Leitartikel

„Pforte nach Europa “

Pforte nach Europa

Pforte nach Europa

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Offene Briefe sind gut, aber es ist eben vor einer Wahl wichtig, auch offen über jene Fragen zu sprechen, die für unsere Zukunft von großer Bedeutung sind, meint Siegfried Matlok.

Die Folketingskandidaten werden in diesen Tagen mit Appellen und offenen Briefen überschüttet – natürlich auch von Organisationen, die im eigenen Interesse etwas auf dem Herzen haben. Zum Beispiel hat „Udviklingsrådet Sønderjylland“ (URS) einen offenen Brief an die „lieben südjütischen Folketingskandidaten“ geschrieben. Die Anschrift ist insofern interessant, da Nordschleswig bis zur Kommunalreform 2007 mit der eigenen Amtskommune sozusagen selbstständig war, seitdem jedoch bei Folketingswahlen ganz zum Großkreis Südjütland gehört. Also auf dem Briefpapier alles korrekt, nur es zeigt eben, dass die künftigen nordschleswigschen Abgeordneten nicht nur ihrem eigenen Landesteil verpflichtet sind, was letztlich bedeutet, dass es die lokalen und regionalen Abgeordneten im eigentlichen Sinne nicht mehr gibt. Weil sie nur durch Stimmen aus ganz Südjütland wählbar sind.

Das macht es für die nordschleswigschen Wähler am 5. Juni beim persönlichen Kreuz nicht leichter – und gewiss auch nicht für die Abgeordneten, die aus Nordschleswig kommen und dann auf Christiansborg unsere Interessen vertreten sollen. Zur Sache: Der Entwicklungsrat URS hat seit seinem Bestehen bereits wertvolle Arbeit geleistet, und es ist gut und richtig, die Kandidaten vor dem Wahlgang auf die besondere Situation im Landesteil hinzuweisen, ein Landesteil, der sich geografisch nicht zuletzt durch das Grenzland von den übrigen Landesteilen wesentlich unterscheidet.

Dass URS die eigene Position als „Pforte nach Europa“ bezeichnet, ist nicht nur Marketing, sondern bringt eben zum Ausdruck, welche Möglichkeiten in dieser strategischen Platzierung stecken. Ein Entwicklungsplan für die Infrastruktur im sogenannten Jütland-Korridor wird gefordert – dazu gehört ja unter anderem auch das Doppelgleis auf der nordschleswigschen Bahnstrecke –, vor allem aber wird zu Recht vermisst, dass die deutsch-dänische Transportkommission trotz jahrelanger Arbeit bisher keine gemeinsame Antworten auf die Herausforderungen der kommenden Zeit geliefert hat.

„URS“ ist keine politische Organisation, spricht sich also neutral weder für eine Venstre-geführte noch für eine sozialdemokratische Regierung aus. Deshalb werden heiße politische Themen im offenen Brief auch bewusst vermieden. Was bedeutet eine künftig zu erwartende „permanente“ Grenzkontrolle nicht nur für den Transportsektor, sondern auch für die Menschen im Grenzland und für ihr gegenseitiges Verständnis, die Grenzen nicht wieder als mentales Hindernis aufzufassen? Und was ist mit dem Vorschlag, dass der Generationswechsel auch für kleinere und mittlere Betriebe verteuert, erschwert werden soll, falls es einen Regierungswechsel geben sollte? Und dies in einem Landesteil, wo es eben nicht nur große, globale Unternehmen gibt, sondern auch viele mittelständische Betriebe mit hoher Beschäftigung.

Offene Briefe sind gut, aber es ist eben vor einer Wahl wichtig, auch offen über jene Fragen zu sprechen, die für unsere Zukunft von großer Bedeutung sind.
Damit diejenigen Kandidaten, die wir für das Folketing wählen, genau wissen, wo in Nordschleswig der Schuh drückt – nämlich auch anders als in Südjütland. Um die Pforte nach Europa zu öffnen statt zu schließen!

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