Literatur

„Die Welt ist nicht in Ordnung“

Helge Möller
Helge Möller Journalist
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Helge Möller

Wladimir Kaminer ist privat Russe und von Beruf deutscher Schriftsteller, der seine Mitmenschen sehr genau beobachtet und dabei Skurriles entdeckt, aufschreibt und vorliest – wie am Mittwochabend im Haus Nordschleswig.

„Die Welt ist nicht in Ordnung“, weiß Wladimir Kaminer, der vor bald 30 Jahren nach Deutschland kam, damals, als die DDR sich langsam von der Bildfläche verabschiedete. Er blieb privat Russe, organisierte die legendäre „Russendisko“ und wurde von Beruf ein deutscher Schriftsteller, wie er selbst sagt. Dieser Schriftsteller las am Mittwochabend auf Einladung der Literatur AG des BDN und der Deutschen Zentralbücherei Apenrade im Haus Nordschleswig aus seinen Büchern und aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript.Und weil diese Welt nicht in Ordnung ist, schickte ihn sein Navigationsgerät auch nicht direkt in die Apenrader Westerstraße. Die mehr als 100 Zuschauer nahmen die Verspätung gelassen und versorgten sich mit Getränken. Als Wladimir Kaminer kam, hatte er mit dem Spruch: „Ich bin an jedem Ort richtig, nur war ich gerade am falschen richtigen Ort!“ das Publikum sofort auf seiner Seite. Und nicht nur das. Kaminer mag es, das Publikum einzubeziehen und geht auf dessen Wünsche und Fragen ein. Die Nordschleswiger nutzten die Chance.

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Nie boshaft, wohl aber ironisch

Die Welt ist nicht in Ordnung, und Wladimir Kaminer schaut hin, beobachtet die Menschen und schreibt auf, welche skurrilen Ereignisse sich ergeben, wenn verschiedene Kulturen aufeinanderprallen. Dabei ist er nie boshaft, wohl aber ironisch, es macht Spaß, ihm zuzuhören, wie er über sich, seine Kinder, seine Frau und Begegnungen mit Fremden erzählt, die er gekonnt im unverwechselbaren Kaminer-Stil aufbereitet. Und dann kommen diese kurzen Feststellungen, die im Ohr bleiben, wie etwa die Bemerkung seiner Frau, die aus einer sehr kalten Ecke Russlands kommt: „Schnee ist Faschismus der Natur.“ Oder diese hier: „Je schlechter das Festland, desto größer die Schiffe.“

Letztere Feststellung traf er, als er aus dem Manuskript vorlas, das von Kreuzfahrten handelt. Er selbst war mit seiner Frau auf eine solche Fahrt gegangen. Dort las er aus seinen Büchern und erkannte, dass die Griechen, die die landeseigenen touristischen Höhepunkte betreuen, meist gar keine Griechen sind, sondern Russen, Syrer oder sogar Deutsche. Denn die Menschen sind auf der Flucht – die einen, weil sie wollen, beispielsweise die Kreuzfahrer, die anderen, weil sie müssen. Über Letztere hatte Kaminer in seinem im März erschienen Buch „Ausgerechnet Deutschland: Geschichten unserer neuen Nachbarn“ geschrieben.

Bevor Wladimir Kaminer nach einem Smørrebrød ins Hotel auf der Halbinsel Loit fuhr, machte sein nordschleswigsches Publikum regen Gebrauch vom Angebot, Fragen zu stellen, beispielsweise die, warum er von Russland nach Deutschland gekommen sei. „Der Staat wollte uns erziehen“ – das kam bei ihm und seinen Freunden nicht gut an, sie nutzten die Chance, die sich 1990 bot, den Westen kennenzulernen. Auf die politische Situation seiner Heimat angesprochen sagte er: „Es ist eine Tragödie, aber ich bin ein Optimist.“

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