Wort zum Sonntag

„Das Wort zum Sonntag, 3. Oktober 2021“

Das Wort zum Sonntag, 3. Oktober 2021

Das Wort zum Sonntag, 3. Oktober 2021

Pastor Axel Bargheer, Kopenhagen
Axel Bargheer
Nordschleswig
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Das Wort zum Sonntag, 3. Oktober 2021, von Pastor Axel Bargheer, Deutsch Reformierte Gemeinde Kopenhagen

Kaffee to go

Vor ein paar Jahren schenkte mir meine Tochter einen wiederverwendbaren Kaffee-to-go-Becher. Sie kamen damals auf den Markt, als man sich bewusst wurde, welch irrsinnige Mengen Müll mit den Einweg-Kaffeebechern produziert wird.

Ich benutze den Becher allerdings fast nur im Urlaub: dann nämlich, wenn ich morgens vor dem Frühstück vom Sommerhaus an den See fahre. Nach meinem frühen Bad setze ich mich dann gerne auf eine Bank und genieße dort den warmen Kaffee, den ich mir zuvor aufgebrüht habe – mit Blick auf den See, der immer der gleiche und doch jeden Tag anders ist, und vor allem mit ganz viel Ruhe.

Für mich ist dieser Kaffee-to-go-Becher also geradezu ein Symbol für Urlaub und entspannte Momente, vielleicht sogar für die Freude am Leben und für Zufriedenheit.

Wenn ich dann allerdings die Leute sehe, die hier in der Stadt mit solch einem Becher in der Hand durch die Straßen gehen oder in der U-Bahn sitzen, dann ist offensichtlich, dass der Becher für sie etwas anderes bedeutet. Das, was ich im Urlaub als Moment der Ruhe empfinde, ist für andere nur eine Fußnote im hektischen Alltag: eben nicht das Luftholen zwischendurch, sondern ein kaum wichtiges Element eines durchgetakteten Tages.

Ich bin weit davon entfernt, dieses zu verurteilen, ich kenne die Gründe für diese Geschäftigkeit meistens nicht. Aber ich merke, wie die gleichen Dinge in verschiedenen Kontexten Unterschiedliches bedeuten oder ausdrücken. Manchmal gehören sie sogar zu gegensätzlichen Sphären meines Lebens.

Und dann frage ich mich, der ich auch hektisch sein kann: Wie viel von dem, was mein Leben beschleunigt, verursache ich selbst? Und wie gehe ich mit dem um, was von außen kommt und den Druck auf meine Tage erhöht?

Beim Kaffeebecher wird mir bewusst, dass ich entscheide, ob er Teil meines hektischen Lebens oder Teil der notwendigen Ruhe ist. Kann ich das nicht auch an vieles anderen Stellen? Oder anders gefragt, sollte ich nicht versuchen, solche Entscheidungen wieder in die eigene Hand zu bekommen? Wir haben doch Alternativen, wollen wir sie auch ergreifen?

Vor vielen Jahren habe ich in der Urlauberseelsorge gearbeitet, seitdem begleitet mich ein kluger Satz aus dem Alten Testament, den ich gern zitiere, an den ich mich aber vor allem auch immer wieder selbst erinnern lassen muss: „Besser eine Hand voll Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“

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