Wort zum Sonntag

„Das Wort zum Sonntag, 29. November 2020 / 1. Advent“

Das Wort zum Sonntag, 29. November 2020 / 1. Advent

Das Wort zum Sonntag, 29. November 2020 / 1. Advent

Hauptpastorin Dr. Rajah Scheepers der Sankt Petri Kirche, Die deutschsprachige Gemeinde in der Dänischen Volkskirche
Rajah Scheepers
Nordschleswig
Zuletzt aktualisiert um:
Foto: Adobe Stock

Das Wort zum Sonntag, 29. November 2020 / 1. Advent, von Rajah Scheepers, Hauptpastorin der Sankt Petri Kirche in Kopenhagen

Vieles von dem, was für Menschen in Dänemark sich mit Advent und Weihnachten verbindet, ist deutscher Herkunft: der Adventskranz, die Weihnachtsmärkte, das „Weihnachtsoratorium“ von Bach, ja, selbst der Weihnachtsbaum. Ich liebe die Adventszeit. Nur, dass sie immer viel zu kurz ist, das stört mich seit Jahren. Mir kommt es stets so vor, als hätten wir gerade die erste Kerze am Kranz angezündet, das erste Türchen am Adventskalender geöffnet – und schon ist wieder, viel zu früh, Weihnachten.

In diesem Jahr liegt ein Schatten über der Adventszeit und über Weihnachten. Viele Menschen sind gestorben in diesem Jahr und wir fragen uns, wie wir Weihnachten feiern können und dürfen. Welche Verwandten können und wollen wir sehen, ohne dass damit ein gesundheitliches Risiko verbunden wäre? Für mich als Pastorin gehört beides zum Leben – das Leben selbst und die Feier des Lebens, ebenso wie die Endlichkeit des Lebens. Ich liebe es, in der Adventszeit mich mit Millionen anderer Menschen darauf einzustimmen, dass an Weihnachten eines der größten Wunder der Menschheitsgeschichte geschieht, nämlich dass Gott Mensch wird. Ich liebe es, voller adventlicher Vorfreude mit meinen Kindern Plätzchen zu backen, geheimnisvolle Türchen zu öffnen und über Weihnachtsmärkte zu schlendern. Den Duft und Geschmack von Weihnachten mit allen Sinnen zu erleben.

Doch dieses Wunder bekommt für mich seine Tiefe durch die Gefährdung und das Endliche des Lebens. Weil ich weiß, dass unser Leben auf dieser Welt eines Tages endet, und es meine Aufgabe als Pastorin ist, darüber und über die uns verheißene Auferstehung zu predigen, genieße ich das Leben und erfreue mich jeden Tag daran. Denn niemand weiß ja, wann es enden wird. Als wir in der Adventszeit vor drei Jahren als Familie alle Fünf nach der Oper „Hänsel und Gretel“ nach Hause fuhren, waren wir nur wenige hundert Meter und Minuten von dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche entfernt. Was wäre gewesen, wenn wir noch spontan dorthin gegangen wären? Ebenso macht uns die Pandemie darauf aufmerksam, wie kostbar unser Leben ist und welch große Verantwortung wir füreinander tragen.

Das Leben ist kostbar und jeder Tag ein Geschenk. Daran erinnert uns der Adventskranz, den der Hamburger Pastor Johann Hinrich Wichern vor knapp 200 Jahren erfand, um den Kindern so das Zählen beizubringen und für die armen Straßenkinder, die er betreute, die Zeit auf Weihnachten zu verkürzen. Ich freue mich, dass es hier in Dänemark so viele schöne Traditionen deutschen Ursprunges gibt. Gerade in diesen Zeiten vermitteln sie uns Halt, Trost und Geborgenheit. Unabhängig davon, welcher Herkunft wir sind oder welche Sprache unsere Muttersprache ist. Sie verbinden uns miteinander und mit Gott.

Eine gesegnete Adventszeit, Eure Rajah Scheepers

Mehr lesen

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Die Verbindung lebt“

Wort zum Sonntag

Anke Krauskopf
Anke Krauskopf
„Das Wort zum Sonntag, 24. Januar 2021“