Deutsche in Dänemark

„Super! Läuft! Das mach ich!“ – Der Sonnenstrahl bei Sydtrafik

Gesche Picolin
Gesche Picolin Journalistin
Apenrade/Aabenraa
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Ute Andresen
Ute Andresen am Steuer „ihres“ Stadtbusses. Die gebürtige Hamburgerin lebt gern in Apenrade. Foto: Karin Riggelsen

Eine Hamburger Deern fährt in Apenrade die Stadtbusse. Wir waren auf Feierabendtour mit Ute Andresen am Steuer auf den Linien 3 und 4.

Busfahrerin Ute Andresen ist wohlbekannt bei Sydtrafik. In Apenrade fährt sie die Stadtbusse und ist immer für einen Schnack zu haben, gerne auch auf Deutsch. Wir durften sie, die alle nur „Ute“ nennen, als Passagierin nach Feierabend auf einer Tour mit Linie 3 nach Loit und mit Linie 4 durch Apenrade begleiten.

Sie freue sich auf die Weihnachtsfahrten, so die heute in Apenrade Ansässige. Die gut gelaunten Fahrgäste steigen ein, grüßen freundlich, machen ihre Tüten auf und zeigen ihre Einkäufe: „Guck mal, Ute!“

Die gebürtige Eimsbüttlerin war lange Jahre beim Hamburger Verkehrsverbund HVV angestellt. Wie kam sie auf die Idee, nach Dänemark zu kommen und in Apenrade zu arbeiten? Es ging 2008 damit los, dass die Tochter der Alleinerziehenden auszog. Die Hamburger Wohnung war nicht mehr die gleiche ohne die Tochter, und Ute stellte fest: Es musste noch einmal etwas Neues passieren in ihrem Leben.

In der Schweiz und in Dänemark wurden Busfahrer gesucht. Da entschied die Tochter: „Geh nach Dänemark, das ist dichter dran.“

Drei Monate Lehrgang in Kopenhagen

„Die Unterkunft und der Sprachkurs wurden bezahlt. Wir bekamen den Vertrag zugesichert. Da war für mich klar: Super! Läuft! Das mach ich!“ Ihr Chef beim HVV versprach, ihren Arbeitsplatz bereitzuhalten, sollte sie sich umentscheiden. Also versuchte Ute ihr Glück.

Die Wohnung gab sie auf, die Möbel lagerte sie ein. Sie ging mit weiteren 17 deutschen Fahrern für drei Monate in die dänische Hauptstadt. „Kopenhagen erinnert mich so an Hamburg“, schwärmt Andresen. Einige der Kollegen blieben und wurden beim dortigen Verkehrsbetrieb angestellt. Die übrigen gingen zu Arriva nach Aarhus.

Kein Heimweh mehr – aber Schwipptouren nach Flensburg

Heimweh nach Hamburg hat die sympathische Busfahrerin inzwischen keines mehr. Die in Apenrade Lebende gönnt sich mit ihrem Mann im Zweifel eine Schwipptour nach Flensburg, da gefällt es ihr auch. Doch dazu später mehr.

Ute fuhr von Aarhus nach Skanderborg, auch bis Horsens. Doch sie merkte, dass sie weiter musste, „... weiter nach oben“. Auf einem Betriebsfest empfahl ihr ein Kollege die nordjütischen Verkehrsbetriebe in Hobro. Sie bewarb sich und fuhr fortan in der Kommune Mariager. „Auf die Weise habe ich das Land kennengelernt.“

Wo sind die Radfahrer schlimmer, in Kopenhagen oder Aarhus? Die vorausschauende Verkehrsteilnehmerin zögert nicht lange: „In Aarhus sind die Radfahrer eine echte Gefahr. Du guckst in den Seitenspiegel und denkst, der ist noch einen Kilometer weg, und bums, ist der neben dir!“

Sie fährt heute Stadtbus – nur durch die großen Straßen. Das wundert sie bis heute. Aus Deutschland war sie es gewohnt, durch schmale Straßen zu navigieren. „Hier müssen alle Passagiere an die großen Wege kommen.“

Über Hobro nach Apenrade

„Ich bin dann in Hobro hängen geblieben. Da war es so schön. Ich fuhr zweimal die Woche Stadtbus und zweimal die Woche Schulbus.“ Die Kollegen seien so hilfsbereit. Tja, und einen von denen hat sie dann geheiratet. Die beiden zogen nach Apenrade, als sich dort eine Möglichkeit auftat. Heute fährt sie Stadtbus und ihr Mann den X-Bus. Ein gemeinsames Hobby ist das Motorradfahren.

Ute hört gern die deutschen Nachrichten auf skala fm, die der Nordschleswiger produziert, an ihrem mobilen Arbeitsplatz. Doch sie räumt auch ein: „Je länger ich hier lebe, umso schlechter ist mein Deutsch geworden.“ Besonders ihre Tochter, inzwischen selbst Mama, moniere das.

„Dass hier so viele Nationalitäten zusammenleben. Das gefällt mir so gut.“

Ute Andresen kennt viele ihrer Fahrgäste persönlich. Wer in ihren Bus steigt, wird freundlich begrüßt. So erfährt Ute aus erster Hand, wie es mit der Genesung der alten Tante geht. Sie bekommt Kochrezepte zugesteckt und andere brauchbare Tipps. Sehr gerne fährt sie durch Hohe Kolstrup.

Da kennt sie jedes Kind und umgekehrt. „Dass hier so viele Nationalitäten zusammenleben. Das gefällt mir so gut.“ Doch das Persönliche kann auch extrem schmerzen. Ute kannte die beiden syrischen Mädchen, die Ende Oktober 2016 mit der Mutter in Apenrade ermordet wurden. „Zwei Wochen vor ihrem Tod fuhren sie – wie immer – in meinem Bus von der Schule nach Haus. Sie stiegen aus und stellten sich wie immer auf den Bürgersteig, um mir zu winken. Wusch – fuhr ein Mofafahrer vorbei und erwischte die eine der Schwestern.“ Das war ein Schock für Ute Andresen. Und 14 Tage später waren die Mädchen nicht mehr am Leben.

Zum Weihnachtseinkauf mit dem Bus

Die Kollegen bei Sydtrafik halten zusammen, sie frühstücken gemeinsam, sie feiern zusammen. Es herrscht ein gutes Betriebsklima. Was war ihr schönstes Weihnachtserlebnis als Busfahrerin? Das schönste Weihnachtserlebnis hatte Ute im vergangenen Jahr: „Vier Damen stiegen in Apenrade in meinen Bus. Die hatten schon leicht ,einen im Tee’. Sie begannen Weihnachtslieder zu singen, und bis sie in Rothenkrug ausstiegen, sang dann der gesamte Bus mit.“

Wenn es nach Ute ginge, würden alle ihre Weihnachtseinkäufe stressfrei mit dem öffentlichen Personennahverkehr erledigen. „Das ist doch so viel entspannter als mit dem Wagen.“

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Eine Chance für DR“