Leitartikel

Toter Winkel

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Stau Verkehr Auto
Foto: dpa

Immer wieder ist die Rede davon, dass die Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr in Dänemark zunehme. Doch die Zahl der Unfalltoten und -verletzten nimmt kontinuierlich ab. Cornelius von Tiedemann meint, dass in Dänemark allen Unkenrufen zum Trotz sehr verantwortlich Auto gefahren wird.

Immer wieder ist die Rede davon, dass die Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr in Dänemark zunehme. Doch die Zahl der Unfalltoten und -verletzten nimmt kontinuierlich ab. Cornelius von Tiedemann meint, dass in Dänemark allen Unkenrufen zum Trotz sehr verantwortlich Auto gefahren wird.

Werden wir rücksichtsloser? Wenn wir hören, wie wir über den Straßenverkehr in Dänemark sprechen, könnte man diesen Eindruck bekommen. Es werde gedrängelt und gerast, viel weniger Rücksicht genommen als früher, erzählen die meisten, mit denen man darüber spricht.

Abstand halten – das machen nur noch die alten, ewigen Jante-Sozialdemokraten in ihren ollen Toyotas oder französischen Autos. Der Neudäne, geprägt durch die Dekadenz der vergoldeten 00er-Jahre, drängelt sich vor, macht bei jeder Verlangsamung des Verkehrs von der Lichthupe Gebrauch und verlässt sich auf seine Blitzer-App, anstatt sich an die Geschwindigkeits-Vorschriften zu halten. Achtung, hier komme ich!

Zugleich gibt es viel weniger Unfälle als früher – und noch wichtiger: Viel weniger Verkehrstote (2016 war eine Ausnahme). Liegt das denn nur an den immer sicherer werdenden Autos und der besseren Verkehrsführung etwa durch Kreisverkehre? Werden immer hitzigere Autofahrer durch immer größere Sicherheitsvorkehrungen im Zaum gehalten?

Vielleicht. Leider gibt es dazu, zumindest in Dänemark, noch keine ausführlichen Studien. Sicher ist, das sagte die Verkehrs-Psychologin Mette Møller mal in Danmarks Radio, dass wir unsere Persönlichkeit mit ins Auto nehmen. Nicht wenige beklagen, dass sich die dänische Alltagskultur, die diese Persönlichkeiten mitprägt, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zum Aggressiveren verändert habe. Dass die einst starke Gemeinschaft einem Individualismus-, ja, Ego-Kult gewichen sei, und dass diejenigen, die sich nach der alten Gemeinschaft sehnen, immer radikaler darin werden, ihrem Unmut Luft zu machen. Wettbewerb allenthalben und in jeder Lebenslage. Also auch auf der Landstraße?

Vor einer Weile argumentierte Gwyn Nissen an dieser Stelle für den wirksamsten aller Tricks, um die Blitzer zu überwinden: sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten! Ein Appell an die Vernunft. Verkehrsminister Ole Birk Olesen will es andersherum machen: Er will einfach die Geschwindigkeitsgrenzen auf freier Strecke erhöhen.
Er und wir alle sollten dabei daran denken: Öffentliche Straßen sind keine Rennstrecken, sondern zweckgebundene Verkehrswege. Für alles andere gibt es Padborg Park und die Sony Playstation.

Aber zurück zur Psychologie: Im Vergleich zu Deutschland wird in Dänemark sehr zuvorkommend Auto gefahren. Das behaupte ich als Zugezogener, der die „Straßenverhältnisse" in beiden Ländern kennt. Uns deutschen Zuzüglern fahren die Dänen oft zu langsam, zu abwartend, zu zögerlich, ja, geradezu provokant schnarchnasig. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ja, vielleicht gibt es einen negativen Trend.

Aber so schlecht, wie ich es anfangs karikierte, kann es um die dänische Psyche, die da mit ins Auto genommen wird, nicht stehen, wenn mir und anderen Deutschen noch nach Jahren in Dänemark auffällt, wie stressfrei und vorsichtig in Dänemark insgesamt Auto gefahren wird.

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