Leitartikel

„Vorbild Grenzregion “

Vorbild Grenzregion

Vorbild Grenzregion

Nordschleswig/Sønderjyllnd
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In Niebüll und Tondern wird an die erfolgreiche Wiederinbetriebnahme der grenzüberschreitenden Bahn vor 20 Jahren erinnert. Redakteur Volker Heesch nimmt das Jubiläum zum Anlass, die Fixierung auf Verkehrs-Großprojekte in Dänemark zu kommentieren und auf Vorbildprojekte im deutsch-dänischen Grenzland hinzuweisen.

Während der vergangenen Jahrzehnte sind in Dänemark bedeutende Großprojekte im Bereich der Verkehrsinfrastruktur verwirklicht worden. Neben den einst umstrittenen Brücken-Tunnelverbindungen Großer Belt und Öresund hat Kopenhagen unter Einsatz von Milliardensummen eine Metro erhalten. Nicht zu vergessen sind mehrere neue Autobahnen wie die Strecke Klipleff-Sonderburg und die Bahn-Schnellfahrstrecke Ringsted-Kopenhagen. Aktuell wird in Dänemark unter Milliardenaufwand an der Schienenanbindung der festen Verbindung unter dem Fehmarnbelt gearbeitet.

Für Schlagzeilen sorgen auch Mega-Projekte wie die Überbrückung des Kattegats, um Aarhus und Kopenhagen ohne Rücksicht auf die geografischen Besonderheiten Dänemarks mit Inseln, Meerengen und einer großen Halbinsel Jütland miteinander zu verbinden.

Interessant ist, dass sich die Öffentlichkeit und die politischen Akteure in Dänemark gerne im Sektor Verkehr mit beeindruckenden Großprojekten und Zukunftsvisionen befassen. Weniger populär sind Tatsachen wie zunehmender Autoverkehr und vermehrte Staus trotz Ausbaus der Autobahnen. Und gar nicht zum Selbstverständnis eines digitalisierten, klimaschützenden Gemeinwesens passte der Bericht unter dem Titel „Serviceeftersyn“ der Eisenbahn in Dänemark, in der auf unterlassene Modernisierung des Eisenbahnnetzes und Fehlinvestitionen im Fahrzeugpark hingewiesen wird, die als Ergebnis Dänemark eine im Vergleich zu Nachbarländern „technologisch sehr rückständige Eisenbahn“ beschert haben.

So habe man die Elektrifizierung wichtiger Strecken verschlafen und insgesamt mit der Konsequenz zu kämpfen, dass in Dänemark weniger Bahn gefahren wird, während in Nachbarländern die Bahnnutzung zulegt. Der Bericht weist darauf hin, dass die viele Milliarden Kronen teure Ausrüstung des dänischen Schienennetzes mit der digitalen Signal- und Steuerungstechnik ETCS um Jahre verzögert, sodass die derzeit im Bau oder in Vorbereitung befindliche Elektrifizierung wichtiger Strecken nach deren Fertigstellung nicht für den Verkehr mit den in einigen Jahren zur Verfügung stehenden schnellen und modernen elektrischen Zügen genutzt werden kann.

Erforderlich seien Maßnahmen, die eine weitere Nutzung der alten Signaltechnik sicherstellen, indem diese gegen Magnetfelder der modernen Züge „immunisiert“ werden. Transportminister Benny Engelbrecht (Sozialdemokraten) hat unterstrichen, dass es keine Alternative zur weiteren Modernisierung der Bahn in Dänemark gebe.

Doch es sollten auch neue Weichenstellungen in der dänischen Verkehrspolitik unternommen werden. Bei Entscheidungen über neue Brücken- und Tunnelprojekte sollte überlegt werden, ob es – wie am Großen Belt und Öresund – in den kommenden Jahrzehnten noch möglich ist, vor allem durch die von den Autofahrern zu zahlenden Gebühren die Baukosten zu bezahlen, wenn im Zuge der Auflagen zur Verminderung des Kohlendioxidausstoßes Autos mit Verbrennungsmotoren Auslaufmodelle werden und Elektrofahrzeuge dominieren.

Wichtig ist es auch, beispielsweise in Nordschleswig und im deutsch-dänischen Grenzland, wo das Auto heute fast ganz den Verkehr dominiert, die vorhandenen Bahnstrecken für umweltfreundlichen Verkehr einzurichten, und im Busverkehr behinderten- und seniorengerechte Niederflurbusse mit elektrischem Antrieb einzusetzen.

Während sich auf Strecken zwischen Vamdrup, Tingleff/Tinglev, Sonderburg/Sønderborg und Flensburg seit Jahren nichts in Sachen Angebotsverbesserung, getaktete Umsteigemöglichkeiten und Wiederinbetriebnahme und Neueröffnung von Bahnstationen getan hat, kann die angeblich so rückständige Westküste mit dem 20. Jahrestag der Wiederinbetriebnahme des Zugverkehrs am Donnerstag zwischen Niebüll und Tondern glänzen. Mit stetig steigenden Fahrgastzahlen, Ausweitung des Fahrplans und in den kommenden Jahren ins Auge gefasster höherer Reisegeschwindigkeit.

Und in den kommenden Jahren steht noch eine technische Revolution bevor. Es sollen elektrische Triebwagen zum Einsatz kommen, die ihren Strom aus Brennstoffzellen beziehen, deren Betrieb mit Wasserstoff als „Abgas“ nur Wasserdampf freisetzt.

Es bleibt zu hoffen, dass das Vorhaben in der Region nicht verschlafen wird, sondern das vorübergehend in der Corona-Krise deutsch-dänische Grenzland als Vorbild glänzen kann – mit Klimaschutz und Verbesserung der Verkehrsanbindung ohne Kosten in Milliardenhöhe.

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