Leitartikel

Die und wir

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Mette Frederiksen. Foto: Mette Mørk/Ritzau Scanpix

Der herablassende Frederiksen-Kommentar an Hanna Mohammed Hassan ist als bedauernswertes Signal an alle zu betrachten, die für wirkliche Meinungsfreiheit, nämlich den Respekt vor der Meinungsvielfalt, eintreten. Das Gefühl, sich in Dänemark lieber öffentlich zurückzuhalten, aus Angst, auf seine Herkunft reduziert, für nicht dänisch genug befunden, kurz, diskriminiert zu werden, ist in der deutschen Minderheit kein unbekanntes Gefühl, meint Cornelius von Tiedemann.

Die Affäre um einen Facebook-Kommentar der Vorsitzenden der Sozialdemokratie, wie sich die Sozialdemokraten jetzt wieder nennen, macht ein generelles Problem in der dänischen Gesellschaft anschaulich. Das Problem, dass Meinungsfreiheit von vielen nur jenen zugestanden wird, die sie als „richtige“ Dänen betrachten. Auf Kritik an ihrer Politik hatte Mette Frederiksen mit dem Satz reagiert: „Das sind harte Worte von einer Frau, die Dänemark gut aufgenommen hat.“

Die so angesprochene Hanna Mohammed Hassan fühlte sich durch diese Bemerkung herabgewürdigt, warf Frederiksen gar Rassismus vor. Die Überspitzung zeigt, wie sehr sich Hassan getroffen gefühlt haben muss. Frederiksen nehme sie aufgrund ihrer Abstammung nicht für voll, so der Tenor.

Die wiederum reagierte, wie Politiker fast immer reagieren, wenn ihnen ein Fehltritt vorgeworfen wird: relativieren, den mutmaßlichen Fehler irgendwie so halbwegs eingestehen, aber das Problem dann doch eher beim anderen sehen, indem dieser etwas missverstanden habe. Sie bedauere es, wenn die Aussage so verstanden worden sei, als würde sie behaupten, dass man nicht an der öffentlichen Debatte teilnehmen kann, weil man kein „ethnischer Däne“ ist. Und genau mit dieser Erklärung rührt sie an einen wunden Punkt, nicht nur bei Einwanderern und deren Nachkommen.

Das Gefühl, sich in Dänemark lieber öffentlich zurückzuhalten, aus Angst, auf seine Herkunft reduziert, für nicht dänisch genug befunden, kurz, diskriminiert zu werden, ist in der deutschen Minderheit kein unbekanntes Gefühl. Aus der Minderheit selber kommen immer wieder Stimmen, Minderheitenvertreter sollten sich öffentlich lieber (politisch) zurückhalten. Nicht aufmucken.

Begründet wird dies dann (von Seiten der Minderheit selbst) mit der Schuld aus der Zeit des Dritten Reiches. Und wahrlich, die deutsche Minderheit, nicht jeder Einzelne, aber doch auch als Gruppe, hat große Schuld auf sich geladen in dieser Zeit. Keiner der Nachkommen hat diese Schuld geerbt. Doch die Verantwortung, nicht wegzusehen, sich nicht wegzuducken, sondern wach zu sein und Demokratie und (Meinungs-) Vielfalt zu verteidigen, die ist das Erbe der Deutschen – und auch der deutschen Minderheit.

Dabei geht es nicht darum, Konflikte zu provozieren oder anderen eine bestimmte Meinung oder Gesinnung aufdrücken zu wollen. Es geht darum, sich aus der Opferrolle herauszubewegen und Verantwortung für die Gemeinschaft, über die eigene Gruppe hinaus zu übernehmen. Aus der deutschen Minderheit gehen viele ganz selbstbewusst diesen Weg, ob in Politik oder Verbänden, ob lokal, regional oder gar auf der europäischen Bühne. Und sie erleben: Je offener sie Herausforderungen ansprechen, je konstruktiver sie auftreten, desto größer ist die Akzeptanz.

Der herablassende Frederiksen-Kommentar ist deshalb als bedauernswertes Signal an alle zu betrachten, die für wirkliche Meinungsfreiheit, nämlich den Respekt vor der Meinungsvielfalt, eintreten.

Ach ja, und vielleicht gibt es jetzt auch einige, die sich darüber ärgern, dass ein Zugezogener sich an dieser Stelle über teils schmerzvolle Befindlichkeiten in der deutschen Minderheit äußert, es wagt, die Minderheit derart zu analysieren, zu vergleichen. Gewöhnt euch dran. Bleibt selbstbewusst, steht zu eurer Meinung, kritisiert meine Meinung – aber lasst auch andere Meinungen zu und kritisiert mich nicht als Fremden. Ich bin jetzt hier zu Hause – und nehme mir das Recht heraus, meine neue Heimat zu lieben – und zu kritisieren. Auch wenn es manchem nicht schmeckt. Wirkliche Meinungsfreiheit funktioniert nur in gelebter Vielfalt!

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