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„Roma-Schicksale: Verfolgt, vertrieben, vergiftet“

Roma-Schicksale: Verfolgt, vertrieben, vergiftet

Roma-Schicksale: Verfolgt, vertrieben, vergiftet

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Berlin/Brüssel
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Vor mehr als zwei Jahrzehnten wurden bedrohte Roma im Kosovo von der UN auf einer durch Blei verseuchten Müllhalde untergebracht. Bis heute warten die Opfer auf Entschädigung.

Es ist der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zu verdanken, dass das traurige Schicksal von den Roma und Aschkali sowie „Balkan-Ägyptern“, die nach dem Ende des Kosovo-Krieges 1999 ihre Heimat in Mitrovica im Norden des Kosovos fluchtartig verlassen mussten, nicht vergessen wird. Die Vereinten Nationen hatten sie trotz eindringlicher Warnungen vor gesundheitlichen Risiken in Flüchtlingslager auf dem Trepča Minenkomplex untergebracht. Geplant war eine kurzzeitige Unterbringung. Die letzten Roma verließen das giftverseuchte Camp erst 2013.

Zum Hintergrund

1998-99 hatte die Armee Serbiens über eine Million Kosovo-Albaner vertrieben und zu Flüchtlingen gemacht. Die Nato intervenierte militärisch und beendete den drohenden Völkermord. Nach dem Abzug der serbischen Truppen wurden vor allem Roma, Aschkali und „Balkan-Ägypter“ von nationalistischen und rassistischen Kosovo-Albanern angegriffen und mussten um ihr Leben fürchten. Die GfbV dokumentierte damals akribisch die Verbrechen: „Sie verbrannten und zerstörten 14.000 von 19.000 ihrer Häuser und 75 ihrer Dörfer und Siedlungen ganz. Angehörige der Roma und Aschakali wurden bedroht, beleidigt, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, entführt und ermordet. Es erfolgte kein internationaler Aufschrei. Die Länder des Westens nahmen hin, dass etwa 80 Prozent der einst 150.000 Angehörige zählenden Minderheiten aus dem Land gejagt wurden.“

2016 kam eine 79-seitige Stellungnahme des UN-Menschenrechtsrates zu dem Schluss, dass es fahrlässig von den UN war, die Roma in dem Lager zu belassen, obwohl die Bewohnenden durch die giftige Umgebung, in der sie leben mussten, krank wurden und sogar starben. Die Stellungnahme war die Antwort auf eine Beschwerde, die im Juli 2008 (acht Jahre Bearbeitungszeit!) von 138 Mitgliedern der Roma-, Aschkali und ägyptischen Gemeinschaften eingereicht worden war, die in den Lagern gelebt und eine Bleivergiftung erlitten hatten.

Bis heute keine Entschädigung

In der Entscheidung wurde die UN-Mission aufgefordert, „die Nichteinhaltung der geltenden Menschenrechtsnormen als Reaktion auf die durch die Bleiverseuchung verursachten Gesundheitsschäden einzuräumen“, sich öffentlich bei den Roma zu entschuldigen und „geeignete Schritte“ zur finanziellen Entschädigung zu unternehmen.

Bis heute – sieben Jahre später – sind keine Zahlungen erfolgt. Besonders Kinder und Frauen sind von den Spätfolgen weiterhin stark betroffen.

Diese Geschichte aus dem Kosovo ist leider nur eine unter vielen in Europa. Die Sinti und Roma Europas leiden unter der Ignoranz einer europäischen Öffentlichkeit, die wegschaut und einem tief verwurzelten Antiziganismus. Wie viele haben sich nicht schon über „kriminelle Zigeuner“ echauffiert und „so sind sie halt“ gedacht.

Ja, das ist Rassismus. Dieser Antiziganismus lebt nicht nur in Mittelosteuropa, wo der Großteil der Roma unter erbärmlichen Verhältnissen leben muss. Ihn gibt es auch bei uns in unserer direkten Nachbarschaft, und er ist mit ursächlich dafür, dass Roma jahrelang auf einer giftverseuchten Müllhalde leben mussten und noch heute auf eine Entschuldigung und Entschädigung der Weltgemeinschaft warten.

Die Aschkali und die Balkan-Ägypter sind albanischsprachige, muslimische ethnische-kulturelle Minderheiten (anerkannte Gemeinschaften), die hauptsächlich im Kosovo und in Südserbien sowie in Albanien, Montenegro und Nordmazedonien leben. Vor dem Kosovokrieg von 1999 bezeichneten sich die Balkan-Ägypter oder Aschkali als Albaner. Während einige Aschkali Romani sprechen, tun dies die Ägypter in der Regel nicht. Die beiden Gruppen sind nicht klar voneinander abgegrenzt. Andererseits unterscheiden sie sich sprachlich und kulturell von den Roma, auch wenn sie oft zu einer Gruppe zusammengefasst wurden.

Zur Person: Jan Diedrichsen

Jan Diedrichsen (Jahrgang 1975), wohnhaft in Berlin und Brüssel, leitet die Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Brüssel, hat sein Volontariat beim „Nordschleswiger“ absolviert und war als Journalist tätig. 13 Jahre lang leitete er das Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen und war Direktor der FUEN in Flensburg. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) – davon bis 2021 vier Jahre als Bundesvorsitzender. Seit Juni 2021 betreibt er gemeinsam mit Wolfgang Mayr, Tjan Zaotschnaja und Claus Biegert ehrenamtlich den Blog VOICES.

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