Frauenhaus

„Es ist eine andere Art von Gewalt geworden“

„Es ist eine andere Art von Gewalt geworden“

„Es ist eine andere Art von Gewalt geworden“

Apenrade/Aabenraa
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Hausleiterin Hannelore Schütt Frederiksen (r.) im Gespräch mit zwei Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Foto: Karin Riggelsen

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Das Apenrader Frauenhaus existiert seit 35 Jahren. Seither hat sich vieles verändert – und bald soll es wieder eine große Veränderung geben. Die Leiterin und die Vorsitzende erzählen.

35 Jahre gibt es jetzt das Apenrader Frauenhaus. Seit dem Beginn hat sich viel getan. Das weiß Anne-Marie Vagnsø aus erster Hand, denn sie ist dort seit 22 Jahren als Freiwillige tätig. Seit einigen Jahren ist sie auch Vorsitzende des Hauses, das im Herzen Apenrades liegt und in einer alten Villa beheimatet ist.

In dieser Villa befindet sich das Frauenhaus. Fünf Frauen können dort gleichzeitig untergebracht werden. Zudem können dort zwei Freiwillige die Nacht verbringen. Foto: Karin Riggelsen

Viele Frauen, die von ihren Männern unter anderem geschlagen, gedemütigt oder missbraucht wurden, haben hier Hilfe gefunden, um in ein neues Leben zu starten.

Doch was hat sich in den Jahren seit der Gründung verändert?

Das Haus hat sich sichtbar verändert. Die Räume sind hell und luftig sowie den technischen Anforderungen der Zeit angepasst. Man ist mit der Zeit gegangen, auch bei der Verteilung der Zimmer im Haus sowie bei der Einrichtung.

Das Wohnzimmer ist erst kürzlich in das Erdgeschoss verlegt worden. Zuvor war es im ersten Stock, wo jetzt mehr Ruhe eingekehrt ist, denn direkt daneben liegen die Zimmer der Frauen. Foto: Karin Riggelsen
Einer der fünf Wohnräume Foto: Karin Riggelsen
Das Speisezimmer ist offen an die Küche angeschlossen. Hier treffen sich die im Haus lebenden Frauen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Freiwilligen zum gemeinsamen Frühstück und Abendbrot. Foto: Karin Riggelsen

Doch das ist nicht das, was Anne-Marie Vagnsø als besondere Veränderung wahrgenommen hat. „Die Gewalt, der die Frauen ausgesetzt sind, hat sich verändert. Es ist eine andere Art von Gewalt geworden“, sagt sie. „Als ich anfing, im Frauenhaus als Freiwillige zu arbeiten, war es vor allem die körperliche Gewalt, die sie zu uns trieb. Heute ist sie vielschichtiger geworden. Es gibt weiterhin auch die physische Gewalt, aber hinzugekommen sind verstärkt psychische Gewalt, finanzielle Bevormundung und nicht zuletzt die elektronische Gewalt durch neue Techniken und die sozialen Medien. Die machen es leicht, andere zu beleidigen, auch im großen Rahmen, und Menschen zu stalken.“

Sicherheit wird großgeschrieben

Deshalb sehen sie heutzutage auch häufiger Männer, die vor dem Haus stehen, weil sie dem Mobiltelefon der Frauen oder der Kinder folgen konnten, berichtet die Leiterin des Frauenhauses, Hannelore Schütt Frederiksen.

Trotzdem: Sicher ist es in dem Haus an der Bjerggade weiterhin, denn niemand kann ohne Weiteres hinein oder hinaus. Technische Lösungen und Überwachungskameras machen das fast unmöglich. Auch als Freiwillige hat sich Anne-Marie Vagnsø nie unsicher gefühlt, sagt sie.

Sie arbeitet im Frauenhaus, „weil ich anderen Frauen etwas geben kann. Besonders schön ist das, wenn wir uns wiedertreffen und ich sehen kann, wie es ihnen dann wieder gutgeht“, so die Vorsitzende.

Zu klein, zu eng und nicht zeitgemäß

Es gibt jedoch Herausforderungen, denn das Haus ist zu klein geworden. „Wir brauchen durch einen steigenden Bedarf mehr Zimmer, sodass wir mehr Frauen gleichzeitig aufnehmen können“, erklärt Leiterin Schütt Frederiksen. Zudem sei der Platz im Haus und im Garten sehr begrenzt, und mit zwei Badezimmern gebe es für heutige Verhältnisse zu wenig Möglichkeiten.

Schon vor zwei Jahren, als sie die Stelle übernahm, hat Hanne Frederiksen deshalb begonnen, nach einer Alternative zu suchen. „Ich dachte, ich frage mal bei der Kommune nach, ob es nicht ein anderes Gebäude gibt“, berichtet sie. Ein sehr naiver Gedanke, wie sich herausstellte, denn bisher konnte kein kommunales Gebäude gefunden werden, das die Voraussetzungen hat, um ein Frauenhaus zu werden.

Das Gebäude, in dem das Frauenhaus derzeit untergebracht ist, gehört übrigens auch der Kommune. Die Kosten, die entstehen, werden je zur Hälfte vom Staat und von der Kommune übernommen, aus der die aufgenommene Frau kommt.

Unerwartete Hilfe

Jetzt gibt es jedoch unerwartete Hilfe. Nach einem Gespräch mit dem früheren Bürgermeister Thomas Andresen (Venstre) hat der das Anliegen auch an Immobilienverwalter „Stenbjerg Ejendomme“, das sich im Besitz von Reeder und Stadtmäzen Hans Michael Jebsen befindet, weitergeleitet. Und dort ist Kevin Hertz hellhörig geworden, denn das Unternehmen hat im vergangenen Jahr das Anwesen „Vennelyst“ am Stolligvej 4 gekauft, das nach einem Brand unbewohnbar geworden war.

„Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, mit dem Gebäude auch Gutes zu tun. Das war ein Wunsch von Herrn Jebsen“, erklärt der Stenbjerg-Vermietungsleiter dem „Nordschleswiger“.

Wunschpartner gefunden

Der Wunsch scheint sich zu erfüllen. Nach ersten Gesprächen zwischen der Frauenhausleiterin und dem Immobilienverwaltungsunternehmen gibt es positive Stimmen von beiden Seiten: „Wir bekommen dort ein Haus mit viel Platz, das wir nach unseren Bedürfnissen einrichten können“, sagt Hanne Frederiksen, und Kevin Hertz fügt hinzu: „Wir haben ein schönes Plätzchen für Menschen, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat. Sie sollen einen neuen Start in einer guten Umgebung machen können.“

Viel Platz – auch im Garten

Neben einem geräumigeren Haus, in dem auch Platz für Ausstattung für den Neustart der Frauen ist, „gibt es auch einen großen Garten, in dem die Kinder und Jugendlichen, die mit ihren Müttern herkommen, auch mal Fußball spielen oder anderes machen können“, freut sich die Leiterin. Aktuell ist der Garten ein gepflasterter Innenhof, „so groß wie eine Briefmarke“, so beschreibt Frederiksen das Angebot im Freien. „Wenn wir Frauen haben, die das Haus nicht verlassen können, weil der Mann davor auf dem Bürgersteig wartet, dann kann es schnell sehr eng werden“, berichtet sie, und hofft, dass sich der Stadtrat für das Stenbjerg-Angebot entscheidet. Der soll sich nämlich bei einer kommenden Sitzung mit einem möglichen Umzug des Frauenhauses befassen.

Finanziell solle sich der Tausch machen lassen, ist Hanne Fredriksen überzeugt, denn die attraktive Immobilie an der Bjerggade könnte verkauft oder erneut vermietet werden, und die Umbauten im „Vennelyst“ trägt „Stenbjerg Ejendomme“. Zudem soll um Stiftungsmittel geworben werden.

Unterstützung von politischer Seite

Michael Christensen (Sozialistische Volkspartei, SF), der Vorsitzende des kommunalen Sozial- und Seniorenausschusses, ist von der Arbeit des Frauenhauses von tiefstem Herzen überzeugt. „Es gibt sonst niemanden, der diesen Frauen hilft. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Freiwilligen machen eine richtig gute und wichtige Arbeit und übernehmen in der Gesellschaft eine wichtige Funktion“, sagte er. „Und ohne die Freiwilligen wäre diese Arbeit gar nicht machbar, weil keiner sie bezahlen könnte“, fügt er hinzu. Er unterstützt den Wunsch nach einer anderen Bleibe für das Frauenhaus, „mit besserer Einrichtung und mehr Platz“, sagt er und freut sich, dass der Fall auch auf die politische Tagesordnung kommt.

Männer willkommen

Übrigens hat sich schon etwas verändert: Es gibt seit dem vergangenen Jahr auch Männer, die im Frauenhaus arbeiten. „Wir gehen mit der Zeit. Frauen und Kinder brauchen ein männliches Rollenmodell und müssen sehen, dass nicht alle Männer so sind, wie sie es erlebt haben“, erklärt die Frauenhausleiterin Hanne Frederiksen.

Krisencenter Apenrade (Frauenhaus)

Das Krisencenter bietet Frauen Hilfe an, die in ihrem Zuhause physischer und/oder psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Im Center können diese Frauen Zuflucht und Sicherheit finden, um ein neues Leben zu beginnen.

Das Center ist eine Wohngemeinschaft, in der die Frauen – auch mit ihren Kindern – für einen unbestimmten Zeitraum leben können.

Das Haus wird vorrangig von ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut. Es gibt derzeit (Stand Mai 2022) acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich fünf Dreiviertelstellen teilen. Dazu gehören unter anderem Pädagoginnen, Sozialratgeberinnen und Haushaltshilfen.

Die Leiterin ist fest angestellt.

Es gilt zum Schutz der Frauen für alle im Haus vollkommene Verschwiegenheit.

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