Auswanderung

Von Brasilien nach Europa: Darum entschieden sich Marcia und Ismael für Nordschleswig

Von Brasilien nach Europa: Darum wurde es Nordschleswig

Von Brasilien nach Europa: Darum wurde es Nordschleswig

Rapstedt/Ravsted
Zuletzt aktualisiert um:
Die Familie Hendges aus Brasilien im Deutschen Kindergarten Rapstedt, den Nesthäkchen Beatriz besucht. Foto: kjt

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Dänisch und „Sønderjysk“ müssen sie noch lernen, Deutsch können Marcia W. Hendges und ihr Mann Ismael aber schon. Sie sind von Brasilien nach Nordschleswig gezogen und haben sich in Haustedt niedergelassen. Sie freuen sich, dass Tochter Beatriz den Deutschen Kindergarten in Rapstedt besucht. Deutsch ist bei den Neuankömmlingen Familientradition.

Beatriz läuft im Rapstedter Kindergarten herum, spielt und tobt, als wenn sie schon ganz lange in der Einrichtung ist. Dabei ist die Fünfjährige erst seit Mai in Dänemark, nachdem Mama Marcia Wilgen Hendges und Papa Ismael Kramer Hendges entschieden hatten, Brasilien zu verlassen und bei Rapstedt die Zelte aufzuschlagen.

Die Familie wohnt in einem gemieteten Haus in Haustedt (Havsted), und das Ehepaar hat bei einem Schweinezuchtbetrieb in Fauderup (Fogderup) Arbeit gefunden.

Arbeit zu finden, sei ein wichtiger Aspekt für das Auswandern gewesen, betonen die beiden 39-Jährigen bei einem Treffen in dem Kindergarten, in dem sich die Tochter schon pudelwohl zu fühlen scheint.

Europa schon erlebt

Brasilien zu verlassen, ist für beide nicht neu. „Ich war ein Jahr lang Kindermädchen in Österreich“, erzählt Marcia, die auch in Liechtenstein war.

Ismael war sogar zwei Jahre in Liechtenstein und arbeitete in der Landwirtschaft. Das war 2007/2008. Dort lernten sich beide kennen. Marcia hatte zudem mit der Schweiz Bekanntschaft gemacht, ist in Europa somit bereits herumgekommen.

„Als wir zurück in Brasilien waren, haben wir geheiratet“, erzählt Marcia.

Eigentlich hätte man sich auch ganz einfach zu Hause in Brasilien finden können. Denn, wie es der Zufall will, „liegen die Dörfer, in denen wir aufgewachsen sind, nur zwölf Kilometer voneinander entfernt“, erzählt Marcia schmunzelnd und kopfschüttelnd zugleich.

Beide sind im Bundesstaat Rio Grande do Sul im Süden des Landes groß geworden.

„Es ist bei uns üblich, dass man viel in seinem Dorf bleibt. Eine Begegnung hatte sich einfach nicht ergeben. Umso schöner ist es, dass es in Liechtenstein geklappt hat“, sagt Ismael mit einem lieben Blick in Richtung Gattin.

Marcia W. Hendges und ihr Ehemann Ismael sind von Brasilien nach Nordschleswig ausgewandert und sind froh, dass Tochter Beatriz den Deutschen Kindergarten Rapstedt besucht. Foto: kjt

Nach der Geburt der Tochter verspürte das Paar den Drang, ganz nach Europa auszuwandern und dort ein neues Leben aufzubauen.

Neben einer Arbeit und einer kulturellen Bereicherung war es ihnen besonders wichtig, „dass Beatriz eine gute Schulbildung bekommt, gute Chancen hat und sich in einer neuen Gemeinschaft entwickeln kann“, so die Mama.

Gute erste Eindrücke

Die Erwartungen seien bislang erfüllt worden. Vom Kindergarten und dessen Personal seien sie sehr angetan, betonen beide.

Aber warum wurde es Dänemark und Nordschleswig?

„Wir kennen eine brasilianische Familie, die ein Kind im Deutschen Kindergarten Bülderup hat und schon seit einigen Jahren hier lebt. Sie haben viel Gutes erzählt, und so sind wir auch hier gelandet“, erzählt Marcia in hervorragendem Deutsch.

Dass sie und ihr Mann Ismael die Sprache beherrschen, hängt mit der Familiengeschichte zusammen.

„Wir stammen beide von Hunsrückfamilien ab, die einst nach Brasilien ausgewandert sind. In unseren Familien wird Deutsch gesprochen, in der Regel Hunsrück-Platt“, erwähnt Ismael.

Marcia W. Hendges mit einer Familienchronik, die eine Cousine erstellt hat und die viele Generationen zurückreicht. Rechts Tochter Beatriz und Ehemann Ismael Foto: kjt

Ähnlich wie bei den „Pommeranos“, Nachkommen ausgewanderter Familien aus Pommern, ist bei der Hunsrück-Volksgruppe in Brasilien die Pflege der deutschen Sprache ein zentrales Merkmal.

„Manche Familien sprechen gar kein oder nur wenig Portugiesisch“, ergänzt Ismael.

Luxemburgerin aus Brasilien in Nordschleswig

Multikulturell und international ist vor allem die Familiengeschichte von Marcia.

Sie hat vor einiger Zeit die luxemburgische Staatsangehörigkeit bekommen, und auch das hängt mit den Vorfahren zusammen.

Der Hunsrück in Rheinland-Pfalz und in Teilen des Saarlandes grenzt an das heutige Luxemburg. Ihr Gastspiel als Kindermädchen hatte sie nicht weit von der Heimat ihrer Ahnen.

Kleine Ahnengalerie aus der Familienchronik von Marcia Wilzen Hendges, deren Vorfahren aus dem Hunsrück nach Brasilien auswanderten. Foto: kjt

„Der Stammbaum war eine Voraussetzung, um die luxemburgische Staatsangehörigkeit zu bekommen“, berichtet Marcia.

Nun scheint Nordschleswig ein weiteres Familienkapitel zu werden.

Das mit der dänischen Sprache sei noch so eine Sache, zum Glück wird in Nordschleswig aber Deutsch gesprochen. Das mache es einfacher und sei letztlich auch ein Grund, sich nicht für Deutschland, sondern Dänemark als neue Heimat zu entscheiden, so Marcia und Ismael.

Auf Deutsch können sie sich auch bei ihrem Arbeitgeber in Fauderup gut verständigen.

Sprachen-Wirrwarr

Für die Familie heißt es nun, zwischen Deutsch, Dänisch und der brasilianischen Landessprache Portugiesisch zu manövrieren.

Der Hinweis während des Interviews, dass im hiesigen Raum wohl auch der Dialekt „Sønderjysk“ dazukommt, lässt die beiden Auswanderer die Augen rollen und zugleich aber auch schmunzeln. Das wird sich alles finden, so ihre Devise.

Familie Hendges aus Brasilien hat sich nach eigenen Angaben schon recht gut in Nordschleswig eingelebt. Foto: kjt

Besonders viele Kontakte haben Marcia und Ismael noch nicht knüpfen können, bislang haben sie aber einen guten Eindruck von den Menschen gewonnen. Sie kämen gut mit ihnen aus, wie beide betonen.

Die großen Mentalitätsunterschiede hätten sie ohnehin nicht festgestellt. Von einem Kulturschock könne überhaupt nicht die Rede sein. Im Gegenteil.

„Ich passe mit meinen rötlichen Haaren und Sommersprossen doch gut hierher. Ich falle gar nicht auf“, erwähnt Marcia mit einem Lachen.

Bei der Mentalität auf einer Wellenlänge

Das Klischee, dass Brasilianerinnen und Brasilianer Samba tanzende, temperamentvolle und heißblütige Menschen sind, bedienen beide nicht.

Ich passe mit meinen rötlichen Haaren und Sommersprossen doch gut hierher. Ich falle gar nicht auf.

Marcia Wilgen Hendges

Sie wirken entspannt, ruhig und ausgeglichen, auch wenn sich vieles in der neuen Umgebung erst noch einspielen muss.

„Wir haben viel Hilfe bei den formalen Dingen für den Umzug bekommen“, betont Ismael mit Dank an beratende Personen, die den Umzug erleichterten.

Im kommenden Jahr steht vermutlich ein nächster Umzug an.

Beatriz wechselt an die benachbarte Schule. Darauf ist die kleine Zuzüglerfamlie schon ganz gespannt.

„Es ist schön, dass die Schule gleich neben dem Kindergarten liegt und Beatriz schon viel mitbekommt. Die Schule ist klein, und alles wirkt sehr familiär. Das begrüßen wir sehr“, sagt Neu-Nordschleswigerin Marcia.

Vom Hunsrück nach Brasilien

Der 25. Juli 1824 ist im Süden Brasiliens ein markantes Datum. Es stellt die Ankunft der ersten deutschen Einwanderer im heutigen brasilianischen Bundesland Rio Grande do Sul.
Rio Grande do Sul ist das südlichste der 16 Bundesländer Brasiliens und liegt um den 30. Breitengrad der südlichen Halbkugel. Dort leben 9,6 Millionen Einwohner. Davon gehen etwa 3 Millionen Einwohner auf deutschstämmige Vorfahren zurück.
Zurückzuführen ist die Auswanderung nach Brasilien auf die Heirat der Erzherzogin Leopoldine aus dem Hause Habsburg mit dem jungen brasilianischen Kaiser Pedro I am 13. März 1817 in Wien. In Brasilien fanden zu dieser Zeit kriegerische Auseinandersetzungen und Invasionen um die Verteidigung der brasilianischen Grenzen statt. Man dachte, dass eine etwas intensivere Kolonialisierung im Süden Brasiliens dazu beitragen könnte, die geopolitische Situation zu festigen.
Wo aber die Kolonisten hernehmen? Die napoleonischen Kriege hatten gerade Elend und Not über Deutschland gebracht. Die deutsche Abstammung der Kaiserin führte dann dazu, in Deutschland Kolonisten anzuwerben.
Das Werben hatte Erfolg. Viele Deutsche, vor allem aus dem Hunsrück, dem Rheinland, der Pfalz, Schwaben und Pommern nahmen die Gelegenheit wahr und wanderten in der Folge nach Brasilien aus. Mit der Zeit breiteten sich die Einwanderer immer mehr in Rio Grande do Sul und in den angrenzenden Bundesländern aus.
Heute noch findet man im Süden Brasiliens Dörfer, dort Kolonien genannt, deren Einwohner überwiegend Nachfahren deutscher Abstammung sind. Dort spricht man in der 6. Generation noch Deutsch, allerdings nicht Hochdeutsch, sondern „Hunsrücker Platt“ vermischt mit Begriffen aus der portugiesischen Sprache, der Amtssprache in Brasiliens.

Quelle: Brasilienfreunde.de

Mehr lesen

Leserbeitrag

Helmut Thomßen
„Apenrader Kegelklub auf Alsen“

Leitartikel

Kerrin Trautmann
Kerrin Trautmann Hauptredaktion
„Finger weg“