Leitartikel

„Verbietet es doch gleich ganz!“

Verbietet es doch gleich ganz!

Verbietet es doch gleich ganz!

Apenrade/Aabenraa
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Der Gesetzgeber kommt mit immer neuen Initiativen, um das Rauchen weiter einzuschränken. Da wäre es vielleicht ehrlicher, das Rauchen gleich ganz zu verbieten, meint Nils Baum.

Als Ende der 80er Jahre bei uns im Schulunterricht das Thema „Gesundheit“ auf dem Lehrplan stand, verdunkelte unsere Biologielehrerin für eine Unterrichtsstunde den Klassenraum, ließ einen Diaprojektor aufstellen und startete sodann eine Bildershow, die es in sich hatte. Gezeigt bekamen wir Dias von Rauchern, deren Lunge schwarz gefärbt war oder denen ein Tumor schon fast aus dem Rachen wuchs. Die Mädchen in der Klasse drehten sich bei jedem neuen Dia angeekelt weg. Weiter geraucht haben sie trotzdem, natürlich auch die Jungs.

Das sieht heute bereits ganz anders aus, die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken.

Allerdings zeigen die Zahlen von Danmarks Statistik, dass noch immer besonders viele junge Menschen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren rauchen. Ihr Anteil beträgt 23 Prozent, während er in älteren Altersgruppen deutlich darunter liegt. Zudem hat Dänemark laut videnskab.dk mit 16,4 Jahren das jüngste Durchschnittsalter an Erstrauchern.

Und vor allem die junge Zielgruppe hatte das Folketing im Blick, als es vor zwei Jahren seinen Handlungsplan gegen Tabakkonsum verabschiedete.

Bereits 1995 versuchte das erste Rauchergesetz, den Tabakkonsum einzuschränken. Seitdem hat es eine ganze Reihe an Maßnahmen gegeben, von der Anhebung des Alters, ab dem Zigaretten gekauft werden dürfen, über die Ausweitung rauchfreier Zonen bis hin zu deutlich höheren Preisen.

Irgendwann landeten die Dias aus dem Biologieunterricht dann auch direkt auf den Zigarettenverpackungen. Seitdem war es insbesondere für Nichtraucher, die ja gar nichts mit Zigaretten am Hut haben, stets irritierend, im Supermarkt an der Kasse zu stehen und währenddessen Fotos leidender Menschen ansehen zu müssen. Umso befreiender war der Augenblick, als sämtliche Tabakprodukte hinter Vorhängen verschwanden.

Und jetzt also der nächste Schritt. Ab dem 1. Juli dieses Jahres soll es nur noch Einheitsverpackungen geben.

Auf den Inhalt kommt es an, mag mancher da einwenden, aber cool sah der Marlboro-Mann mit seinem tief in die Stirn gezogenen Cowboyhut und Lasso über dem Arm seinerzeit schon aus! Dass einer der ersten „Marlboro Men“, Robert Norris, nie geraucht hat, hat keinen interessiert. Die Botschaft war stets: Rauchen ist cool, wer raucht, hat alles im Griff, und Rauchen macht Spaß.

Doch nun soll auch dieser letzte Spaß aufhören, wenn alle Tabakverpackungen zum Einheitsbrei werden. Denn eine im vergangenen Jahr durchgeführte Studie von Røgfri Fremtid zeigt, dass nicht nur der Cowboy, sondern alle bunten Verpackungen vor allem bei jungen Menschen als Blickfang und identitätsstiftendes Merkmal dienen.

Aber ist eine Einheitsverpackung tatsächlich dienlich, um junge Menschen vom Rauchen abzuhalten? Wenn es die Nahaufnahmen von Krebsgeschwulsten und Raucherlungen bisher nicht geschafft haben, dann wird eine grau-grüne Einheitsfarbe wohl auch nicht viel helfen.

Wenn die Politiker alle, die noch genussvoll an der Zigarette ziehen, unbedingt davon abhalten wollen, dann sollten sie gleich ganz konsequent sein und das Rauchen einfach komplett verbieten! Schließlich ist der Regulierungswille des Staates inzwischen in allen Lebensbereichen so weit fortgeschritten, dass es fast schon wundern kann, dass die Politik sich noch immer daran abmüht, mit immer neuen Initiativen die Menschen vom Rauchen abzuhalten. Ein komplettes Verbot wäre da wohl ehrlicher – allerdings auch ein verdammt großer Eingriff in die Privatsphäre.

Übrigens: Ich hätte da noch eine Reihe weiterer Vorschläge für unsere Abgeordneten, in welchen Bereichen sie über abschreckende Maßnahmen nachdenken könnten. Wie wäre es mit Fotos von schwer Verunfallten auf Autotüren, oder von Sklavenarbeitern in Minen auf Mobiltelefonen, oder von zahnlosen, dicken Menschen auf Haribo-Verpackungen? Oder mit Schlachtereiabfällen auf Wurstverpackungen oder grün-grauen Einheitsplakaten mit weinenden Babys auf Geburtsstationen, versehen mit dem Hinweis darauf, wieviel CO2 sie im Laufe ihres Lebens verursachen werden?

Derweil scheint es der Tabakindustrie übrigens noch immer sehr gutzugehen – denn weltweit steigt die Zahl der Raucher weiterhin an. Inzwischen sind es 1,1 Milliarden Menschen, die sich dem Tabakkonsum hingeben.

Immerhin genug, um noch jede Menge Einheitsverpackungen produzieren zu können, sollte sich die neueste Idee im Kampf gegen die Raucherinnen und Raucher auch anderswo weiter durchsetzen.

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