THEMA DER WOCHE: KÖNIGINBESUCH

Die kleine Johanne, der König und „mein geliebter Vater“

Die kleine Johanne, der König und „mein geliebter Vater“

Die kleine Johanne, der König und „mein geliebter Vater“

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Johanne auf dem Pferd des Königs Foto: arkiv.dk

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Die Geschichte von der kleinen Johanne auf dem weißen Pferd von König Christian ist weltberühmt, aber die Geschichte von Pastor Jürgen Braren und seiner Adoptivtochter ist fast völlig unbekannt – aber nicht weniger spannend.

Sie war das Dänischte, was man sich als Däne überhaupt erträumen konnte: Die kleine Johanne auf dem weissen Pferd von König Christian X. bei seinem historischen Ritt über die alte Königsaugrenze bei Christiansfeld am 10. Juli 1920, doch Johanne Martine Braren hatte einen – von der Öffentlichkeit eher unbemerkten – Hintergrund: Sie war die Adoptivtochter des deutschen Pastors Jürgen Braren, der mit seiner Frau Elisabeth 1915 die damals vierjährige Johanne in seiner Familie aufnahm.

Jürgen Braren Foto: Archiv

Jürgen Braren war 1879 auf Föhr geboren und fand nach der Ordination 1907 Anstellung als deutscher Pastor in Bülderup.

Christmas Møller: Innerlich wohl Däne

Der spätere dänische Aussenminister Christmas Møller bereiste damals per Fahrrad Nordschleswig, um in jedem Dorf ein Verzeichnis anzulegen, sammelte Angaben unter anderem über Betriebsgrösse der Höfe, Bonität und schliesslich auch die Nationalität.

Pastor Braren wurde dabei von ihm in der Gruppe der Deutschgesinnten erwähnt, aber Christmas Møller fügte hinzu: Innerlich wohl Däne...

Von 1912 bis 1925 war er deutscher Pastor in Aastrup bei Hadersleben. Dort fand er seine spätere Frau Elisabeth, geborene Mynster, die Tocher eines dänischen Pastors. Der Kopenhagener Schriftsteller Steffen Riis, unter anderem Verfasser von zweibändigen Werken zu „Genforening“, hat sich eingehend mit ihren Familienverhältnissen beschäftigt.

Mit ihren Eltern wechselte sie oft den Wohnsitz, war einige Jahre in Serritslev bei Aarhus und später in Fuglse auf Lolland – zusammen mit 13 Geschwistern. Nach dem Tode ihres Vaters arbeitete sie zunächst in Maribo als Haushaltsgehilfin, später verdiente sie zunächst auch ihren Unterhalt als Hilfslehrerin, aber sie war so körperlich und psychisch überbelastet, dass sie 1982 in einer Nervenklink untergebracht werden musste und dort sogar mit dem Tode rang.

1907 fand sie eine Anzeige des deutschen Pastors in Bülderup, der eine Haushälterin suchte. Sie bekam den Job und lernte Jürgen Anton Braren kennen, der sowohl auf Dänisch als auch auf Deutsch predigte. Mit dem 16 Jahre älteren Pastor zog sie 1912 nach Aastrup, und am 28. April 1912 heiratete sie in der Kirche von Taps – also auf dänischem Boden – den deutschen Pastor.

Die Tochter von Johanne, Eli Fredskilde, hat über ihre berühmte Mutter berichtet, nach ihren Angaben wurde Johanne im August 1915 adoptiert.

Sie hieß Johanne Martine Klippert, und man vermutet, dass ihre Mutter aus dem Raume Hadersleben stammt und notgedrungen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwei ihrer Kinder im Waisenhaus von Elev/Erleff abgegeben hat.

Ein Verdienst von Pastor Prahl

Was aus ihrem wohl jüngeren Bruder Jens geworden ist, weiß man nicht, aber aus den eigenen Berichten von Elisabeth Braren geht hervor, dass die Idee zur Adoption entstanden war, nachdem ihr Mann das Kinderheim besucht hatte. Der deutsche Pastor in Hadersleben, Fr. Prahl, war Vorsitzender des Vereins Nordschleswig-Asyl und hatte Braren gegenüber auf die große Not dieser elternlosen Kinder hingewiesen. Als der Pastor zu Hause seiner Frau Elisabeth von der Tragik dieser Kinder berichtete, wurden sie sich sofort einig, dass sie ein Kind adoptieren wollten. Schon am nächsten Tag fuhren sie mit dem Fahrrad nach Erlev/Erleff, und Elisabet Braren wünschte sich das jüngste Kind – es war liebevolle Johanne, die nach ihren Worten auch zu einem Glücksfall für die Familie wurde.

Dass Johanne mit ihrer Mutter per Zug nach Christiansfeld fuhr, um am 10. Juli den historischen Ritt des Königs mitzuerleben, war auch die Idee ihres Mannes, aber als die Mutter das weiß gekleidete Mädchen mit dem Rosenstrauß hochhob, machte es Geschichte. Spontan nahm der König die kleine Johanne aufs Pferd und ritt – mit Johanne auf dem Sattelknopf sitzend – einige Meter, bevor die in der begeisterten Menschenmenge besorgte Mutter die inzwischen doch etwas verängstigte Tochter wieder in die Arme schloss. Aber die königliche Begleitung wollte gleich ihren Namen wissen: „Elisabeth Braren, geb. Mynster, Aaastrup“, antwortete sie.

Christian Rex vergaß nie Johanne

König Christian X. war so stolz und glücklich über diesen historisch-ikonischen Augenblick, dass er schon im September 1920 bei einem erneuten Besuch in Hadersleben den Wunsch äußerte, „lille Johanne“ zu sehen, wie die dänische Lokalpresse berichtete.

Also fuhr die königliche Familie auch nach Aastrup, wo es in der Kirche ein Wiedersehen mit Pastorenpaar Braren und Tochter Johanne gab.

Der berühmte Ritt über die ehemalige Grenze Foto: Archiv

Der König schickte Pastor J. Braren ein goldumrahmtes Bild – datiert 6. August 1920, Marselisborg Aarhus – mit den beiden beim Grenzritt und mit folgendem Text: „Sie werden gebeten, Johanne dieses Bild zu übergeben als Erinnerung an „unseren Ritt“ nach Sønderjylland. Außerdem bitte ich Sie darum, mich über besondere Ereignisse in ihrem künftigen Leben wie zum Beispiel Konfirmation der Hochzeit zu unterrichten.
Christian R.“

Der König hat in den Jahren danach noch mehrfach Johanne getroffen und ihr zur Konfirmation ein Goldarmband mir rotem Safir und zu ihrer Hochzeit 1935 noch ein weiteres Geschenk überreichen lassen.

Von 1912 bis 1925 war Braren Pastor in Aastrup, und von 1925 bis zur Emeritierung Pastor des deutschen Teils der dänischen Volkskirche in Hoyer. Die Familie zog nach Hoyer, wo Pastor Braren predigte – abwechselnd auf Deutsch und Dänisch.

Johanne wurde in Hoyer konfirmiert, und 1935 heiratete sie in der Kirche zu Hoyer Jørgen Pedersen.

Das Ehepaar betrieb in Vejle einen Bäckerladen, später zog sie nach Aarhus, wo Jørgen Pedersen beim Zoll eine neue Beschäftigung fand.

Das Ehepaar hatte zwei Kinder – Ruth Elisabeth (1936) und Eli (1939).

Johanne wurde 1945 von ihrem Mann geschieden, heiratete aber 1947 erneut.

Mit Kristen Kjær Herlak verbrachte sie sechs glückliche Jahre, wurde jedoch bereits als 42-Jährige im Jahre 1953 Witwe. Danach hat Johanne nie wieder geheiratet, sondern ihr ganzes Interesse galt ihren beiden Kindern. Und ihre Tochter Eli Fredskilde hat in einem Interview dem Ehepaar Braren bescheinigt, Johanne ein gutes Heim geschenkt zu haben, und sie erinnert sich auch gerne an ihre Besuche bei der Familie im Pastorat Hoyer.

Braren: Antinazist

Jürgen Braren verliess 1943 als deutscher Pastor in Hoyer sein Amt – aus Protest gegen den Nationalsozialismus. Als er 1964 starb, schrieb die dänische Tageszeitung „Hejmdal“, Braren habe stets eine Kirchenpolitik geführt, die beide Nationalitäten als eine Gemeinde betrachtete, und die nazistischen Gedanken passten nicht in seine Kirchenwelt.

Am 14. Juli 1964 starb fast 85-jährig Jürgen Braren in Tondern. Und im Nachruf des „Nordschleswigers“ wurde aus Hadersleben besonders auf folgendes hingewiesen: Welch großer Beliebtheit Pastor Braren sich damals als Gemeindepastor im schönen Pastorat neben der Aastruper Kirche erfreute, kann man daraus entnehmen, dass er, nachdem er ebenso wie alle anderen Geistlichen im Landesteil nach der Abtretung gekündigt worden war, von seinen überwiegend dänischgesinnten Gemeindegliedern wiedergewählt wurde und im Pfarramt blieb. Übrigens war es seine kleine Pflegetochter, die kleine Johanne, die König Christian X. zu sich emporhob, als 1920 den historischen Ritt über die Grenze machte. Er war, wie man damals in Aastrup sagte, ein „echter, rechter Nordschleswiger“.

Pastor Braren hatte aus seiner deutschen Gesinnung nie einen Hehl gemacht – im Gegenteil: Nach 1945 gehörte er zu den wichtigsten Persönlichkeiten, die sich in der Minderheit für einen moralischen Neubeginn einsetzten und dabei weder seine eigenen Landsleute noch die Dänen vor Kritik bewahrte. Der Deutsche Schul- und Sprachverein in Tondern zollte ihm „Dankbarkeit und Hochachtung für seine Verdienste um die Errichtung unserer Schule in schwerer Zeit“.

Und die kleine Johanne verabschiedete sich unter ihrem Namen Johanne Braren-Herlak, Aarhus, mit einer Todesanzeige in deutscher Sprache im „Nordschleswiger“ mit den Worten „... mein lieber Vater, Großvater und Urgroßvater“.

Johanne Harlak starb am 25. Januar 1999 im Alter 87 Jahren und ist auf dem Vestre Kirkegaard in Aarhus begraben.

Johanne wurde berühmt durch einen Zufall und ist in der dänischen Geschichte verewigt, aber die Geschichte von Pastor Jürgen Braren verdient auch ihre Beachtung.

Vorabdruck / Artikel aus einem von S. Matlok für 2021 geplanten Buch über Zeitung und deutsche Minderheit.

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