Wort zum Sonntag

„Das Wort zum Sonntag, 13. Juni 2021“

Das Wort zum Sonntag, 13. Juni 2021

Das Wort zum Sonntag, 13. Juni 2021

Hauptpastorin Dr. Rajah Scheepers der Sankt Petri Kirche, Die deutschsprachige Gemeinde in der Dänischen Volkskirche
Rajah Scheepers
Nordschleswig/Kopenhagen
Zuletzt aktualisiert um:
Foto: Adobe Stock

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Das Wort zum Sonntag, 13. Juni 2021, von Rajah Scheepers, Hauptpastorin der Sankt Petri Kirche in Kopenhagen.

Von Brücken und Wundern - EM 2021 aus Kopenhagener Perspektive

Mit Dänemark verbindet man in Deutschland wohl in erster Linie die schmachvolle 0:2-Niederlage im EM-Finale 1992. Franz Beckenbauers legendäre Prophezeiung, Deutschland werde auf Jahre hinaus unschlagbar sein, wurde spätestens an jenem Abend in Stockholm für alle sichtbar widerlegt. Überhaupt hat die dänische Nationalmannschaft in ihrer Geschichte immer wieder überraschende Glanzpunkte gesetzt und damit einen Mythos kreiert: Danish Dynamite steht für attraktiven Offensivfußball und die Lust am Tore schießen.

Am Sonnabend, 2. Juni, findet in Kopenhagen das erste Spiel der dänischen Nationalmannschaft in dieser EM während einer Pandemie statt.

Drei Dinge fallen einem bei dieser Europameisterschaft sofort ins Auge: Spätere Generationen werden sich möglicherweise wundern, warum auf dem Logo der EM 2021 "EM 2020" steht. Denn natürlich gibt ein Datum an, wann etwas stattgefunden hat - das ist ja der Sinn eines Datums. Und noch etwas Zweites ist ganz besonders an dieser EM: Sie findet zum ersten Mal in elf verschiedenen Ländern gleichzeitig statt. Eine Bedingung, um Austragungsort sein zu dürfen, war die Erlaubnis von Zuschauern. Natürlich stieß dies auf Kritik. Der offizielle Spielball zur EM 2021 heißt übrigens „Uniforia": zusammen gesetzt aus „unity“ (Einheit) und „euphoria“ (Euphorie). Und Drittens: Jede Stadt hat ihr eigenes Logo für die EM, auf dem stets eine Brücke ist. Unser Logo in Kopenhagen zeigt eine der vielen Brücken, die ich liebe. Die Cirkelbroen (deutsch: Kreisbrücke) ist eine von Olafur Eliasson entworfene Fußgängerbrücke, die 2015 eröffnet wurde. Jeden Tag laufen und radeln ca. 5.000 Menschen über die Brücke. Die Cirkelbroen ist 40 Meter lang und hat ihren Namen von den fünf kreisförmigen Plattformen, von denen jede ihren eigenen Mast hat. Entworfen hat die eigenwillige Konstruktion der in Berlin und Kopenhagen lebende dänische Künstler Olafur Elíasson. „Als ich die Brücke entwarf, erinnerte ich mich an die Fischerboote, die ich in Island als Kind gesehen hatte“, sagte Elíasson. „Im Hafen waren die Boote jeweils so nah nebeneinander vertäut, dass es manchmal schien, als ob man über sie hinweg, von der einen Seite des Hafens auf die andere gelangen könnte.“ Er wünscht sich, dass das Zickzack-Design der Brücke den Gang der Menschen verlangsamt und sie dazu bringt, einen kurzen Moment innezuhalten. Die Cirkelbroen ist Teil eines viel größeren Kreises, der als Fußgänger- und Fahrradweg durch den Hafen unserer Stadt führt. Damit die Schifffahrt im Hafen nicht behindert wird, lassen sich die beiden mittleren Plattformen der Kreisbrücke bewegen. So entsteht eine 9 m breite Durchfahrt. Kleinere Schiffe und die beliebten Kajaks passen problemlos auch so unter den Plattformen hindurch. Auch ich liebe diese Brücke und fahre dort gerne mit dem Fahrrad entlang, während mir der Wind um die Nase pfeift.

Ich finde es schön, dass diese EM uns alle miteinander verbindet, so wie viele kleine Brücken. Die Stadt Kopenhagen hat sich in den letzten Jahrzehnten neu erfunden. Wer Kopenhagen noch aus den Olsen-Bande-Filmen kennt, erinnert eine ziemlich heruntergekommene Industriestadt, die auch einen Hafen hat. Wer heute durch Kopenhagen radelt, paddelt oder spaziert, erlebt eine Stadt, die sich mit dem Wasser verbunden hat, und sich so zu einer neuen Einheit transformiert hat.

Von dieser EM erhoffe ich mir das Gleiche: Dass wir uns in Europa und in der Welt am Ende dieser Pandemie neu erfinden, um uns neu miteinander zu verbinden, und die Welt zu einer besseren und gerechteren Welt machen. Und übrigens dürfen erstmalig bei dieser EM auch Frauen aktiv mit an Bord sein: Jedenfalls eine Frau darf als Schiedsrichterin pfeifen, Stéphanie Frappart - wenn das kein Zeichen der Hoffnung ist.

Und hier in Dänemark hofft man natürlich, dass sich das Wunder von 1992 wiederholt. Damals rückte Dänemark für das wegen der Balkankriege ausgeschlossene Jugoslawien nach – und holte völlig überraschend den Titel. Im Finale der EM besiegte damals Dänemark in Schweden Deutschland. Was heute für Dänemark spricht? Die Mannschaft hat den großen Vorteil, voraussichtlich alle drei Gruppenspiele in Gruppe B der Vorrunde in Kopenhagen austragen zu dürfen und spielt hier gegen Finnland, Russland und Belgien. Der Heimvorteil könnte sich auszahlen, schließlich ist Dänemark seit 2016 in Pflichtspielen zu Hause ungeschlagen.

Kein Wunder, bei dieser schönen, dynamischen Stadt!

Mehr lesen

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Ahlers adieu“

Leserbrief

Martin B. Christiansen
„Ausnahmeerscheinungen selbstständig beurteilen“