Leitartikel

Über den Igeltellerrand

Über den Igeltellerrand

Über den Igeltellerrand

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Igel
Foto: George Kendall/Unsplash

In ganz Dänemark stellen die Menschen nach einem Aufruf Wasserschälchen für die von der Trockenheit gefährdeten Igel auf. Auch Sara Wasmund hat eine Schale aufgestellt und wünscht sich, dass wir nicht nur durstigen Igeln im eigenen Garten Mitgefühl und Hilfe entgegenbringen.

Ich habe dort zwar noch nie einen gesehen. Dennoch habe ich gestern für alle potenziellen Igel in meinem Garten Wasserschalen aufgestellt. Flache, natürlich, damit die kleinen Stachelschnauzen auch gut rankommen und in der dänischen Dürre nicht vertrocknen. Dem zuvor ergangenen Aufruf eines dänischen Igel-Vereins war ohne großem Aufwand nachzukommen.

Die im Land aufgestellten Wasserschälchen für Braun- und Weißbrustigel laden dazu ein, über den eigenen Tellerrand zu blicken: Was wäre, wenn es in unseren Breitengraden mit dem Klima nicht immer alles prima wäre? Wenn nicht alles bleibt, wie wir es gewohnt sind: dass das Wasser aus dem Hahn und aus den Wolken kommt und in Dänemark das Gras immer grün ist. Ein Blick auf Rasen und Felder sagt aktuell etwas anderes. Was, wenn Dürre zur Normalität würde? Derzeit kann man in Nordschleswig Weiden sehen, die so staubig und ausgetrocknet sind, dass man die Kühe in den gigantischen Staubwolken glatt für Kaffernbüffel halten könnte.

Nun ist die Trockenheit in Nordeuropa eine große Ausnahme. Und der Super-Sommer lässt Urlauber aus dem Aus- und Inland durchaus jubeln. Wie viele plauschige Abende auf der Terrasse hat man in den vergangenen drei Sommern schon gehabt? Anderthalb? Derzeit wischt man sich noch beim allabendlichen Blick in den sternschnuppenden Nachthimmel den ein oder anderen Schweißtropfen aus dem sonnengecremten Gesicht. Die Dürre hat hierzulande also auch gute Seiten. Und wir können uns sicher sein, dass sie – zumindest in absehbarer Zukunft – eine Ausnahme, und nicht die Regel bleiben wird.

Für über eine Milliarde Menschen auf der Welt gilt das nicht. Das zeigt ein Bericht der Umweltgruppe „Sustainable Energy for all Group“, der gestern veröffentlicht wurde. In Asien, Afrika und Lateinamerika leben 470 Millionen auf dem Land der Hitze schutzlos ausgesetzt, in den Slums sind es weitere 630 Millionen. Dort ist Dürre Normalität, keine Ausnahme. Rissige, kaum zu nutzende Felder, keine Kühlschränke, keine klimatisierten Innenräume. Hitze als lebensbedrohliche Normalität. Als gnadenlose Komponente. Die Natur, das erleben in Dänemark die Landwirte derzeit wohl am schmerzhaftesten, ist nicht zu beherrschen. Und niemand kann vorab bestimmen, auf welchem Kontinent, in welche Umstände, in welche Klimalage und Gesellschaft man hineingeboren wird. Wir als Bürger Nordeuropas sind alleine schon wegen des Klimas reich gesegnet , selten durstig und vergleichbar wohlhabend. Es wäre schön, wenn wir in diesem Bewusstsein nicht nur durstigen Igeln im eigenen Garten Mitgefühl und Hilfe entgegenbringen. Sondern vielmehr auch Menschen auf dieser Welt, deren Gesamtumstände so furchtbar anders sind.

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