Kommentar

„Die Königin hat gesprochen“

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Königin Margrethe II. hat eine beeindruckende Neujahrsansprache gehalten, meint Cornelius von Tiedemann. Sie habe den Finger am dänischen Puls und verstehe es, die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu finden. Allein an der Wirkungskraft ihrer Rede seien Zweifel angebracht.

Mit der Neujahrsansprache der Königin ist es ein wenig so, wie mit dem Horoskop: Jeder findet etwas darin, das passt. Einen entscheidenden Unterschied gibt es aber: Wenn Königin Margrethe II. sich an ihr Volk wendet, ist das, was sie sagt, nie trivial.

So auch dieses Jahr. Ganz besonders dieses Jahr. Ob Royalist oder Republikaner: Vor der Redekunst der Königin müssen alle ihren Hut ziehen. Dass sie etwa die Kinder im Lande ganz direkt ansprach, dürfte allen nahe gegangen sein. „Es ist nicht wichtig, wie du aussiehst oder was du erreicht hast, sondern wer du bist und wie du anderen gegenüber bist.“

Verdichtet in einem Satz sagt die Königin hier so gut wie alles, was es für die Ausbildung einer gesunden Persönlichkeit zu beachten gilt. Glaubwürdige Lebens- und Erziehungsweisheiten einer Frau sind das, die selbst eine der wohl schwierigsten, weil öffentlich aufmerksam verfolgten, Mutter-Jobs Dänemarks zu meistern hatte.

Mit diesem Satz mahnt sie nicht nur – sie baut auch auf. Jene Kinder (und Erwachsenen), die nicht zu sehr auf bloße Äußerlichkeiten achten, jene, die sich um Redlichkeit bemühen auch in Zeiten und Situationen, in denen Schein mehr zu zählen scheint als Sein.

Es seien, so die Königin, „die Wurzeln unserer Gesellschaft“, Respekt vor den Mitmenschen zu haben und einander Vertrauen zu zeigen. Damit bezieht sich die Königin auf große Betrügereien, die im vergangenen Jahr Schlagzeilen machten. Sie spricht aber auch vom Alltag, in dem sich Eltern oder Partner hinter Bildschirmen verschanzen und dort den inneren Schweinehund herauslassen, anstatt für einander da zu sein, anstatt menschliche Nähe zu zeigen.

Als Kritik an der technologischen Entwicklung ist diese Mahnung unterdessen kaum zu verstehen. Schließlich lässt es sich auch hinter einer Zeitung aus Papier oder dem Fernsehgerät vortrefflich abtauchen, schließlich hebt sie die umwelttechnischen Innovationen, auch dies bemerkenswert, an späterer Stelle hervor.

Es geht der Königin darum, dass der Umgang miteinander im Allgemeinen verroht und das dies in den sozialen Netzwerken ihren schriftlich festgehaltenen Ausdruck findet.

Wie gesagt, die Königin mahnt nicht nur, sie gibt auch Ratschläge, wie es anders gehen könnte. Nachdenken, zuhören, verstehen – das seien die Voraussetzungen für eine gesunde (Streit-) Kultur, meint sie.

Ja, es ist wieder einmal so einiges dabei gewesen, was gepasst hat in der Neujahrsansprache der Königin. Wie gesagt nicht, weil es triviale Allgemeinplätze sind, die sie äußert – sondern weil sie ihren Finger am dänischen Puls hat. Zu alt, zu unmodern? Margrethe zeigt erneut, was in ihr – und in so vielen „Alten“ im Lande an Kraft steckt.

Davon, dass die Menschen das, was sie am Silvesterabend 2018 von Königin Margrethe II. zu hören bekommen haben, 2019 auch umsetzen werden, ist derweil leider nicht auszugehen. Das war in den vergangenen Jahren jedenfalls nicht zu spüren.

Auch wenn die meisten Menschen in Dänemark ihre Königin lieben und ihre Ansprachen zelebrieren – spätestens am Mittwoch hat uns alle der Alltag mit Facebook, quengelnden Kindern, neuen Sonderangeboten und eiligst zu kommentierenden Nachrichten von Skandalen und Skandälchen wieder.

Mehr lesen

Leserbrief

„Zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit“

Rasmus Andresen und Peter Westermann

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Freiwillige professionell führen“