Leitartikel

„Radio Kopenhagen“

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Radio24syv hat demonstrativ das Handtuch geworfen, statt am eigenen Konzept zu feilen. Jetzt lädt der Sender „passend“ seine ganze Wut auf die Dänische Volkspartei ab und hat somit einen Buhmann, statt Umstellungsbereitschaft zu zeigen, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Seit 1. November 2011 sendet Radio24syv landesweit Nachrichten, Hintergrund und Unterhaltung an etwa 1,1 Millionen Dänen. Der Sender hat ein Gegengewicht und eine Alternative zum dänischen Staatssender Danmarks Radio geschaffen. Radio24syv ist eine publizistische Erfolgsgeschichte und wird positiv in die dänische Mediengeschichte eingehen.

So weit, so gut. Es stand aber schon damals fest, dass die Sendezeit sich auf acht Jahre begrenzt. Danach sollte die Sendezulassung wieder ausgeschrieben werden – und zwar zum Herbst 2019.
Radio24syv hätte auch die Möglichkeit gehabt, sich zu bewerben, aber der Sender hat am Donnerstag mitgeteilt, dass er aufgibt. Der Grund: Radio24syv könne nur in Kopenhagen gemacht werden und nicht in der Provinz.

Um es auf den Punkt zu bringen: Radio24syv ist beleidigt und protestiert gegen die Einmischung der Politik – und besonders der von der Dänischen Volkspartei. Um an das Staatsgeld in Höhe von fast 100 Millionen Kronen zu kommen, werden diesmal nämlich neue Forderungen gestellt: 70 Prozent der Redaktion müssen ihren Sitz mindestens 110 Kilometer von Kopenhagen entfernt haben.

Obwohl Radio24syv eine gute Alternative zu DR P1 geworden ist, haben wir dasselbe noch mal bekommen – nur anders. Radio24syv liefert erfrischenden und innovativen Journalismus – aber es ist wie P1 ein Sender mit Ausgangspunkt in der Hauptstadt. Radio24syv hat in den vergangenen Wochen jede Menge Beispiele gefunden, wie der Sender auch aus der Provinz berichtet hat. Aber darum geht es nicht: Es geht um die Sichtweise und das Umfeld, in dem die Mitarbeiter arbeiten und wohnen. Der Blick auf Dänemark sieht anders aus von Apenrade oder Aarhus als aus Kopenhagen.

Deshalb ergibt es Sinn, dass der nächste Sender außerhalb Kopenhagens platziert wird. Radio24syv hat demonstrativ das Handtuch geworfen, statt am eigenen Konzept zu feilen. Jetzt lädt der Sender „passend“ seine ganze Wut auf die Dänische Volkspartei ab und hat somit einen Buhmann, statt die gleiche Umstellungsbereitschaft zu zeigen, die andere Unternehmen immer wieder an den Tag legen müssen, wenn sich ihre Marktlage ändert. Radio24syv ist – so gut der Sender auch gewesen sein mag – nicht von der Politik geschlossen worden, sondern vom Sender selbst und von der eigenen Arroganz.

Arme Mitarbeiter, von denen einige vielleicht unter anderen Bedingungen hätten weitermachen wollen. Ihre Leitung hat sie fallen lassen, um stattdessen die ideologische Fahne hochzuhalten. Ab Herbst sendet dann ein neuer Radiosender. Es wird nicht wie Radio24syv – es wird anders. Aber das muss nicht heißen, dass es schlechter wird.

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