Wort zum Sonntag

„Das Wort zum Sonntag, 2. Januar 2022“

Das Wort zum Sonntag, 2. Januar 2022

Das Wort zum Sonntag, 2. Januar 2022

Pastor Axel Bargheer, Kopenhagen
Axel Bargheer
Nordschleswig
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Das Wort zum Sonntag, 2. Januar 2022, von Pastor Axel Bargheer, Deutsch Reformierte Gemeinde Kopenhagen

Frösche im Milchtopf

Auf der Suche nach etwas Essbarem stoßen drei Frösche in einer Speisekammer auf einen Topf mit frischer Milch, der zum Abrahmen aufgestellt war, und springen begeistert hinein. So erzählt es eine bekannte Fabel. Erst als sie in der Milch schwimmen, bemerken sie, dass sie an den glatten Wänden des Topfes nicht wieder hinausklettern können.

Der erste der Frösche sieht sein Ende gekommen: Wir sind verloren und nichts kann uns retten. Alle Anstrengung ist vergeblich. Er gibt resigniert auf, sinkt zu Boden und ertrinkt. Der zweite bleibt ganz ruhig: Keine Sorge, das kann nicht das Ende sein. Irgendwie wird es schon gut werden, immerhin habe wir genug zu essen. Irgendeine höhere Macht oder ein glücklicher Zufall wird uns schon retten. Er schlägt sich also den Bauch voll und wartet auf Rettung. Davon wird er träge und unbeweglich und sinkt schließlich ebenfalls tot zu Boden. Der dritte Frosch erkennt die schwierige Lage; er sieht die Lebensgefahr und schlägt sich weder auf die „Alles-verloren“- noch auf die „Wird-schon“-Seite. Stattdessen strampelt er mit seinen kräftigen Beinen und gibt nicht auf. Irgendwann wird die Milch zu Butter. Seine Füße finden Halt, und er kann aus dem Topf springen.

Und wo stehen wir jetzt kurz vor diesem Jahreswechsel? Uns geht es nach objektiven Kriterien besser als den Generationen vor uns und auch den Menschen in anderen Teilen dieser Erde. Gleichzeitig sind wir mit Problemen konfrontiert, die den Verstand des Einzelnen überfordern. Weltweite Krisen haben unseren Fortschrittsglauben und Zukunftsoptimismus erschüttert.

Wird alles den Bach hinuntergehen oder wird doch alles „irgendwie gut“? Manchmal ist der Glaube an Wachstum, Fortschritt und immer neue Technologien ungebrochen, aber dann sehen wir wieder neue Probleme und Ambivalenzen. Vor allem: Gibt es noch eine positive Erzählung für die menschliche Zukunft – oder auch für meine persönliche Zukunft, die mehr umfasst als den nächsten Sommerurlaub?

Ich kann die sich ausbreitende Verunsicherung verstehen, aber zwischen Resignation und „Das wird schon“-Optimismus muss es dort noch einen dritten Weg, einen Weg der Zuversicht, geben. Eine Haltung, die nach vorne blickt, die weiß, wohin sie möchte, und auf das hofft, was sie noch nicht sieht. Dieses Vertrauen wird belohnt werden, denn es befreit aus der Untätigkeit und zeigt Perspektiven auf, die aus der Enge hinausführen.

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