Leitartikel

Rotgefärbte Geschichte

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Lars Mikkelsen erzählt über die Geschichte Dänemarks. Foto: DR

Die zehnteilige TV-Serie „Historien om Danmark“ endete am Sonntag mit einem Eklat – die Geschichtsserie von Danmarks Radio sei im letzten Kapitel „zu Rot“. Damit hat der öffentlich-rechtliche TV-Sender DR zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt ein Eigentor geschossen, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Der Abspann war noch nicht einmal beendet, da hatten die Kritiker ihre ersten Kommentare schon auf den sozialen Medien gepostet: Die zehnteilige TV-Serie „Historien om Danmark“ endete am Sonntag mit einem Eklat – die Geschichtsserie von Danmarks Radio sei im letzten Kapitel „zu rot“, meinten unter anderem Politiker des bürgerlichen Flügels.

Was war passiert? Nach neun Stunden und 23.000 Jahren Geschichte war die letzte Folge am Sonntag bei der Besatzungs- sowie der Nachkriegszeit angelangt. Beschrieben wurde unter anderem die Bedeutung des sozialdemokratischen Politikers und späteren Staatsministers Jens Otto Krag. Darüber hinaus war Inger Merete Nordentoft eine tragende Figur der zehnten Folge: Als alleinstehende Mutter eines Adoptivsohnes und einer Tochter, Widerstandskämpferin, Autorin von Schulbüchern, Vorkämpferin für Gleichberechtigung und Folketingsmitglied eigentlich eine gute Geschichte. Aber: Nordentoft war Kommunistin (bis die Sowjetunion 1956 in Ungarn einmarschierte) und damit bekam die Geschichte Dänemarks eine rote Schlagseite.

Dass Politiker aus dem bürgerlichen Lager protestieren würden, war keine Überraschung. Dort wird derzeit nach jedem Haar im Süppchen gesucht, um Danmarks Radio im kommenden Jahr bei den Medienverhandlungen eins auszuwischen.

Dass DR gerade in einer solchen Zeit nicht auf eine gewisse Balance achtet, mag aber schon wundern. Oder um es mit den Worten der Historikerin Sofie Bak von der Uni in Kopenhagen zu sagen: „Man muss schon sagen, dass es ein gewisses Element von Harakiri im Unternehmen gibt.“
Weitere Historiker – die bisher im Großen und Ganzen mit der Serie zufrieden waren – haben die letzte „katastrophale“ Folge ebenfalls kritisiert.

Es sei Geschichtsverdrehung, das bürgerliche Dänemark und den bürgerlichen Widerstand gegen die damalige Besatzungsmacht Deutschland außen vor zu lassen. DR hat im Nachhinein seinen Kritikern zwar recht gegeben, aber wenn man das Public-Service-Fernsehen für ganz Dänemark sein möchte, nützt es nichts, dass man sich mit einer „erzähltechnisch guten Geschichte“ entschuldigt.

Danmarks Radios Umgang mit der dänischen Geschichte war im besten Falle nachlässig – im schlimmsten Falle haben die Kritiker recht, dass der öffentlich-rechtliche Sender „rot angehaucht ist“. Vor allem aber hat DR zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt ein Eigentor geschossen, das die Kontrahenten dankend entgegennehmen und das DR hunderte von Millionen Kronen kosten wird, wenn die Politiker 2018 das Danmarks Radio der Zukunft bestimmen.

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