Wort zum Sonntag

„Das Wort zum Sonntag, 21. Februar 2021“

Das Wort zum Sonntag, 21. Februar 2021

Das Wort zum Sonntag, 21. Februar 2021

Pastor Martin Witte
Martin Witte
Nordschleswig
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Foto: Adobe Stock

Das Wort zum Sonntag, 21. Februar 2021 von Martin Witte, Pastor im Pfarrbereich Süderwilstrup

Und führe uns nicht in Versuchung …

Sollte ich einmal nach Brüssel kommen, möchte ich unbedingt im Königlichen Museum der Schönen Künste das Original eines Gemäldes aufspüren, das mich seit Langem fasziniert: „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus" (verm. v. P. Bruegel d. Ä.). Auf den ersten Blick strahlt das Bild eine große Ruhe aus: Ein Bauer pflügt sein Feld, ein Schäfer träumt vor sich hin, wunderschöne Koggen ziehen durch eine felsige Bucht hinaus aufs Meer, und ein Angler sitzt am Ufer.

Plötzlich sieht man ihn, den ertrinkenden Ikarus. Nur seine Beine ragen noch aus dem Wasser. Mit der besinnlichen Betrachter-Ruhe ist es vorbei.

Die Sehnsucht nach Freiheit und die Überzeugung, selbst wie ein Vogel fliegen zu können waren so groß, dass Dädalus und sein Sohn Ikarus es eines Tages wagten, mit selbst gebauten Flügeln abzuheben. Ikarus wollte dann auch gleich bis zur Sonne. Sein Vater hatte genau davor gewarnt. Da schmolz das Wachs an seinen Flügeln, und er stürzte ab. Die Versuchung, bis ans Äußerste zu gehen und den Göttern zu gleichen wurde Ikarus zum Verhängnis.

Der kommende Sonntag Invokavit lädt mit seinen spannenden Bibelgeschichten auch zu einer Wanderung durch eine Gemäldegalerie ein. Wie von selbst entwirft unsere Fantasie großartige Bilder, wenn wir lesen, wie Eva, verführt von der Schlange, ihrem Adam die verbotene Frucht reicht, um allwissend zu werden wie Gott. Oder wenn der Versucher auf einer Klippe Jesus zuflüstert: „Bete mich an und Du wirst alle Macht haben!"

Es geht um die großen Versuchungen unseres Lebens. Die Sündenfall-Geschichte ist für mich ein Mythos aus der „Kinderstube der Menschheit". Wie ein Kind, so muss auch die Menschheit wachsen und forschen, Grenzen überschreiten und Neues entdecken. Wir Menschen sind kreativ, wissensdurstig und erfinderisch beschaffen. Und doch kann grenzenloses Streben richtig böse enden, wenn das Wohl aller und der Erhalt der Schöpfung aus dem Blick geraten und wenn die Ehrfurcht vor dem Leben (anderer) an Bedeutsamkeit verliert. Die Geschichte von der Versuchung Jesu warnt heute davor, aus unbändigem Machtstreben heraus ein friedliches, freies und demokratisches Miteinander zu verhindern oder zu zerstören.

„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!" So beten wir deshalb im Vaterunser. Aber Träume verwirklichen, die das eigene Leben und das Leben unserer Mitmenschen erfüllen und bereichern, das möchte uns der christliche Glaube nicht verwehren, sicher auch Gott nicht.

Er hat uns seinen guten Geist mitgegeben, sodass wir mitfühlend, aufmerksam und zuwendend sein können, vielseitig und stark genug, um ein freundliches Miteinander leben zu können in seiner Schöpfung. Doch mitunter braucht es das Einhalten von Grenzen, auch, um nicht im Gewühl des Lebens zu „ertrinken".

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