Leitartikel

„Tolle Statistik“

Tolle Statistik

Tolle Statistik

Nordschleswig/Sønderjylland
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Die Grenzkontrollen sind verschärft worden. Aber es werden nur die kleinen Fische und vergesslichen Grenzpendler im Netz gefangen. Warum gibt es eigentlich keine Kontrollen vor Kopenhagen oder Aarhus, fragt sich Chefredakteur Gwyn Nissen.

Was für ein Erfolg: In den ersten drei Jahren der Grenzkontrollen haben Polizei und Heimwehr 3.700 Gesetzesverstöße geahndet. Nun sind es 2019 bis Oktober bereits 3.100. Die Grenzkontrollen sind ein Erfolg – das belegen die Zahlen. Oder etwa nicht?

Die Grenzkontrollen, 2015 während der Flüchtlingskrise in Europa an den Grenzen Dänemarks errichtet, erregen immer noch die Gemüter. Damals reisten Tausende von Flüchtlingen über Flensburg nach Schweden, bis die nordischen Nachbarn die Grenzen dichtmachten. Die logische und richtige Konsequenz war, dass auch Dänemark Grenzkontrollen einführte.

In der Zwischenzeit hat sich die Flüchtlingslage normalisiert, doch Dänemark und andere EU-Länder – darunter auch Deutschland – halten an ihren umfassenden Grenzkontrollen fest. Nun mit der Absicht, den Terror zu bekämpfen.

Doch die dänischen Grenzkontrollen scheinen einen neuen Fokus bekommen zu haben. Wenn die Polizisten schon an der Grenze stehen, sollen sie auch etwas für ihr Geld tun – beziehungsweise dafür sorgen, dass die Millionenausgaben einigermaßen wieder durch Bußgelder abgedeckt werden. Und so kommt es, dass die Beamten nicht mehr im Trockenen sitzen und einfach durchwinken, sondern stattdessen Bußgelder ausstellen. Schluss mit dem erhobenen Zeigefinger. Wer jetzt den Pass vergisst, zahlt 1.000 Kronen.

Natürlich ergibt es Sinn, dass die Polizisten an der Grenze auch anderen Straftaten oder Vergehen nachgehen, statt nur als symbolische Säulen zum Einsatz zu kommen. Doch wenn die Polizei über ihre Fahndungserfolge an der Grenze twittert, dann reden wir hier nicht vom Schleuser-Ring, von Terroristen, kriminellen Banden und Drogendealern oder internationalen Waffengeschäften. Wir reden von den kleinen Fischen, den winzigen Fischen, die den Pass vergessen oder vielleicht ein Pfefferspray mit über die Grenze genommen haben. Eine Grenzkontrolle für Hunderte von Millionen Kronen jährlich kann dies gar nicht rechtfertigen.

Warum gibt es keine Großrazzien im Morgenverkehr stadteinwärts nach Kopenhagen, Odense oder Aarhus? Und nachmittags das Gleiche nochmal? Und am liebsten mehrmals die Woche. Die Polizei würde – raten wir doch einfach – jeden Monat Tausende von Bußgelder ausstellen und vielleicht sogar große Fische fangen können. Oder die Beamten könnten richtiger Polizeiarbeit nachgehen – davon hätten alle mehr – nur die Kriminellen nicht.

Wir haben drei Jahre lang im deutsch-dänischen Grenzland mit den Grenzkontrollen leben müssen. Nun sind auch Kontrollen auf deutscher Seite hinzugekommen, und die dänischen Kontrollen sind gleichzeitig verschärft worden. Und während die richtig Kriminellen weiterhin auf freiem Fuß sind, wird für den vergesslichen Grenzpendler das nächste Bußgeld über 1.000 Kronen ausgestellt. Für die tolle Statistik.

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Standpunkt

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
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