbeit leisten“

Hauptvorsitzender muss weiterhin anpacken und Überzeugungsarbeit leisten

Hauptvorsitzender muss weiterhin anpacken und überzeugen

Nordschleswig
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Hinrich Jürgensen ist für vier weitere Jahre Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger. Es wartet auch in seiner letzten Amtsperiode viel Arbeit auf ihn, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Hinrich Jürgensen wurde am Dienstagabend in der Deutschen Nachschule Tingleff mit überzeugender Mehrheit als Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger wiedergewählt. Somit steht er vier weitere Jahre an der Spitze der Dachorganisation der deutschen Minderheit in Dänemark und wird zum Ende seiner Amtszeit 2026 insgesamt 19 Jahre das Heft in der Hand gehabt haben.

Seine Wiederwahl war aus zwei Gründen keine Überraschung: Erstens gab es keine Gegenkandidatin und keinen Gegenkandidaten, und zweitens sitzt Jürgensen fest im Sattel: Er macht sich politisch präsent und ist es auch vor Ort in den kleinen Vereinen. Es steht außer Frage, dass Hinrich Jürgensen ein beliebter Hauptvorsitzender ist, der zudem das meiste im Griff zu haben scheint.

Selbst sagte Jürgensen, dass er sich in seiner letzten Periode nicht zurücklehnen werde – es gebe noch jede Menge zu tun.

Politisch zeigte Hinrich Jürgensen unter anderem auf zwei Hängepartien in Dänemark, wo das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig in Sachen Investitionen noch nicht mit den dänischen Gymnasien gleichgestellt ist, und gleichzeitig hakt es in der formalen Zusammenarbeit mit dem Folketing, weil die Struktur die falsche ist. Verbesserungsmöglichkeiten gibt es auch in der Zusammenarbeit mit den vier nordschleswigschen Kommunen.

Auch auf deutscher Seite muss Hinrich Jürgensen immer wieder auf Achse sein, um den engen Kontakt zu den Geldgebern in Berlin zu pflegen. Hier hangelt sich die Minderheit von einem Geschäftsjahr ins nächste – nur in Kiel ticken die Uhren anders, und eine längerfristige Planung mit den finanziellen Mitteln aus Schleswig-Holstein ist möglich.

Doch genauso wichtig ist auch die eigene Entwicklung in der deutschen Minderheit. Hier gibt es ebenfalls viel zu tun, denn die Minderheit von heute ist eine andere als die vor 25 oder 50 Jahren. Die Digitalisierung des „Nordschleswigers“ ist ein Beweis dafür, die Neu-Orientierung des Jugendverbandes ein anderer.

Dabei sind die Strukturen und die Organisation des BDN und der angeschlossenen Verbände immer noch dieselben – die Ziele zum Teil auch. Aber ist die Minderheit heute richtig aufgestellt? Werden die Ressourcen optimal genutzt? Haben Vereine und Verbände die richtigen Angebote? Was kann weg, und was muss gegebenenfalls neu erfunden werden?

In diesen Jahren kommen viele neue Menschen dazu – durch die Einwanderung aus Deutschland, und junge Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger kehren zurück. So lagen die Zahlen der Schülerinnen und Schüler des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig vor wenigen Jahren noch um die 1.300 – im September werden mindestens 1.550 Kinder und Jugendliche unsere Schulen besuchen.

Das ist positiv, aber auch das stellt den BDN vor neue Herausforderungen: Wie werden die neuen Familien bei uns gut integriert? Dienstagabend gab es kritische Stimmen dazu, weil die neu Zugezogenen Informationen über die Minderheit vermissen. In dem Bereich ist die Minderheit an vielen Stellen noch etwas betriebsblind. Das Potenzial der gegenseitigen Werbung innerhalb der Minderheit, um für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen, ist noch nicht ausgeschöpft.

Vieles ist in den vergangenen Jahren gelungen: Es werden neue Kindergärten gebaut, es ist ein neues Museum entstanden, das Knivsbergfest ist mit neuem Leben erfüllt und „Der Nordschleswiger“ digitalisiert worden. Aber es gibt noch viel zu tun. Der Vorsitzende des Jugendverbandes, Jasper Andresen, sagte bereits vor einigen Jahren, dass es heute nicht mehr reicht, dass vor einem Angebot ein „Deutsch“ geschrieben steht. Die Vereine und Verbände der deutschen Minderheit müssen genauso gute oder bessere Angebote haben als die Mehrheit und dabei erkennen, dass die Minderheit heute weitaus fragmentierter ist als vor einigen Jahren.

Wir sind vielleicht eine Minderheit, aber in der Minderheit sind wir viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Bedürfnissen, Meinungen, Haltungen und Kulturen. Wir sind in vielen Dingen nicht eins – oder einig – und das ist in Ordnung. Alle haben das Recht, auf ihre Art und Weise Minderheit zu sein. Es gibt nicht eine Größe, die allen passt.

Für viele ist dies noch gewöhnungsbedürftig, denn wir haben alle unsere Vorstellungen davon, wie ein Minderheitenleben sein sollte. Was richtig oder falsch ist. Dabei sollte auch innerhalb der Minderheit die Vielfalt gefeiert, gefördert und nicht zuletzt akzeptiert und respektiert werden.

Auch hier wartet Arbeit auf Hinrich Jürgensen, die Minderheit zu modernisieren – und zu professionalisieren. Sei es bei der Gleichstellung, der Optimierung der Strukturen oder bei der Zusammenarbeit, die zwar voranschreitet, aber immer noch Luft nach oben hat.

Isoliert gesehen hat Hinrich Jürgensen keine Macht, sondern muss jedes Mal Überzeugungsarbeit leisten. Dazu hat er jetzt weitere vier Jahre, um seiner Nachfolgerin eine fitte Minderheit zu hinterlassen.

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