Leitartikel

„Selbstinszenierung oder Weckruf?“

Selbstinszenierung oder Weckruf?

Selbstinszenierung oder Weckruf?

Apenrade/Aabenraa
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Nils Baum ist der Meinung, dass die Anhörung der vier Topchefs der mächtigen Technikunternehmen Amazon, Apple, Facebook und Google vor dem amerikanischen Kongress teilweise an eine Selbstinszenierung erinnerte. Dennoch stellt sie einen Wendepunkt gegenüber der Laissez-faire-Attitüde dar, mit der wir den Firmen bisher begegnet sind.

„Vier Sheriffs zensieren die Welt“ titelte eine deutsche Wochenzeitung bereits im August 2012 und zeigte die Macht der Technikgiganten Amazon, Apple, Facebook und Google auf.

Nun mussten die Topchefs Jeff Bezos von Amazon, Tim Cook von Apple, Mark Zuckerberg von Facebook und Sundar Pichai von Google vor Mitgliedern des amerikanischen Kongresses Rede und Antwort stehen. Fünfeinhalb Stunden dauerte die Befragung, der eine umfassende Vorbereitung mit 1,3 Millionen Dokumenten zusammen mit Hunderten Stunden an Interviewmaterial zugrunde lag.

Der Vorwurf, der im Raum steht, lautet: Die Technikgiganten sind zu machtvoll geworden und würden ihre Machtfülle zu ihren Gunsten ausnutzen – und damit zum Nachteil der Verbraucher, Mitbewerber und von demokratischen Strukturen.

Die meisten von uns nutzen Services oder Hardware von einem oder mehreren der machtvollen Vier, weshalb die Frage, ob wir uns zu sehr der digitalen Bequemlichkeit hingegeben haben oder uns schlichtweg keine andere Wahl bleibt, weil der Gang der Dinge nun eben einmal in Richtung immer mehr Digitalisierung geht, uns alle etwas angeht.

In Dänemark besitzen 90 Prozent ein Smartphone, rund die Hälfte davon entfällt auf das iPhone von Apple, die andere Hälfte machen demnach Smartphones aus, die auf dem von Google entwickelten Betriebssystem Android laufen. Vier von zehn Dänen kaufen online bei Amazon ein, und mehr als die Hälfte von uns nutzen Facebook jeden Tag.

Die Corona-Krise scheint die Digitalisierung unserer Gesellschaft nur noch zu beschleunigen. Virtuelle Videokonferenzen, Corona-Apps und neue Messengerdienste für die interne Firmenkommunikation sind gefragter denn je.

Vor allem die unendlichen Datenmengen, die wir den US-amerikanischen Firmen mehr oder weniger freiwillig zur Verfügung stellen, besitzen einen unglaublichen Marktwert. Wir lassen unsere E-Mails von Google mitlesen, unsere Einkaufsgewohnheiten von Amazon speichern und vertrauen Facebook Details aus unserem Privatleben an. Auch unsere CD-Sammlung haben wir längst entsorgt, im Kino waren wir womöglich auch schon länger nicht mehr, und elektronische Bücher, die wir im Amazon Kindle oder Apple iTunes Store kaufen, gewinnen ebenfalls an Popularität.

Und der nächste große Trend „Augmented Reality“, bei dem die reale Welt um eine virtuelle ergänzt wird, steht bereits vor der Tür. Google ist mit seiner Datenbrille beim Privatanwender zwar zunächst gescheitert, professionell findet das Gerät jedoch bereits in vielen Branchen Anwendung. Und spätestens, wenn Apple mit seiner Version einer intelligenten Elektronikbrille an den Start geht, wird sich wieder einmal die Frage stellen, ob der Hype um die Technik oder die Besonnenheit in der Nutzung der neuen Möglichkeiten die Oberhand gewinnt.

Da ist es beruhigend, dass es trotz dieser eindeutigen Entwicklung zumindest in einigen Bereichen auch Trends gibt, die dem entgegenstehen: Die Hälfte der Dänen bestellt lieber in dänischen Internetshops als bei Amazon, da sie diesen mehr Vertrauen schenken. In Sonderburg und Tondern gibt es Initiativen zur Stärkung des Online-Handels bei lokal ansässigen Geschäften. Und die deutschen Büchereien in Nordschleswig können sich über eine rege Nutzung freuen.

Zurück zum amerikanischen Kongress. Ob der Tenor in der Kongressbefragung „So groß sind wir nun auch wieder nicht, die Konkurrenz ist stark, und die Verbraucher lieben uns“, wie er von den Topchefs der vier amerikanischen IT-Giganten gesetzt wurde, die verantwortlichen Politiker überzeugt, bleibt abzuwarten. Statt sich der Frage der Monopolbildung ernsthaft zu widmen, haben eine Reihe von ihnen die Anhörung lieber als Anlass zur Selbstinszenierung genommen. Und die Antworten der Topchefs der Technikunternehmen klangen vorhersehbar und vorbereitet.

Doch vielleicht wird aus dem großen Theater ja noch etwas erwachsen, dass den Startschuss zu einer neuen Kultur gibt, bei der man dem bisherigen Wildwuchs der Technikbranche künftig einen Riegel vorschiebt. Unabhängig davon sollte die inszeniert wirkende Anhörung der vier IT-Sherrifs für jeden Einzelnen von uns eine Erinnerung daran sein, dass Vielfalt Unabhängigkeit sichert, die wir unserer Bequemlichkeit entgegensetzen sollten.

Umsicht ist schließlich die beste Vorsicht.

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