Leitartikel

Tour de Macron

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Auf Radtour durch Kopenhagen: Løkke und Macron. Foto: AFP/Statsministeriet

Es schien medial so, als wäre ein Messias im Lande, schreibt Siegfried Matlok über den Besuch des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Dabei liegen in vielen politischen Bereichen die dänische und französische Welt weit auseinander.

Zwei Tage lang hat Dänemark Macron-Mania erlebt: Der Besuch des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron stellte selbst die einstigen Besuche von Clinton und Obama in den Schatten. Lykke Friis, die Macron zu einer Bürger-Diskussion in der Königlichen Bibliothek empfing und offenbar vom Temperament sogar französische Gene in sich trägt, berichtete vor einem begeisterten Publikum begeistert, dass die Eintrittskarten für den „Rockstar“ aus Paris schneller vergriffen waren als bei einem Konzert der Rolling Stones in Kopenhagen.

Dass der französische Staatsgast so überwältigend herzlich empfangen wurde, liegt natürlich nicht nur an dem jungen Präsidenten, der – wenn man ihn mit müden europäischen Spitzenpolitikern vergleicht – gerade auf die Jugend „sexy“ wirkt, eben Esprit, Visionen mitbringend. Das dänische Königshaus steht ja mit einem Bein in Frankreich – auch nach dem Tode des französischen Prinzgemahls Henrik. Mit einer familiären Verbundenheit, die Königin Margrethe deutlich unterstrich. Hinzu kommt ihr Hinweis, dass Frankreich das einzige Land in Europa ist, mit dem Dänemark nie im Krieg lag. Das ist zwar richtig, es gehört aber zur Geschichte, dass Kopenhagen nur einmal bombardiert wurde – 1807 von den Briten, als die Dänen damals eine unheilvolle Allianz mit Frankreich eingegangen waren.

Es schien medial so, als wäre ein Messias im Lande, der wie ein früherer Sonnenkönig noch die Redensart „leben wie Gott in Frankreich“ verkörpert. Zurück zur politischen Realität: In vielen politischen Bereichen liegen die dänische und französische Welt weit auseinander, naiv zu glauben, dass etwa das dänische Sozial- und Arbeitsmarktsystem von den Franzosen übernommen werden könnte. Ökonomisch ist der dänische Export nach Frankreich nur halb so groß wie nach Deutschland – zuletzt sogar rückläufig. Was aber nicht den Versuch Macrons schmälern soll, Frankreich zu reformieren, wettbewerbsfähiger zu machen.

Macron ist – um die Königin zu zitieren – „spannend“. Selbst wenn man viel charmante Heißluft rausnimmt, bleibt unter dem Strich ein Engagement für Europa, das in diesen Zeiten so dringend Sauerstoff benötigt. Aber auch hier muss man genauer hinsehen. Wenn man die Euro-Pläne des französischen Präsidenten 1:1 umsetzen würde, dann würde Dänemark europapolitisch in Atemnot geraten, denn dann ist der Abstand zwischen Kopenhagen und Paris weiter entfernt als eine mögliche Startetappe der Tour de France in Dänemark. Wichtig ist die Balance, wichtig ist vor allem, dass der deutsch-französische Motor wieder läuft. In Kopenhagen wird man Berlin insgeheim die Daumen drücken, dass manche Macron’sche Vision bloß nicht Realität wird, aber gemeinsam wissen Kopenhagen und Berlin auch, dass Macrons Schicksal für die Europäische Union zurzeit „lebenswichtig“ ist.

Macrons Staatsbesuch galt nicht nur „hygge“ und einer gemeinsamen morgendlichen Radtour mit Løkke in Kopenhagen, er diente auch einem Weckruf an die Dänen, sich ihrer europäischen Wurzeln bewusst zu sein und (endlich) aus der EU-Defensive herauszukommen. Das entspricht zwar größtenteils dem Wunsch von „Freund Lars“, aber ist er auch bereit, Macron ein Stück des Weges zu folgen, wenn er nach der Wahl einen hohen europäischen Preis an DF zahlen muss, um an der Macht zu bleiben?

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