Deutsche Minderheit

Am 80. Geburtstag feiert Gerd Larsen auch Olympia-Jubiläum

Am 80. Geburtstag feiert Gerd Larsen Olympia-Jubiläum

Am 80. Geburtstag feiert Gerd Larsen Olympia-Jubiläum

Apenrade/Aabenraa
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Gerd Larsen mit seinem Ruderboot an der Apenrader Förde. Dort ist er fast jeden Tag anzutreffen. Foto: Volker Heesch

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Der Apenrader Sportler ist 1968 in Mexiko City und 1972 in München als Mitglied des dänischen Teams im 800- und 1.500-Meter-Lauf inmitten von Weltrekordlerinnen und -rekordlern an den Start gegangen. Sport steht weiter im Mittelpunkt: Am eigenen Ehrentag unternimmt er eine Rudertour auf der Wiedau.

Begeisterung ist zu verspüren, wenn Gerd Larsen beim Gespräch an der Apenrader Förde über eine Zeit als einer der besten dänischen Mittelstreckenläufer berichtet.

Freude über das Dabeisein

„Ich war froh, dass ich dabei sein konnte“, erzählt er über einen seiner größten Auftritte, die Teilnahme am Semifinale über die Mittelstrecke bei den Olympischen Spielen in München 1972. Mit 3,59,4 Sekunden kam er weit hinter dem späteren Goldmedaillengewinner Pekka Vasala aus Finnland über die Ziellinie. Doch dieser Lauf hat für Gerd Larsen bis heute eine besondere Bedeutung. Er ging in München an seinem Geburtstag an den Start. Und deshalb feiert er am Donnerstag, 8. September, nicht nur seinen eigenen 80. Geburtstag, sondern auch sein eigenes Olympia-Jubliäum mit dem Auftritt im Olympiastadion in der bayerischen Metropole vor genau 50 Jahren.

Gerd Larsen ist als Ruderer in vielen Ländern vor allem mit dem ARV unterwegs gewesen. Foto: Volker Heesch

Gerd Larsen ist in Nordschleswig seit Jahrzehnten vor allem als Ruderer bekannt. „2006 musste ich mit dem Laufen wegen einer Knieverletzung aufhören, aber zum Glück kann ich weiter rudern und Rad fahren“, berichtet der gebürtige Apenrader.

Kind einer Grenzlandfamilie

„Ich bin am Klinkberg 4 geboren worden, jetzt wohne ich an derselben Straße in Hausnummer 28“, erzählt er und erwähnt, dass er aus einer typischen Grenzlandfamilie stammt. Mit einem deutschen Vater aus Flensburg (Flensborg) und einer Apenrader Mutter. „Einige Jahre nach dem Krieg haben wir in Flensburg gewohnt“, berichtet er. Erst mit 15 wurde er nach der Rückkehr nach Apenrade, die Eltern hatten sich getrennt, dänischer Staatsbürger. Seine Mutter hatte sich von der deutschen Minderheit abgewendet, hatte aber als einstige Rudererin im Apenrader Ruderverein entschieden, dass ihr Sohn auch beim ARV rudern sollte, das war 1959. In der Familie waren beide nationalen Ausrichtungen vertreten.

Als Jugendlicher für Leichtatlethik entdeckt

„Ich bin einige Jahre nach dem Beginn mit dem Rudersport eher per Zufall zur Leichtathletik gekommen“, erinnert sich Gerd Larsen. Im Apenrader Stadion wurde er entdeckt und überredet, am „Gallehusløbet“ über 3,5 Kilometer rund um das durch den Fundort der goldenen Hörner berühmte Dorf bei Tondern (Tønder) teilzunehmen. „An dem Lauf habe ich anschließend 44-mal teilgenommen“, fügt er hinzu, bis der Wettbewerb eingestellt wurde.

Zunächst bei AaIG in Apenrade, dann beim Haderslebener Turnverein „Haderslev Idrætsforening“ machte Gerd Larsen als Sportler rasch Fortschritte und ging zunächst bei jütischen Meisterschaften und dann sogar bei den dänischen Meisterschaften an den Start.

Auf diesem Zeitungsausschnitt ist ein Sieg Gerd Larsens im Staffellauf verewigt worden. Foto: Volker Heesch

Nach einer Lehre in einem Großhandel für Metallwaren und Werkzeuge sowie dem Militärdienst wechselte der Sportbegeisterte an das Lehrerseminar in Hadersleben, daran schloss sich ein Jahr an der Hochschule für Sport in Kopenhagen an.

Unvergessliche Erlebnisse in Mexikos Höhenluft

Nachdem es ihm gelungen war, als Mittelstreckenläufer ins dänische Nationalteam aufzurücken, gelang Gerd Larsen die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Mexiko City 1968, wo er über die 800-Meter-Distanz antrat. „Ich kam dort überhaupt nicht mit der Höhenluft zurecht“, berichtet Larsen über die Wettkampfbedingungen in 2.260 Meter Höhe, die anderen Athleten zu Weltrekorden verhalfen. „Ich war aber im Stadion, als Dick Fosbury mit seinem ,Fosbury Flob‘ Gold gewann und Bob Beamon mit 8,90 Metern einen sensationellen Weltrekord schaffte“, so Larsen, der auch Augenzeuge war, als die afro-amerikanischen 200-Meter-Spitzenathleten Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung die geballte Faust als Zeichen der „Black-Power-Bewegung“ erhoben. „Sie wurden gleich nach Hause geschickt“, so der Apenrader, den die Demonstration der schwarzen Sportler schwer beeindruckt hat, es war im Jahr der Ermordung des berühmten US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King!

Zeuge des Überfalls auf israelische Sportler in München 1972

Unvergessen bleiben für ihn die Zusammenkünfte mit Sportstars und unbekannten Sportlerinnen und Sportlern aus aller Welt. Auch bei seinem weiteren Olympia-Auftritt vier Jahre später erlebte Gerd Larsen aufwühlende Geschehnisse. „Wir konnten im Olymischen Dorf in München von unserer Unterkunft bis zum Quartier der israelischen Sportler blicken, das am 5. September von palästinensischen Terroristen überfallen wurde“, berichtet er.

Das schreckliche Geschehen mit Erschießung von israelischen Sportlern beim Überfall und weiteren Todesopfern bei einem missglückten Befreiungsversuch habe alle Sportlerinnen und Sportler schockiert. Elf Israelis, ein deutscher Polizist und die fünf palästinensischen Geiselnehmer der Organisation Schwarzer September kamen ums Leben. „Ich war auch nach dem Scheitern einer Befreiung der Geiseln im Olympiastadion, als der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Avery Brundage, die Fortsetzung der Spiele bekannt gab.“

Gerd Larsen hat eine Reklameabbildung aufbewahrt: Sein Lauf in München 1972 schmückte die Werbung für Fernseher des deutschen Versandhauses Neckermann in vielen Illustrierten! Foto: Volker Heesch

„Ich war damals froh, dass ich meinen Lauf absolvieren konnte“, so Larsen, der den Wettkampf in München als sein größtes Geburtstagserlebnis in Erinnerung behält. Er hat an vielen weiteren Spotwettbewerben im In- und Ausland teilgenommen und auch nach dem Ende seiner Spitzensportlerzeit viele Volksläufe absolviert.

Staffellauf nach Estland

Zu den tollen Sporterlebnissen Gerd Larsens zählt seine Teilnahme am Staffellauf von Apenrade nach Tallinn in Estland im Jahre 1992. Hintergrund war die Beziehung Apenrades zur estnischen Hauptstadt, in der der Sage nach während eines Kreuzzugs des dänischen Königs Waldemar des Siegers 1219 am 15. Juni die Danebrog-Fahne vom Himmel gefallen ist – und den Dänen den Sieg über die Heiden brachte. Waldemar II. brachte, ebenfalls der Sage nach, den Danebrog in Apenrade in sein Heimatland, am Kongehoj, wohin im Mittelalter angeblich die Apenrader Förde reichte. „Wir Läufer wurden überall in den baltischen Staaten herzlich von der Bevölkerung empfangen“, so Gerd Larsen, der in seinem Sportlerleben bis heute vor allem auch die Freundschaften und Kameradschaft unter den Gleichgesinnten schätzt.

Gerd Larsen ist ständig im Einsatz, geht auch anderen Ruderinnen und Ruderern zur Hand. Foto: Volker Heesch

Er ist mit Rudererteams des ARV in vielen Ländern unterwegs gewesen. Gerne erinnert er sich auch an Vereinsveteranen wie Ingrid Brase, für die er gerne auch Helferdienste geleistet hat, als diese nicht mehr so mobil war. Larsen, der auch Mitglied im Aabenraa Roklub ist, ist fast jeden Tag auf dem Wasser. Aktuell benutzt er ein seetüchtiges Coastal-Boot, das auch für höheren Seegang tauglich ist. „Ich fühle mich heute als Teil der deutschen Minderheit in Nordschleswig“, so Larsen, der beruflich auf eine jahrzehntelange Tätigkeit als Lehrer an der Apenrader Rugkobbelskole zurückblickt, zweimal verheiratet war und sein sportliches Leben genießen will, so lange es nur geht.

100 Prozent Nordschleswiger

„Ich erzähle auch, dass ich 50 Prozent dänisch und 50 Prozent deutsch, aber 100 Prozent Nordschleswiger und Sønderjyde bin“, merkt Larsen schmunzelnd an. „An meinem Geburtstag bin ich in Hoyer“, berichtet er. Dort hat er sich ein Zimmer gemietet und plant ganz allein eine Rudertour auf dem Vereinsgewässer des Hoyeraner Rudervereins, der Wiedau.

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