Wort zum Sonntag

„Unsere Standardeinstellung“

Unsere Standardeinstellung

Unsere Standardeinstellung

Pastor Axel Bargheer, Kopenhagen
Axel Bargheer
Nordschleswig
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Das Wort zum Sonntag, 27. Oktober 2019

Mit etwa 70 Menschen sitzen wir in einer alten Kirche und hören einen Vortrag; es geht um ein kirchengeschichtliches Thema. Einige Plätze neben mir sitzt jemand, der auf sein Smartphone sieht und offenbar eine Nachricht schreibt.

So etwas kann mich aufregen! Ist das nicht einfach respektlos? Doch schon merke ich, dass ich selbst in die Falle getappt bin. Was gibt mir das Recht, so zu urteilen? Kenne ich den Grund, warum er auf sein Telefon sieht? Vielleicht ist seine Tochter mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus gekommen und nun hat ihm seine Frau eine Nachricht geschrieben. Können wir nicht verstehen, dass er wissen will, wie es dem Kind geht?

Ich weiß es nicht, ob es so ist. Vielleicht gibt es einen anderen dringenden Grund, jetzt das Smartphone zu benutzen. Aber vielleicht ist es auch einfach schlechtes Benehmen.
Was mich nachdenklich macht, ist meine eigene Reaktion. Ich sehe etwas, und ich fälle ein Urteil. Dabei kann ich gar nicht sicher sein, dass ich die Fakten kenne. Was gibt mir also das Recht zu verurteilen! Sicherlich gibt es eindeutigere Situationen: Wenn ein Autofahrer mit über 100 auf der Autobahn fährt und dabei etwas in sein Telefon eintippt, dann ist das verantwortungslos, lebensgefährlich und nicht okay.

Aber geschieht es nicht viel öfter, dass ich dann meine, im Recht zu sein und andere kritisieren zu dürfen - weil ich meine Position einfach für die richtige halte und nicht weiter nachdenke?
Doch das ist nur die Standardeinstellung, mit der wir auf die Welt gekommen sind: zuerst halten wir uns für den Mittelpunkt des Universums - und benehmen uns auch so. Aber je älter wir werden, desto mehr können wir erkennen, wie kurzsichtig diese Sichtweise ist. Es ist ein Akt der Freiheit, seine Grenzen zu erkennen und eigenen Positionen zu überprüfen und zu verändern. Und es beweist Übersicht, wenn ich die Sichtweise der anderen zu verstehen versuche. Dazu gehört Nachsicht, Geduld und wohl auch die Bereitschaft, Opfer zu bringen. Früher nannte man das Sanftmut, heute passt es wohl nicht zu dem aufgeblasenen Selbstbewusstsein, das sich selbst immer im Recht fühlt und andere belehrt und beurteilt.

Wir erinnern uns an Situationen, wo wir selbst rechthaberisch waren und wider besseres Wissen mit dem Kopf durch die Wand wollten. Aber es gibt Situationen, wo es ein NEIN ohne JA geben muss. Um dann überzeugend zu sein, sollten alle meine Entscheidungen und Aussagen klug überlegt und nicht egoistisch sind. Meine ich-bezogene Standardeinstellung kann ich ändern, es wird mich freier machen. Ich habe große Zweifel, dass sich die Lauten und die Besserwisser wirklich frei fühlen.

Das passt zu dem, was Jesus den Seinen mit auf den Weg gibt: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen.“ (Bergpredigt Jesu, Mt 5,5)

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