Leitartikel

Täglich Brot

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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In Naturschutzgebieten wie in der Tonderner Marsch gibt es seit Jahrzehnten Vorschriften, z. B. durch Begrenzung der Zahl der Weidetiere die Flächen vor zu hohem Düngereintrag zu schützen. Foto: V. Heesch

Wenn die Gesellschaft grüner werden will, dann muss sie den Landwirten, die sie versorgt, unter die Arme greifen, dieses Ziel zu erreichen – anstatt sie zu bestrafen, meint Cornelius von Tiedemann.

Wenn wir die Menschheit mal ganz morbide in die Waagschale werfen, dann kommt ein Gesamtgewicht an Biomasse heraus, das nur 0,01 Prozent allen Lebens auf der Erde ausmacht. Auch wenn wir uns noch so sehr ausbreiten und noch so viele Ringreiterwürste essen – wir bleiben der Masse nach eine verschwindend kleine Minderheit auf diesem Erdball.

Zugleich haben wir paar Menschen dafür gesorgt, dass 83 Prozent aller wilden Säugetiere und die Hälfte aller Pflanzenarten ausgerottet wurden. Die „Erfindung“ der Landwirtschaft hat ihren Teil dazu beigetragen. Das muss leider nüchtern so festgestellt werden – aber gleich neben der Feststellung, dass es uns Menschen ohne die Versorgungsgrundlage, die uns die Landwirtschaft bietet, niemals möglich gewesen wäre, die Entwicklung zu machen, die letztlich zu so großartigen Errungenschaften wie dem modernen nordischen Gesellschaftsmodell, zu technologischem, medizinischem und geisteswissenschaftlichem Fortschritt geführt hat.

Dass sich heutzutage und hierzulande nun die Fronten zwischen Stadt und Land, zwischen „Ökos“ und „Bauern“ weiter zu verschärfen scheinen, ist deshalb so überflüssig wie ein Kropf. Es sind doch auch die meisten Städter, die sich so gut und günstig wie möglich ernähren wollen. Und gleichzeitig blicken viele auf die, die das möglich machen, herab. Umgekehrt werden die, die mehr Umwelt- und Tierschutz fordern, als realitätsferne Träumer beschimpft. Hier muss mehr Ehrlichkeit und Vernunft her, von beiden Seiten. Wenn wir unsere Lebensgrundlage nicht endgültig zerstören wollen und zugleich Tiere vermehrt ethisch anders betrachten als früher, ihnen Rechte zugestehen, dann braucht es natürlich Reformen und neue Methoden in der Landwirtschaft. Aber vor allem braucht es neue Methoden in der Landwirtschaftspolitik. Zusammenarbeit ist das Schlagwort. Wenn die Gesellschaft grüner werden will, dann muss sie den Landwirten, die sie versorgt, unter die Arme greifen, dieses Ziel zu erreichen – anstatt sie zu bestrafen, wenn sie im Kampf ums Überleben nicht grün genug wirtschaften.

Vielleicht, es ist ein vager Hoffnungsschimmer, ist der neue Landwirtschaftsminister ja gerade dabei, Mauern abzureißen, indem er zunächst die „Öko“-Fraktion besänftigt und ihr verspricht, zuallererst ein Umweltminister zu sein? Es wäre klug von ihm, die Landwirte auf seinem Weg mitzunehmen und sie nicht als Buhmänner im Großstadt-Wahlkampf zu missbrauchen. Stadt ohne Land, das geht nämlich nicht. Auch wenn die Landbevölkerung heute klar in der Minderheit ist – unser täglich Brot gibt sie uns heute – und auch morgen.

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